Wenn das Leben wieder leichter wird

Outdoor

Das Ziel im Blick: Die Autorin vor dem Gipfel der Rigi. Foto: Privat

Ich hatte mich auch mit meinem höchsten «Kampfgewicht» nie davon abhalten lassen, mich zu bewegen. Lange Zeit wünschte sich ein Teil von mir, eine der typischen Erfolgsgeschichten zu werden: Übergewichtiger Couchpotato steht vom Sofa auf und rennt später schlank einen Marathon. Oder so was in der Art. Aber meine Geschichte war halt schon immer etwas anders.

Und nun begann vor einigen Monaten nochmals ein neues Kapitel in dieser Geschichte. Ich hatte im November 2018 eine Magenbypass-Operation. Der Weg dorthin war eine über 25-jährige «Abnehmkarriere» mit Dutzenden Erfolgen und Hunderten von Rückschlägen – darum soll es in diesem Post heute aber nicht gehen.

Nein, heute soll es darum gehen, wie sich die Bewegungsfähigkeit und das Körpergefühl nach einer solchen Operation verändert haben. Wird das Training automatisch einfacher, wenn der Körper leichter wird? Ich würde diese Frage mit einem Jein beantworten. Im Moment sind mein Körper und mein Kopf irgendwie nicht synchron. Der Kopf kommt nicht hinterher, was die körperlichen Veränderungen angeht, und stellt sich manchmal quer.

Das Problem beginnt im Kopf

Beginnen wir mit dem Spitalaufenthalt: Als ich am Nachmittag aus der Narkose erwachte, war der erste Gedanke: Gut, ich lebe noch. Der zweite: Mensch, gebt mir was zu trinken. Der dritte: Jetzt liege ich schon seit Stunden flach … Ich will mich bewegen. 8 Stunden nach der Operation schlurfte ich schon wieder in meinem wundervollen Spital-Outfit durch den Gang des Krankenhauses, dabei grinste ich wie ein Honigkuchenpferd. Ich konnte schon wieder gehen! Jetzt würde das Leben leichter werden. Endlich!

Ein Fitnesscoach, der einem gut zuredet, ist manchmal Gold wert.

Nach einigen Wochen war dann auch die ärztlich verordnete Sportpause vorbei. Ich konnte mit gezieltem Ausdauer- und Kraftaufbau beginnen. Dabei ist es für mich unglaublich wertvoll, dass ich durch meinen Coach professionell betreut werde. Denn schnell stellten wir ein altes Problem fest, welches sich zwar verbessert hatte, aber noch nicht ausgemerzt ist: Der Kopf zeigt mir wesentlich früher Grenzen auf, als dies von den körperlichen Möglichkeiten her eigentlich der Fall wäre (naja, ich wurde ja auch nicht am Kopf operiert).

Nur Mut!

So stand ich bei einer Walking-Runde plötzlich vor einem ziemlich hohen Absatz, den ich irgendwie überwinden musste. Ich stand davor, schaute die Länge meiner Beine an – schaute den Absatz an – schaute nochmals auf meine Beine und dachte: «Nein, da kriegst du dein Gewicht niemals hinauf. Du kannst dich da gar nicht hochstemmen.» Umkehren war keine Option und so stand ich erst mal leicht ratlos da. Voll überzeugt davon, dass ich dieses Hindernis nicht überwinden konnte. Plötzlich hörte ich Steves Stimme in meinem Ohr: «Wie wäre es mit probieren, bevor du aufgibst?» Ich stellte mein Bein auf den Absatz, drückte mich ab und … oben war ich.

Es mag vielleicht banal erscheinen, aber genau diese Situation zeigte mir so viel auf. Dass ich mir immer noch sehr häufig zu wenig zutraue. Dass ich mehr Mut haben und Dinge ausprobieren sollte. Und wie wichtig es ist, nicht nur körperlich, sondern auch mental zu trainieren und alte Denkmuster aufzulösen. Denn mein sportliches Fernziel ist auch nach diesem Eingriff das gleiche geblieben – jetzt erst recht.

Gewinn an Lebensfreude

Kürzlich lief ich das erste Mal seit der OP wieder einen Abhang hinauf, den ich vorher regelmässig hochging. Er ist so richtig fies, mit vielen steilen Abschnitten. Und ja, ich habe immer noch stark geschnauft und nein, viel schneller bin ich noch nicht geworden. Doch als ich oben ankam, erinnerte ich mich an die sieben Atempausen, die ich früher auf dieser Strecke benötigte – und freute mich darüber, dass es nur deren zwei waren dieses Mal.

Vorgestern trug ich mein rund 14 Kilo schweres Gottenmeitli mit mir herum. Oder ich muss wohl eher sagen: Ich «schleppte» sie mit mir herum. Da überfuhr es mich mal wieder wie ein Schnellzug, dieses Gefühl der ewigen Schwere, welches viele meiner Lebensjahre so geprägt hatte. Nochmals für einige Momente zurück in die Nähe meines Ausgangsgewichts katapultiert zu werden, erfüllte mich mit einer enormen Dankbarkeit darüber, dass ich diese Gewichtsreduktion und die Erleichterung, welche sie für mein Dasein bedeutet, nun erleben darf. Ich freue mich riesig auf die kommende Wandersaison und bin gespannt darauf, wie sich Wandern mit weniger Gewicht anfühlen wird.

Ein Magenbypass ist keine Garantie auf ein «leichtes» Leben. Die Operation ist risikoreich, und es kann Komplikationen geben. Es geht hier auch nicht darum, die Risiken zu beschönigen. Sondern darum, zu erzählen, wie freudebringend und erfüllend es ist, wenn das Leben langsam, Schritt für Schritt, in manchen Bereichen leichter werden darf. Ich weiss noch nicht genau, wie sich das alles entwickeln wird und wo die Reise mich noch überall hinführen wird. Eines steht jedoch fest: Solange diese bewegt draussen an der frischen Luft stattfindet, werde ich jeden einzelnen Moment davon dankbar geniessen.

24 Kommentare zu «Wenn das Leben wieder leichter wird»

  • Doris sagt:

    Frau Baumann, es freut mich so, dass es immer weiter toll vorangeht und bewundere Sie dafür, dass Sie niemals aufgeben. Und wie immer freue ich mich über einen Beitrag von Ihnen, kein anderer Beitrag freut mich mehr. Bin einfach Ihr Fan und grüsse Sie lieb.

  • Nina sagt:

    Viel Glück und Erfolg. Ich finde Ihren Schritt sehr mutig. Sie werden es schaffen. Einmal Rigi und zurück. Diese erniedrigenden und besserwisserischen Kommentare sind unwürdig.

  • Sophie sagt:

    Das mit dem zuwenig Zutrauen und darum vieles lassen kenne ich leider zu gut. Ich wohne seit ein paar Jahren am Fusse eines grossen Bergs, der mich schon immer fasziniert hat. Teilstrecken hatte ich schon ein paar Mal abgewandert, aber nie von unten nach ganz oben. Ein paar Mal bin ich am Morgen mit Rucksack bereit gestanden und weil ich müde/schlapp/gestresst oder was auch immer war hatte ich Angst nicht hoch zu kommen und habs dann gleich ganz gelassen. Frust war die Folge. Irgendwann merkte ich dann, dass mich der Berg blockiert und ich gar nicht mehr Wandern gegangen bin. Also habe ich mich an einem Morgen aufgemacht, nicht an oben denken, nicht an oben denken und 6 Stunden später und 1000 Hm über meinem bisherigen Höchstaufstieg stand ich oben und konnte sogar noch atmen.

  • Mario Fehr sagt:

    Es ist immer amüsant wenn sich Menschen ohne Gewichtsprobleme zum Thema abnehmen äussern. Oft ist dann von Disziplin die Rede und indirekt schwingt mit, dass man selber darüber verfügt und der Übergewichtige nicht. Das war auch meine Ansicht und damit habe ich mich andauernd selber fertig gemacht.
    Jetzt habe ich mit einer ketogenen Diät in knapp 1 Jahr 30kg abgenommen – Disziplin hat es keine gebraucht, nur Wissen und etwas Kreativität bei der Essenszubereitung. Statt einem Magenband würde empfehlen Mal
    Stephen D. Phinney und Tim Noakes zu googeln.

  • Sportler sagt:

    Frau Baumann, das ist wieder ein toller Artikel. Ich selber liebe Sport und hatte noch nie Gewichtsprobleme. Ich bewundere Sie dennoch oder gerade deswegen wie motiviert sie sind und weiss bereits jetzt dass sie mehr erreichen werden oder schon erreicht haben als so mancher Sportler. Weiter so und hoffentlich gibts bald wieder ein Update von Ihnen. Und viel Erfolg und hoffentlich auch Spass bei Ihren sportlichen Vorhaben!

  • Lorena sagt:

    Typische Dekadenz der Generation Life-Style: Statt sich vernünftig zu ernähren, lässt man sich auf Kosten der Krankenkasse operieren. Kein Wunder laufen die Gesundheitskosten aus dem Ruder.

    • Nina sagt:

      Was für ein entsetzlicher Kommentar.

      • Franca sagt:

        Lorena
        Nicht alle übergewichtige Menschen fressen sich voll es gibt auch Erkrankungen die dazu führen können.
        Es ist traurig wie engstirnig manche Menschen sind. Sehr wahrscheinlich nach alle diese Diäten ernährt sie sich gesunder als du!!
        Lorena dokumentiere dich ein wenig. Ein kleiner Tipp Urteile nie jemand ohne zu kennen.
        Franca

        • Markus sagt:

          Allerdings muss man auch ehrlicherweise sagen, dass die wenigsten Übergewichtigen eine solche Erkrankung haben und diese Rechtfertigung daher fast immer nur vorgeschoben ist.

          Trotzdem wünsche ich Frau Baumann alles Gute und den Gipfelsieg auf der Rigi.

  • Marek sagt:

    Warum gibts in der Natur keine Übergwichtigen Tiere? ( ausser für den Winterschlaf)Weil sie nur das essen, was sie brauchen. Das funktioniert beim Menschen auch bestens. Oder haben sie schon einmal ein Tier gesehen, dass ein Magenband braucht. Viel Glück Frau Baumann

  • Schorsch Baschi sagt:

    Teilen Sie uns doch bitte mit, wann Sie dannzumal planen auf die Rigi zu wandern. Ich würde Sie gerne ganz oben antreffen und Ihnen für Ihre erfolgreiche Erstbegehung der Rigi gratulieren! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und bin sicher, dass Sie Ihr Ziel noch dieses Jahr schaffen werden.

  • Sandra Studer sagt:

    Ich wünsche ihnen von Herzen weiterhin eine gute Gesundheit.
    Was mich einfach nervt ist, dass Sie einen Magenbypass bezahlt bekommen, weil Sie übergewicht haben. Ich musste meine Brustvereinerung selbst bezahlen, nachdem ich mehr als 30 kg abgenommen habe nur am Busen ging kein einziges Kilo weg. Durch dieses Gewicht bekam ich Rückenprobleme. Ich spreche hier von 11000.- CHF, und die KK’s bezahlen in meinem Umfeld jedem einen Magenbypass. Was soll das? Musste alles selbst bezahlen, obwohl ich mit Sport und gesunder Ernährung abgenommen habe. Sogar meine Ärztin sagte mir, wenn ich mir alles wieder anfresse bekomme ich neue Brüste und einen Magenbypass..Da frage ich mich schon, was sich die KK’s überlegen.

  • Mike Sgier sagt:

    Liebe Frau Baumann
    Auch wenn ich nie Ihre Probleme hatte, stelle ich mir vor, wie hart es sein muss, jahrelang nicht vorwärts zu kommen. Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit und bin sicher, dass sich diese auszahlen wird. Das ist wahrer Sportsgeist.
    Bleiben Sie verletzungsfrei und gehen Sie weiter Schritt für Schritt.
    Toi, toi, toi!

  • steppi sagt:

    super guet! wieter so….
    gnüss s’neue lebensgfühl…

  • Laura Fehlmann sagt:

    Alles Gute!

  • annetta tamburini sagt:

    Ich wünsche Frau Baumann, dass sie ihr Wohlfühlgewicht erreicht! Es ist ganz sicher so, dass ihre Lebensqualität, ihre Freude daran steigt, wenn sie sich fitter fühlt, weniger Gewicht mit sich rumträgt. Dann wird alles wieder möglich: mit Ausdauer wandern zu gehen, Velo fahren, im Sommer ohne Hemmungen schwimmen zu gehen u.s.w. Klar sage ich mir auch: zu Übergewicht sollte es schon gar nicht kommen. Ich habe selber Jahrzehnte Erfahrung in meinem Wohlfühlgewicht zu bleiben, was mit zunehmendem Alter nicht leicht fällt. Ohne gesunde Ernährung mit nicht zu vielen täglichen Kalorien und viel Bewegung geht’s nicht. Jedenfalls bei mir nicht. Ich kenne auch eine Kollegin mit Magenbeipass. Sie verlor viel Gewicht, schaut genau auf ihre Ernährung und hält sich fit.

  • Gaby Häfliger sagt:

    Ich kenne Alexandra und ihr Leben. Bin nur stolz auf Sie! Eine tolle, ehrliche gute Frau.
    Schön gibt’s dich!

  • B. Aebersold sagt:

    Vielen Dank fuer den ehrlichen Bericht. Hören Sie nicht auf die ewigen Vorurteile der anderen, die Sie ja sicher bestens kennen….. Geniessen Sie Sie das neue Körpergefühl und die kommende Wandersaison!

  • Maria Cappuccino sagt:

    Liebe Frau Baumann

    Wieder ein sehr stimmiger Artikel! Schön geht es nach der Operation wieder bergauf. ;) lassen Sie sich von den negativen Kommentaren nicht runter ziehen. Sie sind eine Inspiration für viele, auch für mich.

  • Maike sagt:

    Ich frage mich da immer bei solchen schwer übergewichtigen Menschen – was ist in der Ernährung schief gelaufen ? So ein Übergewicht futtert man sich ja nicht in ein zwei Wochen an, das braucht schon seine Zeit. Hat da nie irgendein körperlicher seelischer oder umweltbedingter Reiz angeschlagen ? Als sich bei mir in jungen Jahren eine Wohlstandsrolle zu zeigen begann, meine Klassenkameradinnen die schicksten – engsten – Klamotten trugen und ich nicht mithalten konnte, da habe ich all meine Energie drann gesetzt, diese Rolle loszuwerden.
    Und so ein Magenbypass ist sicher hilfreich, aber der Kopf muss auch mittmachen. Die Zeiten der fetten Nahrung müssen vorbei sein.

  • Niklas Meier sagt:

    Warum brauchte es diesen Magenbeipass, war ein Abnehmen auf natürliche Art gesundheitlich nicht möglich?

    • JoeCH sagt:

      Wahrscheinlich nicht in nötiger Frist. Ich bin mir aber sicher dass sich Frau Baumann eingehend damit befasst und mit Fachleuten abgesprochen hat, bevor sie sich unter’s Messer gelegt hat. Sie wirk, zumindest in ihren Blog’s, nicht wie jemand der leichtfertig irgend was macht. Und sie versucht ja auch nicht erst seit gestern abzunehmen. Deshalb: Gute, motivierendes und sehr wertvolle Blog’s von Frau Baumann. Ehrlich und nicht beschönigend, aber selbstbewusst. 1000 mal besser als jeder „Body positivity“ Beitrag.

    • Katharina B. sagt:

      Die Antwort auf diese Frage hat Frau Baumann verlinkt, klicken Sie bitte auf „Abnehmkarriere“.

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