Lesen Sie weiter, Sie werden beschimpft

Politik handelt vom Teilen der Macht und dem Verteilen des Geldes. Beides gibt in einer Demokratie zu reden und soll das auch. Es wird kommentiert, bestritten, kritisiert, debattiert, das heisst dann Meinungsbildung. Zum Beispiel in einem Blog wie diesem: dem Politblog.

Das Auffälligste daran sind aber nicht die Texte, Themen und Argumente der Bloggerinnen und Blogger, ihre Vielfalt, ihre stilistische Breite, ihre politischen Ansichten. Sondern die Uniformität der Reaktionen: der schrille Dissens. Immer mehr Journalisten gestehen, dass sie die Kommentare zu ihren Texte immer seltener lesen, einige haben ganz damit aufgehört.

Das hat mehrere Gründe, jeder für sich wiegt schwer genug, in der Kombination sind sie schwer auszuhalten. Und wenn Sie bis hierhin gelesen haben, verspüren Sie einen der Gründe vielleicht bei sich selber: die Wut, die einem aus den Kommentaren entgegenschlägt, dieser rüttelnde Zorn in den Texten. Nicht nur dem Autor oder der Autorin gegenüber, der Meinung oder dem Thema. Sondern gegenüber allen Kommentatoren mit abweichender Meinung.

Schon nach wenigen Einträgen fallen die Kommentatoren übereinander her.

Beschimpfung und Humor lassen sich durchaus verbinden: Hans-Joachim Heist als Wutbürger Gernot Hassknecht in der ZDF-Satiresendung «heute-show». Foto: ZDF

Beschimpfung und Humor lassen sich durchaus verbinden: Hans-Joachim Heist als Wutbürger Gernot Hassknecht in der ZDF-Satiresendung «heute-show». Foto: ZDF

Als Journalist wünscht man sich Reaktionen auf seine Arbeit, schliesslich sind vor allem Kommentare als Zuruf formuliert, der auf Antwort hofft. Die kann heftig werden, kontrovers ausfallen, intensiv formuliert sein – nichts dagegen. Was stattdessen passiert: Schon nach wenigen Einträgen fallen die Kommentatoren übereinander her, und je mehr sich mit ihrer Meinung melden, desto mehr gerät der Anlass in den Hintergrund, wird zum Vorwand für die eigene Inszenierung, für sich stapelnde Rechthabereien, für wechselseitige Beschimpfungen.

«Na, dann glauben Sie halt Ihren SVP-Gurus.»

«Sie sind schon sehr lernresistent.»

«Ein weiterer der unzähligen Artikel der Blauäugigkeit.»

«Selten so viel unreflektierten Unsinn gelesen wie in diesem Beitrag.»

(…)

«Wer diesen Kanon nicht mitsingt, wird als ‹Umweltsünder› ausgegrenzt: Es wird höchste Zeit, dass die grüne Eremiten-Ideologie zurückgedrängt wird.»

«Den sonst so selbstgerechten Linken, die stets verkünden wieviel ‹intelligenter› sie als die Anderen seien, ist das linke Seldwyla-Medienfilz-Gesabber zu peinlich, also ist es ‹rechts›.»

Undsoweiter, hin und her, dreihundertfach. Und die schlimmsten Voten sind schon ausgefiltert.

Das klingt jetzt so beleidigt, aber darum geht es nicht. Wir sind nicht beleidigt, wir sind frustriert. Es fehlt den Kommentatoren nicht an Argumenten, Zahlen und Zitaten, wir schätzen ihre Leidenschaft, anerkennen ihr Engagement. Aber woher kommt diese dauernde schlechte Laune, als Tirade abgefeuert, zum Hass gesteigert?

Und der kommt einem umso verbitterter vor, als es so vielen Kommentaren an allem gebricht, was den Stil ausmacht, hier nicht einmal gemeint als Anstand und nur sehr teilweise gemeint im Sinne von Rechtschreibung oder Grammatik. Sondern Stil als Ausdruck von Grazie, Rhetorik und Eleganz.

Und wenn das alles nicht möglich ist, wenn Sie darauf bestehen, so zu schreiben, wie Sie es tun, sei hier noch ein Wunsch angetragen, vielleicht liesse er sich so weit umsetzen, dass das Übrige leichter zu ertragen wäre:

Ginge es auch mit etwas Humor?