Schöne neue Öko-Welt

Schon mal etwas gehört von «nimby»? Nein, das ist kein neudeutscher Import à la groggy oder creepy, happy oder fancy. Nimby ist die englische Abkürzung für «not in my backyard»: nicht in meinem Hinterhof. Oder freier übersetzt: überall, nur nicht in meinem Garten, vor meiner Aussicht, in meiner Nachbarschaft.

Nimby ist eine Philosophie, für welche die Schweiz schon immer empfänglich war. Krieg? So ist eben der Lauf der Dinge, aber nur in Afrika, nicht bei uns. Streiks und Inflation? Bitte nur in Italien und Grossbritannien, nicht bei uns. Ozonloch? Zum Glück nur bei den Pinguinen, nicht bei uns. Denn die Welt hat uns und unseren Hinterhof immer schön in Ruhe gelassen. Und dafür waren wir, naja, ein bisschen dankbar.

Doch seit Kurzem wenden wir die Nimby-Philosophie auch landesintern an. Und das ausgerechnet im Zeichen angeblicher Sorge um andere Hinterhöfe: im Zeichen der Ökologie. Die Schweizer Politik erlebt geradezu eine Öko-Boom. Grüne Anliegen haben Erfolg an der Urne, und eine Partei mit «grün» im Namen wächst Richtung Bundesratsmass. Leider geht es da oft weniger um das «Oikos», das gemeinsame Haus, sondern bloss um die Interessen einiger – gut möblierter – Zimmer.

Bestes Beispiel ist nach wie vor die Annahme der Zweitwohnungsinitiative im März. Sie wurde bejubelt als unverhoffter Erfolg eines erwachenden ganzheitlichen Gewissens. Als Renaissance einer Liebe zu den Bergtälern. Dabei war es eigentlich ein vom Unterland verordneter Entwicklungsstopp für den Alpenraum. Der entsprechende Graben in der Abstimmung war eindrücklich. Und die Absicht ziemlich heuchlerisch. Denn die halbe Million Zweitwohnungen sind ja nicht etwa deshalb so kalt, weil die Bergbauern sie nicht vermieten wollten oder könnten, sondern weil ihre Besitzer – Unterländer – sie nur ein paar Wochen im Jahr für ihre eigenen Ferien brauchen.

Einst war die Ökologie gepaart mit dem Begriff Verzicht. Heute gilt sie als Geschwister des Wachstums.

Zweitwohnungen im Wallis. (Foto: Keystone)

Ökologie nimmt zunehmend egoistische Züge an: Zweitwohnungen im Wallis. (Foto: Keystone)

Diese Alpenfreunde werden ihre Zweitwohnungen nun auch nicht abgeben müssen. Die Inititiative lautete ja nicht auf Abriss der am schlechtesten ausgelasteten Wohnungen mit anschliessender finanzieller Entschädigung der Besitzer. Das wäre Ökologie im Verbund mit Verzicht gewesen – und an der Urne grandios gescheitert. Nein, die Zweitwohner dürfen vielmehr damit rechnen, dass sich ihre Immobilie nun erst recht vergoldet. Während Grund- und Erstwohnungsbesitzer im Alpenraum schlucken müssen, dass ihr Eigentum an Wert verliert. Das Stück Land vom Grossvater, das man zur Aufbesserung der Rente zu Geld machen wollte? Pech gehabt. Dafür kriegt der Zweitwohnungsbesitzer kein neues Haus vor die Aussicht. Nimby in Aktion.

Dasselbe im Kleinen ein paar Monate später: Im Kanton Zürich wurde die so genannte Kulturlandinitiative angenommen. Zürich, Winterthur und die Agglomerationen verboten den Landgemeinden, weiteres Ackerland einzuzonen. Um die «Zersiedelung» einzudämmen, hiess es. Angenehmer Nebeneffekt für landbesitzende Städter: Ihre Objekte gewinnen an Wert, und beim Sonntagsspaziergang stören keine Neubauten. Nimby? Nimby.

Aber die St.-Florians-Philosophie beschränkt sich nicht auf neues Bauen. Bei der Vorstellung der so genannte Energiewende stellte Energieministerin Doris Leuthard im September ganz nebenbei ein Präsent in Aussicht, dessen voller Wert sich den ungläubigen Kantonen erst allmählich erschliesst: Wer sein Haus energetisch saniert, soll die Kosten dafür von den Steuern abziehen können. Und zwar, ein Novum im Steuerrecht, verteilt über drei Jahre. Wer es also clever anstellt, kann seine Steuerrechnung drei Jahre lang auf null frisieren. Eine politisch korrekte grüne Null.

Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf droht bereits mit Steuerausfällen in dreistelliger Millionenhöhe. Mieter haben Pech gehabt. Sie können nichts sanieren. Steuern zahlen müssen sie trotzdem. Irgendjemand muss die Ausfälle ja refinanzieren, den Nimbys zuliebe. Was nach ökonomischen Anreizen für ökologische Vernunft klingt, ist in Wahrheit eine jener kleinen Umverteilungsnummern, wie sie in der Schweiz inzwischen gang und gäbe sind.

Einst war die Ökologie gepaart mit dem Begriff Verzicht. Heute gilt sie als Geschwister des Wachstums. Man muss sie sich leisten können. Eine schöne Diesel-Limousine, zum Beispiel, oder einen schicken Hybrid. Oder, total im Trend, CO2-Zertifikate: der praktische «Ablass» für die Ferien auf den Malediven. In einem solchen Umfeld ist es auch kein Problem, wenn der Chef der Grünliberalen zwischendurch eine Passfahrt auf seinem schweren Motorrad macht. «Nur» 200 Kilometer im Jahr.

Und inzwischen steht uns der ultimative Auswuchs der Nimby-Ideologie ins Haus: die Ecopop-Initiative, welche die Zuwanderung in die Schweiz aus ökologischen Gründen bremsen will. Nicht stoppen, um Gottes Willen, das wäre fremdenfeindlich, und von derlei distanziert sich die Ecopop-Bewegung ganz entschieden! Angestrebt sei vielmehr «eine Einwohnerzahl auf einem Niveau, auf dem die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft sichergestellt sind».

Die Schweiz als geschütztes Schrebergärtchen. Den Nimbys sollen keine neuen Masseneinwanderer vor der Aussicht siedeln. Dass übrigens das serbelnde Pflänzchen Ecopop-Initiative bis 120’000 Unterschriften gedeihen konnte, verdankt es demselben Franz Weber, der bereits die Zweitwohnungsinitiative zum Erfolg führte. So trifft man sich wieder.

Nichts scheint die schöne neue Welt der Schweizer Allerwelts-Ökologen zu stören. Nicht die steigende Zahl der Allradfahrzeuge (derzeit fast eine Million, Tendenz steigend). Nicht die Zahl der Zweitautos (30 Prozent der Haushalte und steigend; wann kommt eigentlich die Zweitauto-Inititative?). Nicht einmal der Klimawandel: Das deutsche Magazin «Focus», dem modernen «Konsumenten» schon immer sehr nah, brachte kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Es wird wärmer – gut so!». Denn «immer mehr renommierte Forscher» sprächen aus, was auf den Klimagipfeln noch tabu sei: «Der Klimawandel bringt auch Vorteile. Er lässt Wälder wachsen und Wüsten ergrünen.»

So ist er eben, der Nimby: optimistisch, ökonomisch, ökologisch – aber vor allem anpassungsfähig.

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