Zeitbombe Altersarbeitslosigkeit

Es gibt Phänomene in der Gesellschaft, die von der offiziellen Statistik nicht erfasst werden. Dazu gehört die Altersarbeitslosigkeit. So wird in den Arbeitslosenzahlen des Bundes die Zunahme von älteren Ausgesteuerten, Sozialhilfebezügern und unfreiwillig Unterbeschäftigten nicht abgebildet. Das weiss auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), aber etwas dagegen unternehmen will es nicht. Denn nach wie vor behandeln das Seco und der verantwortliche Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Altersarbeitslosigkeit stiefmütterlich.

Beschäftigungsprogramme müssen endlich auch auf ältere, gut qualifizierte Fachkräfte ausgerichtet werden.

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Im besten Alter – und doch in einem Wiedereingliederungsprojekt für Arbeitslose: Ein Mann repariert in Lugano kaputtes Spielzeug. Foto: Karl Mathis (Keystone)

Dabei kennt mittlerweile jeder von uns einen Verwandten, eine Bekannte oder hat zumindest von jemandem gehört, der mit 45, 50 oder 55 Jahren seine Stelle verloren hat. Und seitdem verzweifelt auf Jobsuche ist. Neu ist, dass nicht wie früher überwiegend Niedrigqualifizierte oder Junge, sondern Menschen im besten Alter und oft mit sehr guter Ausbildung entlassen werden oder keine Anstellung finden.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Vor zehn Jahren begann der Arbeitgeberverband, den drohenden Arbeitskräftemangel aufgrund der demografischen Entwicklung zu thematisieren. 2007 wurde jedoch die Personenfreizügigkeit eingeführt, die Einwanderung explodierte, und junge wie billigere Fachkräfte aus dem Ausland lösten das Problem elegant.

Der Strukturwandel in vielen Branchen führte dazu, dass selbst das Können von Hochqualifizierten praktisch über Nacht nicht mehr gefragt war. Hier haben es viele Unternehmen versäumt, ihre Mitarbeiter mit konsequenter Weiterbildung davor zu schützen. Nicht vergessen darf man die nach wie vor weit verbreitete Altersdiskriminierung. Immerhin hat sich der Arbeitgeberverband zur Empfehlung an seine Mitglieder durchgerungen, in Stelleninseraten künftig keine Alterslimiten mehr zu nennen.

Letztes Jahr kam es mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative zum grossen Knall. Zwar kocht die SVP wie immer ihr ausländerfeindliches Süppchen, aber mit ihrer Forderung nach einem Inländervorrang stösst sie auf Akzeptanz weit über die Parteigrenzen hinaus. Mit dem Dauervorwurf der «Sozialschmarotzerei» hat sie jedoch die vielen schuldlos arbeitslos gewordenen Menschen zusätzlich stigmatisiert und intelligente Reformen erschwert. Intelligent heisst, die Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit kostenneutral zu modernisieren. So sollten sich beispielsweise ältere Fachkräfte – währenddem sie Arbeitslosengeld beziehen – individuell weiterbilden oder umschulen können.

Das Seco und die kantonalen Arbeitsämter sind darauf fixiert, möglichst schnell viele Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Es interessiert sie nicht, ob ein Programmierer in einem Callcenter landet. Hauptsache, die Arbeitslosenzahl bleibt schön tief.

Und noch etwas: Einige Mitarbeiter der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren scheinen manchmal zu vergessen, dass es sich bei Arbeitslosen um Versicherungskunden handelt. Arbeitslose haben meist jahrelang Tausende von Franken in Form von Lohnprozenten in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt und erwarten zu Recht Dienst am Kunden.