Die Städte sind am Zug

Elefantenherden bewegen sich so schnell vorwärts wie das langsamste ihrer Mitglieder. So bleiben sie zusammen, so sichern sie ihr Überleben.

Es lohnt sich, das Beispiel zu vertiefen. Besonders nach der Abstimmung vom 9. Februar, bei der sich eine doch deutliche Diskrepanz zwischen der städtischen, selbstsicheren Schweiz und einer ängstlicheren, vielleicht auch zerbrechlichen Schweiz auftat. Das Beispiel liefert einen Hinweis, welche Rolle jene Regionen übernehmen sollten, die die treibenden Kräfte unseres Landes sind.

Solidarität muss sich vor allem in einem ehrlichen Dialog äussern.

Gebäude in der Agglomeration von Zürich. (Keystone)

Die urbanen Regionen müssen mit gutem Beispiel vorangehen: Agglomeration von Zürich. (Keystone)

Die städtische Schweiz, die ich gerne die temporeiche Schweiz nennen möchte, hat wesentlich zum Wirtschaftswachstum des Landes beigetragen. Eine Schweiz, die die Masseneinwanderungsinitiative abgelehnt hat, weil sie volles Vertrauen in sich hat. Ich denke dabei an die Mehrzahl der Städte und an ihre Universitäten. Vielleicht hat es diese temporeiche Schweiz es versäumt, den Kontakt zu den übrigen Regionen der Schweiz zu halten. Solidarität kann sich nicht darin erschöpfen, Beiträge an den kantonalen Finanzausgleich zu leisten – und seien diese noch so grosszügig. Solidarität muss sich vor allem in einem ehrlichen Dialog äussern. Diejenigen, die die Initiative angenommen haben, sind wirtschaftlich gesehen nicht gerade Stiefkinder: Die betreffenden Kantone weisen in der Regel Arbeitslosen- und Sozialhilferaten auf, die erheblich tiefer liegen als unsere. Probleme wie eine voll ausgelastete Infrastruktur, Wohnungsknappheit oder Kriminalität, wie sie für unsere Städte typisch sind, stellen sich ihnen nicht.

Was jetzt? Jene andere Schweiz, fern vom Gewusel der Agglomerationen, hat natürlich auch Angst, angesichts eines Tempos, dem sie nicht folgen kann, ihre Identität zu verlieren. Geblendet von unseren Erfolgen, von jenen unserer Navigatoren, die auf sämtlichen Weltmeeren triumphieren, und von unseren in vielen Farben schillernden Universitäten haben wir es versäumt, dieser Schweiz einen Besuch abzustatten. Wir haben es versäumt, ihr zu zeigen, dass wir Schweizer geblieben sind. Und dass unsere Betriebsamkeit, und unsere Öffnung dem ganzen Land nützten.

Auf den Punkt gebracht: Wir haben unsere Führungsrolle nicht wahrgenommen. Ähnlich wie in einer Elefantenherde sind es auch in einem Bundesstaat die kräftigsten Mitglieder, die die Führungsrolle wahrnehmen, und zwar indem sie zu den Langsamsten schauen, indem sie dafür sorgen, dass diese Schritt halten können. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn Studentenorganisationen, akademische Kreise – insbesondere die führenden ETH Lausanne und die ETH Zürich –, die jetzt die negativen Konsequenzen der Abstimmung vom 9. Februar zu spüren bekommen, ihre Führungsrolle wahrgenommen und sich auf dem Land engagiert hätten, hätten wir die läppischen 19’500 Stimmen locker zusammengebracht.

Ja, wir müssen die Führungsrolle, die wir uns im wirtschaftlichen Bereich erobert haben, auch auf politischer und kultureller Ebene wahrnehmen. Auf keinen Fall dürfen wir es zulassen, dass die Raubtiere – jene, die das Banner der Heimat nur schwenken, um es dann umso besser zerreissen zu können – die Herde entzweien. Es ist eine Schande, dass ein ehemaliger Bundesrat behauptet, die Romands seien weniger Schweizer als die Deutschschweizer. Es ist eine Schande, dass sich ein Schreiberling in einer Wochenzeitung, die sich derselbe ehemalige Bundesrat gekauft hat, in derselben Art und Weise zum Thema auslässt.

Wir müssen Gegensteuer geben und das, was den Bundesstaat eint, stärker betonen. Ein erster Schritt dazu ist, dass man der Wirklichkeit ins Auge schaut: Wenn es denn einen Graben gibt, so ist er auf keinen Fall ethnisch. Die Städte Zürich (66%), Bern (72%), Thun (67%) oder Solothurn (65.5%) haben die Initiative deutlicher abgelehnt als etwa Genf. Annähernd dasselbe Bild in St. Gallen, Luzern, Basel, Winterthur. Dieser Schweiz muss wieder die Rolle zukommen, die Führung in diesem Land vollumfänglich zu übernehmen.