Auf einem Auge blind: Replik auf Walter Hollstein

Wie sehr müsste ich mich eigentlich darüber freuen, dass sich der Soziologe Walter Hollstein in seinem Politblog «Die ungestellte Männerfrage» so für mein vermeintlich starkes Geschlecht einsetzt. Denn er hat im Grunde ja recht; auch ich werde vermutlich wie die Mehrheit der Männer früher das Zeitliche segnen als meine Frau; niedergestreckt von Herzinfarkt, Lungenkrebs oder Leberzirrhose. Oder ich liege darnieder, weil mir mit dem Verlust der traditionellen Beschützer- und Ernährerrolle auch gleich jeder Lebenssinn als Mann abhanden gekommen ist. Soll ja vorkommen. Allerdings weiss ich nicht genau, was diese laut Hollstein «desaströse Gesundheitsbilanz» von Mann mit der aktuellen Diskussion um Frauenquoten in Spitzenpositionen zu tun hat. Denn das eine ist primär selbst verschuldet (oder selbst gewählt), das andere schlicht ungerecht.

Im Gros sterben wir Männer ja nicht früher, weil wir gezwungen werden in dreckigen Kohlegruben zu schuften oder weil wir als Handwerker von den Dächern fallen. Wir sterben, zumindest hierzulande, statistisch früher, weil wir das öde Alltägliche gerne hochtourig kompensieren: Wir saufen, rauchen und rasen uns durchs Leben, ohne Rücksicht auf morgen. Kurz: Wir haben Spass, pfeifen dafür auf Gesundheitsprävention und medizinische Vorsorgeuntersuchungen. Ich persönlich finde diese männliche Unbedarftheit vielleicht nicht löblich, aber sehr entspannend.

Einer Geschlechterquote mag der Mief des Unliberalen, Etatistischen anhängen. Aber sie hilft, verkrustete Strukturen aufzubrechen.

Kassiererin in einer Coop-Filiale. (Foto: Keystone)

Frauen sind in vielen schlecht bezahlten Berufen übervertreten: Kassiererin in einer Coop-Filiale. (Foto: Keystone)

Dass mich die Feminisierung der Moderne zu diesem riskanten Lebenswandel zwingen würde, ist Quatsch. Das Gegenteil ist der Fall, zumindest bei mir: Fährt Frau mit den Kindern übers Wochenende weg, verlassen mich mit ihnen auch gleich alle guten Geister, und stehend pinkelnd Pizza essen gehört noch zum Zivilisiertesten, was ich dann anstelle. Sollte es also in den von Hollstein postulierten und unterstützungswürdigen Männer- und Bubenprojekten darum gehen, mich als Mann an die gesundheitspolitische Leine zu legen, muss ich dankend ablehnen.

Nichts als Polemik ist auch, die Frauen als die eigentlichen Gewinnerinnen der Modernisierung zu bezeichnen (Wobei man sich ohnehin fragen darf: Was wäre so falsch daran, Frauen hatten in Sachen Gleichberechtigung auch etwas aufzuholen in den letzten 30 Jahren). Den Beleg dafür liefert Walter Hollstein gleich selber. Denn es stimmt, was er schreibt: Frauen machen heute die besseren Schulabschlüsse, studieren häufiger, dominieren ganze Fachbereiche und stellen die Mehrheit der kompetenten Berufsanfängerinnen. Bewusst oder unbewusst markiert der Soziologe in dieser seiner Aufzählung aber auch gleich die gläserne Decke, die Frauen auf dem Weg nach oben zurecht monieren: Sie endet bei den «kompetenten Berufsanfängerinnen». Vielleicht, weil es danach vorbei ist mit der vermeintlichen Herrlichkeit? Gerade Wissenschaftler wie ihn mit offensichtlicher Affinität für Statistiken sollte es doch nachdenklich stimmen, dass – angesichts dieser angeblich so hochqualifizierten Vorzeigegattung Frau – der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen der 115 grössten Schweizer Unternehmen bei mageren 5 Prozent liegt, und die Verwaltungsräte einen Frauenanteil von 11 Prozent haben.

Hollsteins Blick in die «Niederungen der Berufswelt» macht die Sache übrigens auch nicht gerechter, jedenfalls nicht solange er dabei einfach ein Auge zudrückt. Zweifellos ist in der Kehrichtabfuhr, der Kanalreinigung oder der Entsorgung von Gefahrengütern die Männerdominanz frappant. Das gleiche Bild – einfach mit umgekehrten Vorzeichen – präsentiert sich jedoch in «Frauenberufen» wie Kleinkindererziehung, Kranken- und Altenpflege, Putzhilfe oder an den Kassen der Supermärkte. Zu spüren bekommen diese Frauen die Folgen ihrer jahrelangen Rackerei vielleicht nicht so sehr im Kreuz (mit Ausnahme der Pflegefrauen), dafür in der Seele, im Gemüt – ganz sicher aber im Portemonnaie und auf dem AHV-Auszug.

Nun mag man dagegenhalten: Die Türen nach oben stünden gut ausgebildeten Frauen längst offen, sie wollen einfach nicht hindurch treten mangels Ehrgeiz oder aufgrund lebensfreundlicherer Alternativen. Nun, welcher offengeistige Mann mag es ihnen verübeln? Sich als Frau wider alle Widerstände in die Teppichetage zu «ellböglen», um dann in einem versnobten Männerclub zu landen, klingt in etwa so verheissungsvoll, wie sich als Mann abzurackern, um letztlich in einem Zimmer voller Filzkugel-behängter Rhythmuslehrerinnen zu landen. Einer Geschlechterquote mag der Mief des Unliberalen, Etatistischen anhängen. Aber sie hilft, verkrustete Strukturen aufzubrechen, und ist für die Wirtschaft – davon bin ich überzeugt – eine willkommene und längst fällige Frischluftzufuhr. Von alleine, das wissen wir Männer aus Erfahrung, reissen wir selten das Fenster auf oder wechseln die Bettlaken – das tun unsere Frauen für uns. Und dann atmen wir auf und sagen: Ah, was war das doch für eine gute Idee! Darauf hätte ich auch selber kommen können.

Walter Hollstein hat seinen Politblog mit dem geschassten Männerbeauftragten Markus Theunert beendet. Leider aber hat er den guten Mann in einem entscheidenden Punkt missverstanden. Theunert wollte nie, wie Hollstein das getan hat, Mann gegen Frau ausspielen und eine neue Opferdiskussion vom Zaun brechen. Denn, so schreibt Theunert, «sonst ist man immer am Vergleichen und fragt sich, ob es besser ist, fünf Jahre früher zu sterben oder acht Prozent weniger zu verdienen.» Das sind, so betonte Theunert gerne «unmögliche Fragen».

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