Ja zu mehr Grenzen – auf dem Teller

Der Schweizer Bauernverband (SBV) und die Grünen werden anfangs 2014 zwei Volksinitiativen lancieren, die eine strengere Regelung für Lebensmittel verlangen. Zwei Versuche, die darauf abzielen, den freien Verkehr von Lebensmitteln zu unser aller Wohl einzuschränken. Der erste Initiativtext verlangt den Schutz von Kulturland und eine Stärkung der inländischen Produktion, um den Selbstversorgungsgrad anheben zu können. Der zweite Initiativtext verlangt für importierte Produkte Labels, die die Einhaltung von Umweltschutznormen nach Schweizer Standard und menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der Produktionskette garantieren.

Die beiden Initiativen verfolgen nicht dasselbe Ziel und basieren auch nicht auf derselben Vision. Der SBV arbeitet professionell an der Verteidigung des bislang Erreichten und versucht einer Landwirtschaft, die dekorative Züge angenommen hat, mehr Produktivität einzuhauchen. Aber die SBV-Initiative hat dank des erklärten Willens, die grünen Räume zu erhalten – ein Anliegen, das den Schweizern am Herzen liegt –, durchaus Chancen, auch in den Städten gut anzukommen. Die eher urban daherkommende Initiative der Grünen vertritt eine Vision einer biologisch ausgerichteten einheimischen Landwirtschaft. Sie versucht weder die Produktivität zu verstärken, noch die Grenzen zu verriegeln, sondern zielt darauf ab, dem Konsumenten Garantien zu bieten. Zwei zwar unterschiedlich ausgerichtete, sich aber doch ergänzende Initiativtexte.

Es geht um die Widersprüche, in und mit denen die Schweizer Konsumenten leben.

Geteilte Freude: Eine Portion Currywurst mit Rösti in Genf. (Gaëtan Bally/Keystone)

Geteilte Freude: Eine Portion Currywurst mit Rösti in Genf. (Gaëtan Bally/Keystone)

Beide Initiativen gehen von derselben Feststellung aus: Waren wie Früchte, Gemüse, Käse, Fleischspezialitäten oder Wein billig zu kaufen, die tausende von Kilometern weit entfernt hergestellt wurden, ist ein Unding. Die Schäden an der Umwelt werden im Preis für derartige Waren nicht mitberechnet. Die importierten Lebensmittel konkurrenzieren lokale Produzenten auf unfaire Art und Weise: Die einheimischen Produzenten müssen kostenintensive Normen einhalten und im Vergleich zu Ländern mit schlechteren Arbeitsbedingungen hohe Sozialkosten auf sich nehmen. Das gelte für sämtliche Produkte, nicht nur für Lebensmittel, sagen Sie? Gut möglich – aber die Ernährung betrifft restlos alle, sie ist eine vitale Notwendigkeit, die untrennbar mit dem Boden und damit mit dem Umgang mit unserem gemeinsamen Raum verknüpft ist.

Die beiden Initiativen kommen gerade zur rechten Zeit, um den Finger auf die Widersprüche zu halten, in und mit denen die Schweizer Konsumenten leben. Letztere wollen Produkte von guter Qualität, die gleichzeitig so billig wie möglich sein sollen… also die Quadratur des Kreises. Muss man das wirklich erwähnen? – Das beste Lebensmittel für den Konsumenten ist nicht das billigste, sondern jenes, das zu einem fairen Preis verkauft wird. Ein Preis, der die Qualität garantiert, ohne den industriellen und kommerziell ausgerichteten Zwischenhändlern exzessiv in die Taschen zu arbeiten – zum Schaden der Produzenten.

Die Konsumentenschutzverbände wären gut beraten, dies zu berücksichtigen und die beiden Initiativen zu unterstützen: Ihre Befürwortung des Cassis-de-Dijon-Prinzips in den letzten Jahren erwies sich letztlich als Desaster. Die Preise für Lebensmittel sind nicht gesunken, hingegen hat die Qualität von Dutzenden von Produkten erheblich nachgelassen. Dass die Hochpreisinsel Schweiz auf den Preisschildern beibehalten wurde, war noch das kleinste Übel. Viel schwieriger war es, diesen Umstand den Mitgliedern dieser Verbände zu erklären – schwieriger jedenfalls, als den ewigen Protestsong gegen das ach so teure Leben anzustimmen. Tatsächlich wird der prozentuale Anteil der Ernährung am Warenkorb in der Schweiz immer kleiner (er liegt gegenwärtig bei 6,8 Prozent). Das Engelsche Gesetz greift: Je höher der Lebensstandard einer Gesellschaft, desto niedriger die prozentualen Ausgaben für die Ernährung. Es ist schon lange nicht mehr die Einkaufstüte, die die Haushalte belastet.

Wenn es denn eine verwerfliche Form des freien Verkehrs gibt, so ist es der freie Verkehr der Lebensmittel. Billige Nahrungsmittel führen dazu, dass deren Produktion und Verteilung immer stärker industrialisiert werden. Dieser Mechanismus erweist sich für die Landwirtschaft als destruktiv. Eigentlich müsste man noch weiter gehen als die beiden Initiativen: Man müsste den Produzenten ihre Würde und Wichtigkeit zurückgeben, wie das der Verband für eine nachhaltige Landwirtschaft Uniterre fordert. Im Bereich Lebensmittel wäre die Aufkündigung von Zollabkommen und die Wiedereinführung von Abgaben ohne Zweifel wünschenswert. Das ist aber vorderhand nur ein Traum, der der politischen Übereinkunft und den aktuellen Verbrauchergewohnheiten zuwiderläuft: Der Konsumtourismus der Schweizer im Ausland generiert in der Zwischenzeit schon mehrere Milliarden Franken – pro Jahr.

Was noch übrig bleibt, ist das individuelle Nachdenken über unsere Konsumgewohnheiten, über die Verschwendung von Lebensmitteln, über die gigantischen Massen an unverkaufter Ware, die über diese Festtage angehäuft wurden. Weniger konsumieren, dafür aber auf Qualität achten: Das wäre ein schöner Vorsatz für das neue Jahr. Die beiden Initiativen könnten mithelfen, den Vorsatz zu halten.

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