Telemark – Revival einer alten Skitechnik

Telemark-Gefühl: Beim Telemarken ist man dem Schnee stets sehr nah. Fotos: Adobe Stock, Grafik: Marc Fehr

Beim ersten gemeinsamen Ausflug auf die Skipiste stellt sich jedem Paar unweigerlich die Frage: Snowboard oder Ski? An die Reaktion meiner damaligen Freundin erinnere ich mich noch heute: «Telemark? Meinst du das ernst?» Sie dachte wohl: Ob sie sich wohl mit mir auf der Skipiste zeigen lassen kann? Und sagte: «Ist das nicht nur für die Alten?» – «Keinesfalls!», versicherte ich ihr. Es gehe dabei zwar um eine alte Skitechnik, trotzdem müsse es nicht zwangsläufig nach lederbeschuhten Greisen aussehen, die sich auf wackeligen 2-Meter-Latten höchst brachial die Skipiste runterkämpfen.

Das Telemarken ist eine dynamische, kontrollierte Schrittform, die ihre Ursprünge im Norwegen des 19. Jahrhunderts hat. Der Norweger Sondre Norheim (1825–1897) gewann mit 42 Jahren das erste nationale Skirennen Norwegens – Bindung und Ski baute er sich zuvor selbst. Als Bauernsohn in der Provinz Telemark aufgewachsen, zählte er zu den besten Skispringern und Abfahrern seiner Zeit. Seine Idee, sich nur mit der Fussspitze am Ski zu befestigen, gewann damals an Beliebtheit und trägt noch heute den Namen seiner Heimatregion. Zudem erzählt man sich, dass jeder Telemarker einmal in seinem Leben nach Telemark pilgern soll, um über das Haus des Erfinders zu springen.

Fersenfreiheit

Das Telemarken ist aber auch heute noch aktuell. So wurden zwischen 1987 und 1996 jährlich, danach zweijährlich Weltmeisterschaften ausgetragen, die seit 1996 von der FIS organisiert werden. Dank Fortschritten in der Ski-Technologie und neuen, topmodernen Bindungen und Schuhen hat sich der Sport über die Jahre zwar verändert, das Prinzip blieb aber dasselbe. Die Fersen bleiben frei, auf dem Ski fixiert werden lediglich die Zehenspitzen.

Der Schweizer Telemarker Valentin Rodui an der Weltmeisterschaft 2017 in Thyon, Wallis. Jean-Christophe Bott (Keystone)

Telemarker schieben ihre Ski nach vorn und nach hinten, um den Ausfallschritt einzuleiten. Bei der Abfahrt «kniet» der Telemarker stets auf dem nach hinten geschobenen Bergski. Während der Kurve wird der Ski gewechselt, der hintere Ski kommt nach vorn, und der Telemarker kniet auf dem nun gewechselten Bergski.
 

Entlastung für die Gelenke

Ja, das geht in die Oberschenkel. Nach meinem ersten halben Tag auf den schwabbeligen Ski konnte ich kaum mehr gehen. Beim Telemarken wird tatsächlich sehr viel Spannung über die Muskeln erzeugt, was im Gegenzug dafür die Gelenke entlastet. Denn viele der Schläge, die bei Alpin-Skifahrern direkt auf Knie, Hüfte und Wirbelsäule wirken, werden beim Telemarken von den Muskeln abgefangen. Ähnlich wie bei einem Fahrrad mit Hinterradfederung entsteht eine Art Aufhängung, die auf zwei Achsen (beziehungsweise Beine) verteilt, Schläge von unten absorbieren kann. Durch die Veränderung der eigenen Körperhaltung kann der Ausfallschritt präzise auf den Untergrund angepasst werden.

Das Telemarken strahlt für mich eine ästhetische, eigenwillige Eleganz aus. Da man sich während der Fahrt meist in der Hocke befindet, ist man dem Schnee stets nahe. Geschwindigkeit, Untergrund und nicht zuletzt auch der eigene Körper werden intensiv wahrgenommen. Ich kenne gar Snowboarder, die auf das «Telemark-Feeling» schwören, ohne jemals auf Alpin-Ski gestanden zu haben. Die Stabilität im Ausfallschritt ist solide, das Gefühl einzigartig. Zudem garantiert einem ein Tag voller Ausfallschritte einen tiefen, gesunden Schlaf des Erschöpften.

Sind die Lieblingspisten an einem sonnigen Tag überfüllt, bietet es sich an, einfach einmal eine Telemark-Ausrüstung zu mieten und auf einem Anfängerhügel die ersten Kurven zu drehen. Die meisten Skischulen bieten Schnupper- oder Tageskurse an, in denen die Grundlagen erlernt werden.

Eine beliebte Nische in der Schweiz

Trotz all der Vorteile ist das Telemarken in der Schweiz bislang ein Nischensport. «Die Telemark-Lektionen haben weder zu- noch abgenommen. Im Vergleich zu normalen Ski-Lektionen befinden sie sich konstant auf sehr tiefem Niveau», sagt Hans Peter Casutt, Leiter der Skischule Flims. Diese Aussage kann der grösste Schweizer Telemark-Shop Cloud9.ch mit Sitz in Winterthur nicht bestätigen: «Wir stellten im Bereich Telemark über die letzten Jahre eine Steigerung der Nachfrage von bis zu 30 Prozent fest.» Ein möglicher Grund für die Diskrepanz: «Die wenigsten lernen das Telemarken in Skischulen. Meistens wird man erst von Freunden dazu verdonnert – und fängt danach an, es zu lieben.» Die Organisation Swiss Snowsports weist in ihrem Jahresbericht 2016/17 in der Disziplin Telemark total 894 Mitglieder (6,25 Prozent) aus. 75 Prozent ihrer über 14’000 Mitglieder fahren Ski, 15 Prozent Snowboard, 4 Prozent gehören zu der Kategorie Nordic.

Grundsätzlich kann auf jeden Ski eine Telemarkbindung geschraubt werden. Für Anfänger eignen sich gutmütige, weiche und eher kurze Ski besser. Fortgeschrittene Telemarker fahren Rennen, gehen auf Skitouren oder jibben sogar in Funparks.

Bei den Bindungen gibt es verschiedene Systeme, wobei die 75-mm-Norm und die NTN-Bindungen (New Telemark Norm) am weitesten verbreitet sind. Die Schuhe der NTN-Bindungen passen oft auch in Alpinbindungen, was für viele ein Vorteil sein kann. Ebenfalls praktisch: Beim NTN-System wird der Schuh in die Bindung eingeklickt, es können Stopper montiert werden – beim 75-mm-System weichen die Stopper einer optionalen Security-Leash. Gerade für Snowboarder oder Anfänger, die gern etwas weicher fahren, empfiehlt sich die altbewährte 75-mm-Norm. Wer Rennen fahren will, setzt meist auf NTN. Die Skistöcke fahre ich übrigens um etwa ein Viertel kürzer.

Zehn Tipps für Anfänger

      • Probiers doch einfach einmal für einen halben Tag aus – Ausrüstung mieten und im besten Fall zusammen mit einem Lehrer einen Einführungstag organisieren. Auch perfekt geeignet mit Freunden oder der Familie.
      • Trau dich, wieder einmal ganz bei null anzufangen. Als ich das erste Mal auf den Telemark-Ski stand, verstand ich die Welt nicht. Ich war immer schon ein guter Skifahrer, aber irgendwie war das etwas komplett anderes. Es tut gut, sich selbst in die Rolle des Anfängers zurückzuversetzen.
      • Halte deinen Körper gerade und unter Spannung. Es macht das Drehen und die Schrittwechsel viel einfacher. Spanne auch immer deine Bauchmuskulatur an.
      • Der Ausfallschritt: Finde eine stabile Position. Je nach Körpergeometrie, Fahrstil, Steilheit und Unterlage kann diese variieren. Manche fahren lieber tief, manche eher hoch. Prinzipiell befindet sich das nach hinten geschobene Knie etwa auf Höhe der vorderen Ferse. Das vordere Knie wird etwa 90 Grad gebogen und steht solide auf dem Talski. Drück das vordere Knie so weit nach vorn, bis die Ferse fast abhebt, aber nie ganz.
      • Verteile dein Gewicht gleichmässig auf beide Ski. Es ist falsch, zu denken, dass auf dem hinteren Ski kein Gewicht sein soll.
      • Stehe etwa Hüftbreit auf deinen Ski. Nicht zu eng, nicht zu weit. Atme bewusst, deine Oberschenkel verbrauchen viel Sauerstoff.
      • Steh am Anfang vor dem Schrittwechsel auf, gehe in eine alpine Skistellung, drehe den Oberkörper bis zum Erreichen der Falllinie, und schiebe dann den (neuen) Bergski nach hinten.
      • Es gibt verschiedenste Schrittformen, die du üben kannst: den Teledog, den Telesqual, das Rückwärtsfahren, das Springen mit Telemarklandung und so weiter. Bleib dran und feile an deiner Technik.
      • Wundere dich nicht, wenn dich ein anderer Telemarker mit einem freudigen «Tele-Ho!» beim Vorbeifahren auf der Piste grüsst, einer seiner Stöcke am Helm ein Horn bildet, der andere dem Gesäss angesetzt einen Schweif. Das ist ganz normal unter Telemarkern.


 
Wir verbrachten also unseren ersten gemeinsamen Tag auf der Skipiste. Sie auf dem Snowboard, ich auf diesen unheimlichen Brettern. «Okay, so schlecht sieht es ja wirklich nicht aus», gab sie nach der ersten Abfahrt in der Gondel widerwillig zu. «Irgendwie hat es Style. Einen gewissen Flow. Und immerhin bist damit beim Anschnallen nicht so schnell wie diese hektischen Skifahrer!» Ich schmunzelte, wechselte in den Ausfallschritt und fuhr ihr gemächlich hinterher.

1 Kommentar zu «Telemark – Revival einer alten Skitechnik»

  • Stefan Gisler sagt:

    Fahre seit 30 Jahre Telemark, gab damals die erste Welle von Begeisterten. Ist einfach grossartig – vor allem im Tiefschnee. Hänge dabei noch immer an der alten Rottefellla-Din-75-Bindung fest, was es wackelig, aber auch sehr frei macht!
    Danke für den Text – ein weiterer Tipp: Wer tief in die Knie geht, fällt auch nicht tief – direkter Schneekontakt schadet keinem Wintersportler!

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