Gleichstellung in der Falle?

In der Vergangenheit zeigte sich die Umsetzung des Prinzips der Gleichstellung der Geschlechter vor allem in Eroberungen. Heute aber befindet sich die Gleichstellung in einen krassen Widerspruch verstrickt, der sich negativ auf das Leben der Frauen auswirkt. Man predigt seit langer Zeit die geschlechtsunabhängige Behandlung von Frau und Mann – im Namen einer Gleichstellung, die bis heute noch gar nicht erreicht wurde. So wurden vor dem Hintergrund purer Formalität in der Gleichstellungsfrage mehrere Rückschritte im Gesetz verankert: Das Nachtarbeitsverbot für in der Industrie tätige Frauen wurde 1996 aufgehoben, das Rentenalter für Frauen wurde bis auf ein Jahr demjenigen für Männer angeglichen, und heute spricht man davon, die Witwenrente abzuschaffen.

Mit einer geschickten Rhetorik wird versucht, der Frau ihre hart erkämpften Rechte wieder abzusprechen.

Kopfstand für die Frau: Aktion des Stadtzürcher Gleichstellungsbüros 1999. (Bild: Keystone)

Kopfstand für die Frau: Aktion des Stadtzürcher Gleichstellungsbüros 1999. (Bild: Keystone)

Was auf den ersten Blick vielleicht logisch erscheinen mag, nimmt keinerlei Rücksicht auf das soziale Umfeld, in dem sich die Frauen bewegen. So sind es hauptsächlich Frauen, die Teilzeit arbeiten, was sich negativ auf ihr Einkommen, ihre Rente und ihre Karriere auswirkt und sie von ihren Partnern finanziell abhängig macht. Allgemein schliesst sich die Lohnschere zwischen Mann und Frau nicht und öffnet sich in gewissen Branchen sogar immer weiter. Frauen machen lediglich 9,5 Prozent der Führungskräfte aus und sind nur zu 11 Prozent in den Verwaltungsräten vertreten. Die Frauenrechtsbewegung in den letzten dreissig Jahren führte zu starken Ressentiments bei vielen Männern, da sie ihre Rolle in der Familie, in der Gesellschaft und im Beruf neu definieren mussten. In der Folge entstanden sogenannte maskulinistische Bewegungen, die nicht zu unterschätzen sind. Beim Familienrecht erreichten sie in kurzer Zeit, dass das gemeinsame Sorgerecht der Regelfall ist, ohne dieses jedoch an eine Unterhaltsvereinbarung mit demjenigen Elternteil zu binden, der die Kinder betreut. Die Berücksichtigung der Interessen des Vaters erfolgt völlig getrennt von der sozialen Realität der Familien: Die Aufteilung der Hausarbeit stagniert seit Jahren, die Väter werden nicht mehr in die Kindererziehung eingebunden als zuvor, und neun von zehn Alleinerziehenden – davon leben 25 Prozent unter der Armutsschwelle – sind Frauen. Ausserdem verschlagen einem die kürzlich gemachten Aussagen des schweizweit ersten – und vom Zürcher Steuerzahler finanzierten – Männerbeauftragten (der schon wieder zurückgetreten ist) geradezu die Sprache: Eltern und Lehrpersonen sollen sich nicht strafbar machen, wenn sie Pornofilme in Anwesenheit von Kindern ansehen. Die Forderung des Männerbeauftragten sagt viel aus über die Verleugnungen der Frau in unserer Gesellschaft, und ihre Konsequenzen sind gefährlich. Es muss an dieser Stelle daran erinnert werden, dass der Pornografie klare Grenzen zu setzen nicht heisst, der Moral oder Zensur zu verfallen. Es geht vielmehr darum, sich vor der ausartenden Darstellung einer Sexualität zu schützen, die von Gefühllosigkeit und Brutalität geprägt ist und den menschlichen Körper – vor allem der Frau – auf ein Sexualobjekt reduziert, das nicht selten bis zu dessen Zerstörung schamlos ausgenutzt wird. Die Einführung der Nachtarbeit für Frauen, das gemeinsame Sorgerecht ohne Gegenleistung und ein veränderter Umgang mit Pornografie bilden, so verschieden sie erscheinen mögen, einen gemeinsamen Mittelpunkt in der Gleichstellungsproblematik. Diese ist heute immer weniger vom gemeinsamen Streben nach einer Gesellschaft geprägt, in der sich Männer und Frauen gegenseitig respektiert fühlen und eine bessere Rollenverteilung geniessen, die die Situation beider Geschlechter verbessert. Im Gegenteil, Gleichstellung wird zu einer individuellen und privaten Angelegenheit. Mit einer geschickten Rhetorik, die den Anspruch auf Gleichstellung als Vorwand nimmt, wird versucht, der Frau ihre hart erkämpften Rechte wieder abzusprechen. Angesichts dieser Entwicklung ist es höchste Zeit, mit Geduld und ohne Vorurteile eine echte Gleichstellung der Geschlechter aufzubauen, die sich auf unsere eigentlich soliden Erfahrungen als Frauen und Männer stützt.

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