«Tuning ist illegal und eine Straftat»

  • Selbstbeschränkung statt Regulierung: Claus Fleischer, Geschäftsführer von Bosch eBike Systems. (Fotos: Bosch eBike Systems)

  • Mehr Trails dank E-Mountainbike: Enduro-Profi René Wildhaber.

  • Mit Spass und Motorunterstützung bergauf: Vielen Bikern sind 25 km/h zu langsam.

Mountainbiker sind Optimierer. Sie optimieren sich selbst durch Training und, na klar, vor allem ihr Bike: leichtere, coolere Teile, bessere Bremsen, potentere Federung. Bei schwarzen Carbonfasern und in allen Farben eloxiertem Aluminium beginnen die Augen zu leuchten. So sind denn auch die meisten Mountainbiker leidenschaftliche Tuner. Bei den E-Mountainbikes sieht die Sache nicht anders aus. Vielen reicht der auf 25 Stundenkilometer begrenzte «Uphill Flow» nicht aus. Wer die Begriffe E-Bike und Tuning in die Google-Suche tippt, bekommt 27’900 Treffer. Tipps, Tricks, Hard- und Software-Updates: Das Web bietet jede Möglichkeit, dem E-Motor zusätzliche Power zu entlocken. 

Die Fahrradindustrie und nicht zuletzt die Motorenhersteller beobachten diesen Tuning-Trend mit Sorge und wollen ab 2019 geschlossen gegen Motor-Tuning vorgehen, auch aufgrund der Befürchtung, dass E-Bikes den Status «Fahrrad» in Europa verlieren. «25 km/h sind am Berg doch genug», meint Claus Fleischer, Geschäftsführer von Bosch eBike Systems, und hofft im Interview auf die Vernunft der E-Mountainbiker am Berg.

Herr Fleischer, Sie haben auf der Eurobike angekündigt, dass sich Bosch eBike Systems verstärkt mit einer Initiative gegen das Tuning von E-Bikes beschäftigt. Was ist denn so schlimm daran, wenn jemand sein E-Bike frisiert?
Wir haben bereits vor drei Jahren erkannt, dass Tuning zum Problem für das E-Bike werden könnte. Denn wenn wir Tuning nicht in den Griff bekommen, kann es für die Branche insofern kritisch werden, als dass Gesetzgeber, Versicherungen und Aufsichtsbehörden ebenfalls darauf aufmerksam werden und feststellen: Da fahren zu viele zu schnell, und es kommt dadurch verstärkt zu Unfällen. Dann könnte der Gesetzgeber regulieren – und auch überregulieren. Und dann könnte das Pedelec, wie wir es in Europa nennen, den Status Fahrrad verlieren.

Aktuell ist es dem Fahrrad mit allen Rechten und Pflichten gleichgestellt. Und das wollen wir verteidigen. Tuning ist nicht nur unfair im Sport. Es ist auch illegal und eine Straftat. Jetzt sind wir auf den ersten Blick mit dieser Position die Spassverderber der Branche. Aber wir sind davon überzeugt, dass der Spass so länger andauert. Denn wenn es durch Tuning zu einer einschränkenden Regulierung käme wie beispielsweise eine Versicherungspflicht, Kennzeichen- oder die Helmpflicht, dann würde die Akzeptanz der Radfahrer gegenüber dem E-Bike zurückgehen. Deshalb positionieren wir uns gegen Tuning.

Was ist denn generell der Unterschied, ob man jetzt einen Töff tuned oder ein E-Bike?
Das ist relativ einfach. Das Pedelec 25 muss nicht homologiert werden, es gibt keine Zulassungsauflagen. Wenn du es tunest, machst du aber aus einem nicht zulassungspflichtigen Fahrrad ein zulassungspflichtiges Fahrzeug. Damit wird es zur Straftat. Denn seitens der Überwachungsbehörden verletzt der Tuner damit die Versicherungspflicht: Ein motorisiertes Kleinkraftrad muss pflichtversichert werden, es benötigt ein Versicherungskennzeichen. Bei einem getunten Mofa bewegt sich der Tuner im selben Rechtsrahmen.   

Ganz viele Biker sagen, 25 km/h ist doch etwas arg langsam. Das fahren sie ja in der Ebene auch mit dem normalen Bike leicht. Gibt es hier keinen Spielraum nach oben? 
Die Frage kommt sehr oft und lässt sich einfach beantworten. Die Gesetzgebung in Europa sagt: Ein Pedelec hat eine Abschaltgeschwindigkeit von 25 km/h und eine Dauernennleistung von maximal 250 Watt. Damit ist das Elektro-Fahrrad als Fahrrad eingestuft. Wenn man die Geschwindigkeit anheben möchte, hat dies in Berlin und Brüssel zur Folge: Versicherungskennzeichenpflicht, Helmpflicht und keine Radwegbenützung. Das ist tatsächlich schwarz-weiss. Im Austausch mit vielen Verbänden in Berlin und Brüssel wurde klar: Die Ausnahme, dass ein E-Bike ein Fahrrad ist, wird es nur bis 25 Stundenkilometer geben. Sobald die Geschwindigkeit auf 30 oder 35 km/h angehoben wird, würden wir die genannten Auflagen bekommen.

Wie sieht das konkret in der Schweiz aus?
In der Schweiz gibt es das Speed-Pedelec, gleich wie in den anderen europäischen Ländern. Allerdings sind die Regularien und Zulassungs- und Nutzungsbestimmungen liberaler als beispielsweise in Deutschland oder den Niederlanden. Nimmt man Europa als Region, ist das Speed-Pedelec in der Schweiz am beliebtesten mit einem Marktanteil von etwas über 20 Prozent. Im restlichen Europa liegt der Anteil gerade einmal zwischen einem und zwei Prozent. Das Speed-Pedelec wird in Deutschland und den Niederlanden überreguliert: mit Licht, Spiegel, einklappbarem Ständer, Helmpflicht und ohne die Radwegnutzung. Und die Gefahr besteht, dass das durch Tuning eben auch für normale E-Bikes kommt. Die Geschwindigkeitsdiskussion ist für Pendler ein Thema, und hier bieten wir mit dem S-Pedelec die Wahl. 

Ein Tag im Bergführerleben von Marco Benz. (Video: Youtube/Bosch eBike Systems)

Und für Mountainbiker?
Nicht für Mountainbiker. Da sind doch die 25 km/h perfekt. Bergauf fährst du eh nicht schneller, runter bist du schneller und brauchst den Antrieb nicht. Warum muss es denn noch schneller sein? Es gibt doch schon genügend Diskussionen mit Wanderern und unmotorisierten Mountainbikern. Und auf Trails in den Bergen gibt es schon heute genügend Nutzungsdruck. Da ist es doch besser, wenn man sagt: Freiwillige Selbstbeschränkung, die 25 km/h reichen mir völlig, vor allem am Berg.

Oder wie die Amerikaner sagen: «Be careful what you are asking for!» Wenn du dir etwas wünschst, bekommst du immer beide Seiten der Medaille. Ganz ehrlich: Wenn wir auf den Trails noch schneller werden, rutschen wir immer näher ans Motorrad heran. Die Alpenvereine, vor allem in Deutschland und Österreich, sehen jetzt schon, dass zu viele E-Mountainbiker auf die Trails kommen. Wenn die dann auch noch schneller fahren, tun wir uns doch keinen Gefallen.

Und wie geht Bosch als Hersteller gegen Tuning vor, wie kann man diese Initiative verstehen?
Die Industrie hat sich mit den Normungsgremien getroffen und die sogenannte Pedelec-Norm angepasst. Diese Norm heisst EN 15194 mit der Ausgabe 2017. Diese Norm wird Mitte 2019 nach einer Übergangsfrist von eineinhalb Jahren verpflichtend. Sie besagt, dass die Systeme selbst erkennen müssen, ob sie getuned werden, und dann geeignet darauf reagieren. Wie das geschieht, sagt die Norm nicht, das muss jeder Hersteller für sich interpretieren. Das System macht über Sensoren und Software einen Plausibilitätscheck und überprüft, ob die Anzeige auf dem Display und die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit zusammenpassen. Wir haben das schon jetzt eingeführt, auch um die Händler ab jetzt mit den passenden Diagnosegeräten zu schulen. Ab nächstem Jahr legen wir nochmals nach. Wenn dann das System Tuning erkennt, muss es die Unterstützungsleistung des Motors reduzieren, sodass wir unter die 25 km/h kommen. In der Technik nennt man das einen «Limp-Home-Modus». Mit dem kommt man zwar noch irgendwie nach Hause, aber sicher nicht mit viel Spass und sicher mit weit weniger als 25 km/h.

Die Tuning-Kit-Hersteller sind ähnlich gute Software-Entwickler. Tritt hier die Branche geschlossen auf, um dagegen vorzugehen? Kriegt man Tuning überhaupt in den Griff?
Über den Zweirad-Industrie-Verband in Deutschland und Velo Suisse in der Schweiz ist das eine geschlossene Aktivität der Industrie. Aber das Phänomen ist ja auch gesellschaftlich ganz interessant. Ich vergleiche es gern mit Haustüren und Einbrüchen oder Computern und Virenprogrammen. Das ist immer eine «Balance of Power». Immer wenn du die Hürde höherlegst, kommt einer und knackt sie. Es scheint ein gesellschaftliches Phänomen zu sein, dass dafür genügend kriminelle Energie und auch die technische Leidenschaft vorhanden sind. Die Aufgabe der Industrie ist es, die Hürde immer höher zu setzen, sodass sie nur noch wenige, und dann mit grossem Aufwand, knacken können. Dennoch wird es immer einen geben, der so clever ist und auch den Aufwand betreibt, um so etwas zu knacken. Das Wichtigste ist, dass die grosse Masse nicht mehr so einfach ein E-Bike tunen kann. 

Sind Sie auf dem E-Mountainbike in den Bergen unterwegs? Sind Ihnen 25 km/h auf den Trails zu langsam? Oder haben Sie schon Konflikte zwischen Bikern, E-Bikern und Wanderern erlebt? 

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