Studenten sind mehr wert als Flugzeuge

Seit Mittwoch ist der Entscheid definitiv: Die Europäische Kommission schlägt Studentinnen und Studenten aus der Schweiz, die im Ausland studieren möchten, die Türe zu. Für 2014 und 2015 wird das Erasmus-Programm auf Eis gelegt, und die Schweiz wird vom grossen europäischen Forschungsprogramm Horizon 2020 ausge­schlossen.

Entgegen allen Äusserungen, die während der Abstimmungskampagne von den Befür­wortern der Masseneinwanderungs-Initiative gemacht wurden, und entgegen dem, was die SVP seit zwei Wochen verlautbaren lässt, wird für die Forschung und die Studie­renden in der Schweiz ein Kapitel geschlossen. Und eine Zukunft verbaut. Was für eine Unverantwortlichkeit! Was für ein tolles Beispiel für eine Souveränität, die darin besteht, uns zu schwächen, anstatt uns zu stärken! Was für ein grossartiger patriotischer Schwung, mit dem einem Teil der Schweizer Jugend die Flügel gestutzt wird!

Wir werden nicht darum herumkommen, die Prioriäten neu zu setzen.

Ein Architektur-Student konstruiert ein Modell. (Keystone/Gaëtan Bally)

Ein Architektur-Student konstruiert ein Modell. (Keystone/Gaëtan Bally)

Jedenfalls müssen Lösungen «pro domo» gefunden werden, um die Beträge der Euro­päischen Union kompensieren zu können, die jetzt verloren gehen. In Bezug auf die Studenten sind das 200 Euro pro Monat, für die der Bund jetzt aufkommen könnte. In Bezug auf Horizon 2020 müsste ein Gewinnausfall wettgemacht werden (auch wenn die zugewiesenen Mittel vollumfänglich an Schweizer Forschungseinrichtungen ausbezahlt wurden), denn die Schweizer Forschungsinstitutionen erhielten von Europa mehr, als die Schweiz im Gegenzug einschoss. Und vergessen wir nicht das Europäische Kultur­programm, das ebenfalls ausgesetzt wurde, von dem Schweizer Künstler ausgiebig pro­fitierten. Die Abstimmung vom 9. Februar wird also letztlich ganz erhebliche finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen.

Und wo soll der Bund jetzt das Geld auftreiben? Wie sollen die unseligen Auswirkungen dieser Initiative aufgefangen werden – wenigstens, was die Finanzen anbelangt?

Wir werden nicht darum herumkommen, die Prioriäten neu zu setzen. Die Frage soll ruhig jetzt schon gestellt werden: Wenn sich der Himmel schon für unsere Studenten schliesst, ist es dann wirklich nötig, ihn mit Kampfjets zu füllen? Der Vergleich hinkt zwar, ist aber notwendig. Was benötigen wir heutzutage am dringendsten? Forschung, gut ausgebil­dete und qualifizierte Fachkräfte – oder eine Luftwaffe, die Milliarden verschlingen wird und die bis heute keinen Beleg ihrer Tauglichkeit vorweist? Diese Frage wird sich die Schweizer Bevölkerung stellen müssen. Und sie wird am 18. Mai eine Wahl treffen müssen. Für den Kauf der 22 Gripen müssen über 3 Milliarden bereitgestellt wer­den. Investitionen dieser Grössenordnung zeitigen direkte Auswirkungen auf andere Departemente. Die Mobilität und die Sozialversicherungen werden betroffen sein, eben­so der Bildungsbereich. Will man wirklich damit fortfahren, die echten und lebendigen Trümpfe dieses Landes zugunsten von alten Zöpfen zu opfern?

Die Abstimmung vom 9. Februar hat unser Land in eine tiefe Krise gestürzt. Die Krise ist nicht nur institutioneller und politischer Art. Sie zwingt uns auch, für die Zukunft eine Wahl zu treffen. Am 18. Mai geht es darum, die Jugend den Kampfjets vorzuziehen und Isolationismus nicht länger mit Unabhängigkeit zu ver­wechseln.