Über allen Gipfeln ist endlich Ruh’

Schluss mit dem Geplapper! Hier wird in aller Stille fotografiert. Foto: Pexels.com

Das Geplapper in der Bergbahn musste endlich dran glauben: Seit Skigebiet um Skigebiet aufrüstet und Gondeln, Kabinen und Hütten mit WLAN-Routern ausstattet, verstummen auch dort endlich die Gespräche.

Gäste aus dem Norden fragen nicht mehr detailverbissen nach, ob die rote Abfahrt wegen des vereisten Steilstücks nun eher als dunkelrot oder gar schon als hellschwarz einzuschätzen sei. Dröhnende Jungmännerstimmen überschlagen sich nicht mehr im Wettstreit, wen es «nach dem Kicker am übelsten zerlegt» hat. Und sonnengegerbte Luis-Trenker-Zombies versuchen nicht mehr, mit Geschichten aus der Vor-Skihelm-Ära Damen zu beeindrucken, die leicht ihre Töchter sein könnten. Diese überflüssigen Worte werden nun alle nicht mehr gesprochen. Und das ist gut so. Die Menschen steigen in die Bergbahn und beginnen sofort an den Reissverschlüssen der Skibekleidung zu nesteln. Handschuh aus, Smartphone raus. Dann wird gewischt, getippt, gedrückt, bis ein Ruckeln die Bergstation ankündigt.

Die Jagd nach der inneren Ruhe

Wer diese Entwicklung reflexhaft verdammt, hat nichts vom tieferen Sinn des Rausgehens verstanden. Die Digitalisierung der Outdoorwelt zerstört nicht etwa das Naturerlebnis, sie macht es erst wieder möglich. Der wahre Outdoorsportler geht nicht um der Geselligkeit willen nach draussen, oder um laut zu krakeelen – dafür ist die Stadt gemacht. Oder höchstens das Après-Ski-Etablissement unten an der Talstation.

Wer auf Abfahrts- oder Langlaufski dahingleitet, wer auf Schneeschuhen oder Tourenski nach oben strebt, der sucht etwas anderes: Er jagt der inneren Ruhe nach, jenem fast schon meditativen Zustand, der sich nur finden lässt, wenn die Natur still daliegt und sich der Körper im perfekt gleichmässigen Rhythmus bewegt.

Nur: Mit der Ruhe war es schon lange vorbei da draussen. Menschen fragten nach dem Weg, debattierten Lawinenverhältnisse, stritten, ob das da drüben nun das Weisshorn sein könnte oder nicht doch vielleicht das Schwarzhorn, und taten wichtig mit ihren perfekt auf die Verhältnisse abgestimmten Ski, deren Kokosfaser-Kevlar-Mischung in der Schaufel in diesem leicht angepressten Pulverschnee bei beginnender Föhnlage den Unterschied macht.

«Hast du ein Ladekabel dabei?»

Nach dem Outdoorerlebnis selbst wurde es meist noch schlimmer: Bei einem Schnäpsli oder einem Kübel Bier wurden Anekdötchen aus vergangenen Tagen zu Abenteuern aufgebauscht, auf Hütten begannen manche am Ende sogar noch zu singen. Und wer das Pech hatte, zu einem privaten Diavortrag über die Begehung der Haute Route eingeladen zu werden, durfte sich sicher sein, einer Fachdiskussion über den optimalen Filter für Stativ-Aufnahmen bei einsetzender Morgenröte beiwohnen zu dürfen.

Heute hingegen: #hauteroute #sunrise #nofilter, ab damit auf Instagram. Dem Ruhesuchenden gefällt das. Den Weg ins Glück zeigt geräuschlos die Touren-App an, Wetter-, Wind- und Schneeverhältnisse natürlich genauso integriert wie das personalisierte Werbebanner vom Sporthändler des Vertrauens. Dem lässt sich entnehmen, dass Kokosfaser-Kevlar inzwischen als noch älter gilt als der Schnee von gestern – die Zeichen stehen auf Power-Sale. Die Peakfinder-App verrät, dass das da am Horizont weder das Weiss- noch das Schwarzhorn ist, sondern natürlich das Zinalrothorn (4221 Meter, Erstbesteigung Leslie Stephen und Florence Crauford Grove mit Melchior und Jakob Anderegg, 22. August 1864, aber das jetzt nur mit einem Klick am Rande).

Über allen Gipfeln ist endlich wieder Ruh’, wer auf einen kleinen Bildschirm starrt, stört nicht mehr. Kopfhörer rein, weitere Anmerkungen bitte auf der Profilseite im Tourenportal in die Kommentare schreiben. Bewertung nicht vergessen! Und bitte gleich noch den Link zur Online-Petition für die flächendeckende Nachrüstung von Gipfelkreuzen mit WLAN-Routern beachten. Und auch wenn die Outdoorgemeinde durch das Wischen, Tippen, Drücken zugegebenermassen etwas autistisch wirkt: Mangels zwischenmenschlichem Kontakt wird sie sicher nicht aussterben. Die Frage «Hast du vielleicht ein Ladekabel dabei?» wird Menschen weiter zusammenführen.

3 Kommentare zu «Über allen Gipfeln ist endlich Ruh’»

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