Der Mythos vom sinkenden Maturaniveau

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In der Rubrik Bildung des Politblogs geht es um aktuelle Themen der Bildungspolitik. Autoren sind Andreas Pfister (Leitung), Philipp Sarasin, Patrik Schellenbauer und verschiedene Gäste.

Der Fachkräftemangel ist in aller Munde, und gegenwärtig etablieren sich entsprechende Fachkräfteinitiativen. Auffällig ist: Sie fokussieren vor allem auf die Frauen, die Arbeitslosen, die Alten. Nicht aber auf die Jungen. Eine Bildungsoffensive ist für sie nicht vorgesehen, das jugendliche Potenzial gilt als ausgeschöpft. Man will lieber weniger als mehr Maturanden, denn man fürchtet um das Niveau.

Eigentlich ist die Sorge um das Niveau erfreulich, denn was den Bildungsplatz Schweiz auszeichnet, ist Qualität. Doch diese Qualität gegen Quantität auszuspielen, vor Massen-Unis und Mittelmass zu warnen, greift zu kurz. Bei einer moderaten Erhöhung der gymnasialen und der Berufsmatura-Quote ist es sehr wohl möglich, sowohl das Niveau als auch die Quote zu steigern. Das eine schliesst das andere nicht aus.

Eine echte Fachkräfteinitiative wäre in erster Linie eine Bildungsoffensive.

(Keystone)

Das Lernen wird gelernt – wie ein Handwerk: Maturanden in Aarau. (Keystone)

Die Klagen über das angeblich sinkende Niveau folgen ziemlich durchsichtigen diskursiven Mustern. Das Bluffen mit der eigenen Strenge ist vor allem Selbstinszenierung, die Niveau-Jammerer betreiben billige Empörungsbewirtschaftung. Die Story von ungenügenden Maturanden ist einfach zu schön, sie ist Balsam für die Ressentiments den Studierten gegenüber. Der Mythos vom angeblich sinkenden Niveau geht auch deshalb nicht auf, weil nicht einfach die Intelligentesten am Gymi sind, sondern jene mit entsprechendem «sozio-ökonomischem Hintergrund». Das heisst, es gibt noch viele talentierte Jugendliche aus «bildungsfernen» Schichten, die den Ansprüchen des Gymnasiums oder der Berufsmatura durchaus genügen könnten. Dazu kommt: Jugendliche sind nicht einfach dumm oder gescheit. Intelligenz ist nicht nur angeboren, man kann sie auch entwickeln. Talente kann man fördern – oder verlieren. Denken ist eine Praxis, das Lernen wird gelernt – genau wie ein Handwerk. Sonst bräuchte es keine Schule. Das Niveau wird gemacht.

Es ist wahr: Eine wichtige Studie (Evamar II) hat bei einem Teil der Maturandinnen und Maturanden Mängel festgestellt, z. B. in Deutsch und Mathematik. Das Problem ist erkannt und wird angegangen. Heutige Maturandinnen und Maturanden können nicht weniger – sondern anderes. Es geht nicht nur um die Stoffmenge. Innovative Köpfe beherrschen mehr und Anspruchsvolleres als die blosse Anwendung von Rechtschreibregeln oder Formeln. Sie sind besser auf das selbständige wissenschaftliche Arbeiten vorbereitet denn je. Die Maturaarbeiten, welche heute geschrieben werden, dürften manch einem – mir zum Beispiel – die Schamesröte ins Gesicht treiben, denkt man an die erste Proseminar-Arbeit zurück.

Was tun? Das Niveau ist nicht verhandelbar, deshalb ist ein «Heimatschutz» für Schweizer Studierende und Dozierende keine Option. Aber wir müssen dafür sorgen, dass sie mindestens die gleichen Startchancen kriegen. Gegenwärtig werden sie benachteiligt durch mangelnde Förderung und übermässige Selektion. Darum wäre eine echte Fachkräfteinitiative in erster Linie eine Bildungsoffensive.