«Ich möchte, dass meine Kinder studieren»

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Wer heute sagt, er sehe seinen Nachwuchs an einer höheren Schule, muss sich auf eine Reihe von Fragen gefasst machen, die eigentliche Vorwürfe sind: Noch so ein Rabenvater, noch so eine Tiger-Mom, die ihre Kinder ans Gymi pushen – selbstverständlich nur aus dummem Prestigegedanken. Denn korrekterweise hat man nachzuschieben: «Wenn sie es können und möchten.» Aha. Dann ist auch gleich die Rede vom Lebensglück, das natürlich unvereinbar ist mit tristem Drücken der Schulbank, und von Schulmüdigkeit, als ernsthaftes Argument gegen das Gymnasium.

Liegt die Lösung etwa darin, schulmüde Kinder aus der Schule zu nehmen? Tut man das vielleicht in der Primarschule? Hört man auf mit Zähneputzen, weil das Kind keine Lust hat? Man soll aufhören, die Eltern zu deckeln. Tagtäglich suchen sie nach besten Lösungen für ihr Kind, wägen Fordern und Beschützen sorgfältig ab – schon beim Haustier, dem Musikinstrument, der Sportart – und erst recht bei der Bildung.

Nicht die Eltern müssen sich ändern, sondern das Bildungssystem.

Chemiestunde am MNG Rämibühl in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Druck aufs Gymnasium ist die Lösung: Chemiestunde am MNG Rämibühl in Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Diskurs ist strikt reglementiert, der Tenor klar: Eltern nerven. Selbstherrlich werden jene an den Pranger gestellt, die pushen statt kuschen. Dabei können einige ihre Kinder gar nicht unterstützen. Andere fürchten, ihr Fleisch und Blut zu verlieren an ein fremdes, akademisches Universum. Von jenen, die ihren Kindern bewusst Steine in den Weg legen, wollen wir gar nicht anfangen.

Das Elternhaus ist immer noch der zentrale Faktor bei der Wahl des Bildungswegs. Das wissen wir schon lange, vielleicht zu lange. Wir haben uns an die Ungerechtigkeiten gewöhnt, wir leben mit einer theoretischen Chancengleichheit, die faktisch nicht umgesetzt wird. Statt hier einmal mehr eine angestaubte Debatte loszutreten, muss die Frage doch lauten: Warum ändert sich das nicht? Es ist wahr: Die Berufsmatura und Fachhochschulen haben das Problem entschärft. Gelöst ist es nicht.

Die nervenden Eltern sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass sie zum Störfaktor degradiert werden. Das ist der eigentliche Skandal: dass ihr legitimer Bildungswille diffamiert wird. Genau so funktioniert Ausschluss von Bildung. Nicht die Eltern müssen sich ändern, sondern das Bildungssystem. Der Druck aufs Gymnasium ist nicht ein Problem, sondern die Lösung. Deshalb braucht es eine neuerliche Öffnung und Demokratisierung der verschiedenen Maturen und (Fach-)Hochschulen. In den letzten Jahrzehnten hat die Gymiquote ständig zugenommen. Jetzt soll sie stagnieren oder sogar sinken. Die bisherige Erfolgsstory des sozialen Aufstiegs war jene des Arbeiterkinds, das es zu höherer Bildung gebracht hat. Was werden diese Eltern nun sagen, wenn ihren Kindern die Bildung, die ihnen ermöglicht wurde, verwehrt wird?

Wer kümmert sich um die Jugendlichen, wenn nicht die Eltern? Wer vertritt ihre Interessen in bestem humanistischen Sinn – und nicht bloss die Bedürfnisse der Wirtschaft? Man darf sich nicht täuschen lassen: Gerade Akademikereltern verbergen ihre Ambitionen gerne hinter kuscheliger Kein-Druck-Rhetorik, ihre Kinder schaffen es scheinbar «zufällig» ans Gymnasium. Diesem Doppelspiel stelle ich meinen ehrlichen Wunsch entgegen, den sie vielleicht lustvoll durchkreuzen werden: Ich möchte, dass meine Kinder studieren.