Das Schweizer Geissenpeter-Syndrom

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Warum mag man in diesem Land keine Akademiker? Warum behauptet man so steif wie falsch, wir hätten schon genug davon – und holt sie dann im Ausland? Ich habe nachgedacht (das tun Akademiker, weil sie keinen Nagel einschlagen können) und tatsächlich den Grund gefunden, den ich unbedingt mitteilen muss (das tun Blogger, warum auch immer): Der Grund ist – der Geissenpeter. Nein, im Ernst. Er ist schuld.

Der Geissenpeter mit seinem blonden Strubbelkopf ist ein kerniger, ungezähmter Naturbursche. Die Schulstube ist ihm ein Graus. Er ist bockig und eifersüchtig – und total sympathisch. Eine Identifikationsfigur, ein nationaler Mythos. Dass er nicht schreiben und lesen will, ist kein Manko, sondern ein Akt des Widerstands gegen die Entfremdung, gegen das gehorsame Sitzen in der Schulbank. Das ist allenfalls etwas für die Heidis. In Geissenpeters Welt gibt es keinen Nutzen für theoretisches Wissen, seine Lehrmeisterin ist die Natur: Er kennt die Berge, das Wetter, die Tiere. Wohingegen die gebildeten Städter ahnungslos und krank ankommen und Klara erst dank ihm gehen lernt.

Zum gesunden Handwerkerstolz gehört ein wenig Akademiker-Bashing.

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Junger Appenzeller während eines Alpaufzugs. Foto: Keystone

Wir mögen den Geissenpeter, weil er dem Bildungssystem einen vielleicht kindlich naiven, aber unbezwingbaren Widerstand entgegensetzt. Er ist frei – und er hasst die Schule. In dieser Ambivalenz begleitet er die Schweizer Bildungsgeschichte. Gegen das Geissenpeter-Syndrom mussten schon die Bildungsreformer des 19. Jahrhunderts ankämpfen, als sie gegen den Widerstand der Bauern eine allgemeine Schulpflicht einführten. Verfolgt man die heutige Bildungsdebatte, zeigen sich verblüffende Ähnlichkeiten in den Haltungen und Argumenten. Zwar steht nicht mehr die Volksschule im Fokus, aber umstritten bleibt die nachobligatorische Bildung. Das Geissenpeter-Syndrom äussert sich damals wie heute in der Überzeugung, zu viel schulische Bildung sei letztlich überflüssig. Nicht die Ansprüche der Arbeitswelt hätten sich erhöht, sondern bloss jene der Schule. Also sei wenn schon die Akademisierung das Problem. Wir hätten zu viele und zudem die falschen Akademiker, heisst es. Genauer wäre: Von den einen brauchen wir einfach noch mehr als von den anderen.

Zum gesunden Handwerkerstolz gehört ein wenig Akademiker-Bashing, das ist schon okay. Doch das Geissenpeter-Syndrom führt zu einer unheiligen Allianz: Die Bildungselite bleibt gerne unter sich. Und die «Bildungsfernen» sind nicht unglücklich darüber, im Gegenteil: Vielen sind die Studierten sowieso suspekt. Dabei ist schulische Bildung gar nicht so nutzlos. Gerade weil sie über den unmittelbaren Nutzen hinausreicht, weil sie Distanz schafft zur Praxis, macht sie es möglich, diese Praxis zu hinterfragen und zu verändern. Das ermöglicht Neues, Innovation und Fortschritt.

Deshalb gilt es, nicht nur den Anteil an Akademikern zu erhöhen, sondern auch die schulischen Anteile in der Lehre. Heute vermittelt auch die Berufsmatura höhere Bildung, und studieren kann man auch an Fachhochschulen. Diese Errungenschaften gilt es auszubauen. Unweigerlich werden auch hier kritische Stimmen laut: Theoretische Bildung laufe dem praxisorientierten Profil der Lehre zuwider, heisst es. So viel Kritik setzte schon dem Heidi zu: «Dieser hartnäckige Widerstand gegen etwas, das gut und recht war und dem Heidi so sehr am Herzen lag, brachte es in Aufregung.» Und womit droht es dem Peter, der nicht in die Schule will? Richtig, mit noch mehr Schule.