Marathon erlaufen oder erkaufen?

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Viele wollen hier dabei sein – doch die Hürden sind hoch: Läufer am Boston Marathon im April 2018. (Foto: Craig F. Walker/Getty)

Boston trägt jedes Jahr den wohl legendärsten Marathon aus – abgesehen von der historischen Mutter dieser Distanz in Griechenland. Seit 1897 laufen Sportler in der Stadt in Massachusetts 42 Kilometer, die Startplätze dafür sind heiss begehrt. Doch nun sorgt der Anlass für grossen Ärger. Es sind die neusten Anmeldebedingungen, die die Läuferwelt erzürnen. Und das völlig zu Unrecht!

Seit jeher gilt für diesen historischen Lauf ein ganz besonderes Anmeldeverfahren, denn die Organisatoren legen Wert auf ein schnelles Feld. Deshalb kann man sich kaum eine Startnummer über einen Reiseveranstalter erkaufen. Und verglichen mit anderen Marathons sind nur wenige Wohltätigkeitsläufer zugelassen, die durch die Einzahlung einer bestimmten Spendesumme ihren Startplatz erhalten.

Je schneller der Läufer, desto früher kann er sich anmelden

Die allermeisten Läufer (mehr als 80 Prozent) müssen sich für den legendären Marathon qualifizieren, indem sie eine bestimmte Zielzeit an einem Marathon vorweisen können. Diese variiert je nach Alter. Als Beispiel muss eine Frau zwischen 18 und 34 Jahren einen offiziellen Marathon in höchstens 3:35 Stunden absolviert haben. Dadurch erhält sie das Recht, sich anzumelden. Je deutlicher sie diese Zeitvorgabe unterbietet, desto früher geht für sie das Anmeldefenster für den Boston Marathon auf. Ganz zuletzt sind die Läufer am Zug, die genau ihre Zeitvorgabe geschafft haben.

So füllten Jahr für Jahr die schnellsten Läufer das Feld – und immer öfter blieben Läufer auf der Strecke, die eigentlich teilnahmeberechtigt gewesen wären. Weil aber die maximale Teilnehmerzahl bereits erreicht war, mussten sie zu Hause bleiben.

Das Fass zum Überlaufen brachte die kommende Ausgabe des Marathons. Die Kandidaten mussten ihre Qualifikationszeit um 4:52 Minuten unterbieten, um noch einen Startplatz zu ergattern. Mehr als 7000 Läufer, die eigentlich ihre Qualifikationszeit erreicht hatten, schafften es nicht ins Teilnehmerfeld. Das sorgte verständlicherweise für viel Unmut.

Gleiche Chancen für alle

Die Verantwortlichen haben nun reagiert und die Qualifikationsmarken aller Altersgruppen für 2020 um je fünf Minuten gesenkt. Neu muss also die Läuferin zwischen 18 und 34 Jahren in der Lage sein, einen Marathon in 3:30 Stunden zu absolvieren. Aber auch das brachte den Veranstaltern Tadel ein. Die Kritiker argumentieren, dass damit der historische Marathon nur noch sehr ambitionierten Sportlern zugänglich sei. Herr und Frau Normalläufer hätten so keine Chance mehr, einen der beliebten Startplätze zu ergattern.

Ja, es braucht nun einen grösseren Effort, um an die Startlinie in Boston treten zu dürfen. Ungerecht ist das allerdings nicht. Denn wie ein Blick auf die Anmeldebedingungen anderer grosser Marathons wie in New York zeigt: Die meisten Startplätze dieser Läufermagnete sind ausschliesslich über Reiseveranstalter erhältlich – und kosten eine Stange Geld. Das wiederum bevorzugt Läufer, die ein dickes Portemonnaie haben. In Boston haben alle Einkommensklassen dieselben Chancen. Das ist ganz im Sinne des Sportes.

10 Kommentare zu «Marathon erlaufen oder erkaufen?»

  • Markus Reinmann sagt:

    Stimmt zwar, aber doch wieder nur bedingt.
    So wirbt beispielsweise der Mt. Hood Marathon mit einem Negativ-Gefälle von weit über 1500 Höhenmetern damit, dass man hier besonders leicht seine Qualifikationszeit laufen kann. Wer also die Reise zum Mt. Hood berappen kann …
    Also selbst beim Boston Marathon lässt sich der Startplatz, wenn auch in geringerem Mass, erkaufen.

  • Markus Keller sagt:

    Ich bin vor 2 Jahren zum ersten mal den Moskau-Marathon gelaufen. Ist mit 3 Stunden Flugzeit deutlich näher und eine sehr interessante Route. Ich kam aus dem Staunen fast nicht heraus und hat trotzdem für eine Zeit knapp unter 4h gereicht ;-)

  • sepp z. sagt:

    Wird nicht mehr lange gehen, dann fordern SJW Quoten für alle 79 Geschlechter, sexuellen Orientierungen, für alle Hautfarben, für soziale Klassen, für das richtige Parteibuch. Wen interessiert schon Leistung, wenn der Zutritt über Quoten viel einfacher zu haben ist?

  • Maike sagt:

    Marathon ist doch Marathon oder nicht ? Ob ich nun in Boston, Hamburg oder Peking laufe… Kann ich sogar ab der eigenen Haustür machen. Und wenn man an das CO2 denkt, was man erzeugt, nur um in Bosten diese bummelige 40km zu laufen… Nein danke !

  • Walter Meier sagt:

    Vielleicht würde eine Aufteilung das Thema lösen können: 70% der Startplätze nach Zeit, 20% nach Losglück und 10% Versteigerung (hält die Kosten für die anderen tief)

  • Nicolas sagt:

    Ich finde, der Titel ist eine Dimension zu kurz gedacht. Sie (die Frage) und der gesamte Artikel berücksichtigt nicht die langjährigen Teilnehmer, welche quasi als Rückgrat eines solchen Traditionsevents fungieren. Bekommt demnach ein durchschnittlicher Amateurläufer, der einmal in Boston laufen will, den Vorrang vor einem Senior, der schon zum 20. Mal teilnehmen möchte, aber seine Sollvorgabe nun nicht mehr (z.B. aus Altersgründen) zu erfüllen vermag? Wenn Traditionsläufe diesen Aspekt nicht mehr berücksichtigen, dann sind sie nichts weiter als „ein weiterer Laufevent unter vielen“, ganz egal. Dann macht es die an und für sich zu befürwortende Praxis, dass Startplätze nicht an die Meistbietenden verhökert werden auch nicht besser.

  • Lucas Cannolari sagt:

    Boston kommuniziert super transparent und frühzeitig. Da der Lauf jedes Jahr total überbucht ist, müssen die Teilnehmer begrenzt werden. Schnelle Qualifikationszeiten sind hierfür sicher das richtige Mittel. Boston ist klar ein schneller Elite-Lauf. 3:00h für Männer in der Hauptklasse (18-35) ist knackig, aber für ambitionierte Läufer sicher zu erreichen. Es ist zu hoffen, dass durch Senkung der Limiten diese nun auch tatsächlich reichen. Wer auf Nummer sicher gehen will, läuft halt nen Marathon in 2:55h :)
    Und ja echt – gibt es was faireres, als sich durch sportliche Leistung zu qualifizieren? Die Startplätze für den NYC-Marathon werden undurchsichtig an Reisebüros vergeben, welche diese dann als total überteuerte Packages (CHF 3000 und mehr) verhöckern.

  • Rosche Meyer sagt:

    In New York kommen Sie eben gerade auch mit guten Zeiten zum Startplatz. Nur muss man dort nochmals einen zünftigen Tick schneller sein als für Boston. Für die von Ihnen erwähnte Kategorie 3:13 statt „nur“ 3:35 :)

  • Sam sagt:

    Was soll der Quatsch? Wenn ich an der Weltmeisterschaft in wasweissich teilnehmen will, muss ich mich normalerweise auch qualifizieren.
    Wenn Boston kein breitensportliches Event mehr sein will, dann muss man das akzeptieren.
    Natürlich ist es ärgerlich, wenn man eigentlich qualifiziert ist und dann nicht starten kann. Ich würde daher einfach einen Zielschluss von 3:00h einführen, – wer später einläuft wird nicht gewertet. Dann überlegen es sich viele Leute, ob sie wirklich teilnehmen wollen.
    Ich verstehe sowieso nicht, was so sexy daran ist, mit hunderttausend anderen Leuten durch eine Stadt zu rennen und dafür noch völlig überzogene Preise zahlen soll. Es gibt so viele kleine und feine Marathons. Aber bitte, geht alle nach London oder Berlin, dann hab ich woanders meine Ruhe.

    • Gerhard Engler sagt:

      Sie haben 100% recht. Ich halte es zudem ohnehin für blödsinnig, wenn Leute zu diesem Zweck tausende von Flugmeilen zurücklegen.

Kommentar

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