Werbung in den Bergen? Nein, danke

Gezielt verfahren: Land Rover im grünen Skigebiet. Foto: Hans Peter Jost

Berge in der Werbung sind längst alltäglich. Umgekehrt sieht die Sache anders aus. Berge als Werbefläche, eine Dystopie? Leider nein. Ein Überblick.

Selfie-time? Foto: Swisscom

Der Getränkeautomat am Wanderweg
Die Wandernden im Weisstannental staunten nicht schlecht über den jüngsten PR-Gag der Firma Swisscom. Am 13. und 20. August dieses Jahres installierte der Netzbetreiber einen Getränkeautomaten am Wanderweg entlang des Gufelbachs. Per Smartphone konnten Wanderer mit Netzempfang ein Gratisgetränk beziehen. Netz hatten jedoch nur Swisscom-Kunden.

Kreuz an der Jungfrau. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Die Jungfrau im hässlichen Kleid
2012 wurde die Nordwand der Jungfrau anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Jungfraubahnen vom Lichtkünstler Gerry Hofstetter bestrahlt. Zunächst zu sehen waren das Schweizer Kreuz, ein Porträt von Bahnbegründer Adolf Guyer-Zeller und das Logo der Jungfraubahn AG. Der Spass war spätestens vorbei mit der Projektion der Logos von Pharma-Multi Bayer und Uhrenhersteller Tissot.

Es geht bergab. Foto: Land Rover

Neben der Spur
Im August 2016 veranstaltete der britische Autohersteller Land Rover ein lärmiges PR-Spektakel am Schilthorn im Berner Oberland. Der Werbe-Clip, in dem ein Rallye-Pilot im Range Rover die Hänge der berüchtigten Infernoabfahrt hinunterbrettert, war in der Folge auf der Internetpräsenz des Autoherstellers und auf Youtube zu bestaunen.

Fliegen statt Wandern? Foto: Flickr

Bänke am Oeschinensee
Ebenfalls im Sommer 2016 hatte die Fluggesellschaft Edelweiss die Idee, Holzbänke im Flugzeugsitz-Design in die Bergwelt zu pflanzen. Daneben steht jeweils ein Wegweiser mit Distanzangaben zu verschiedenen Urlaubszielen: «Santorini, 2:30 Flugstunden». Bei der Einweihung des Werbebänkli am Oeschinensee verteilten Stewardessen Süssigkeiten.

Es stellt sich die Frage: Wo liegt die Schmerzgrenze? Wie weit darf die Kommerzialisierung am Berg gehen? Haben wir ein Recht auf werbefreie Zonen? Im digitalen Zeitalter der täglichen Informationsflut ist Werbung ohnehin allgegenwärtig, ja sogar auf unsere individuellen «Bedürfnisse» abgestimmt.

Man kann kaum eine Bergtour online recherchieren, ohne danach penetrant mit Bergschuhwerbung geködert zu werden. Nun bleibt es jedem selbst überlassen, seine Gadgets auszuschalten und die virtuelle Welt zugunsten der physischen zu verlassen. Aber auch dort gibt es allen Orten Werbung.

Wo liegt die Grenze?

Also Flucht in die Berge, wenn es für einmal wirklich PR-frei zugehen soll. Oft findet man, was man sucht. Jedoch nehmen scheinbar die alpinistischen Ansprüche zu, die es braucht, um zum erfolgreichen Werbungsflüchtling zu werden. Der Oeschinensee ist beispielsweise schon zu leicht zugänglich und zu gut erschlossen. So gemütlich ist Werbefreiheit nicht zu haben!

Muss man also einen Bergführer engagieren, quasi den «Schlepper» des Werbungsflüchtlings? Wie viel wollen wir angeblich innovativen PR-Gags zugestehen, gerade wenn es sich um dauerhafte Installationen handelt? Wo liegt die Grenze, hinter der Werbebanner nichts verloren haben?

Was wollen Wanderer?

Man mag sagen, der Oeschinensee ist ohnehin ein Touristenmagnet mit Gasthaus und allem Pipapo, bequem zugänglich für jedermann, da schadet ein Edelweiss-Air-Bänkli auch nicht mehr.

Aber was ist es denn, was die Menschen zum See am Fuss von Bire, Doldenhorn und Blümlisalp zieht? Was suchen diese Besucher, was sie andernorts nicht finden? Werbung von Fluggesellschaften oder Autoherstellern? Sollte es nicht werbefreie Räume geben? Und wenn ja, wo sollten diese sein, wenn schon nicht in den Bergen?

22 Kommentare zu «Werbung in den Bergen? Nein, danke»

  • Lori Ott sagt:

    Verhunzung der Natur und deren Missbrauch zu Werbezwecken ist unethisch.
    Es ist richtig, dass dieses Treiben thematisiert wird, so dass sich jeder seine eigene schwarze Liste der nach Möglichkeit zu meidenden Firmen, Marken und Produkte, wie z.B. allein aufgrund dieses Artikels Swisscom, Bayer, Tissot und Range Rover.

  • Roger Hügli sagt:

    Es gäbe abertausende von Plätzen in den Alpen, an denen man nur mit Glück (oder Pech, je nach Ansichtsweise) überhaupt einer Menschenseele begegnet, geschweige denn Werbung. An diesen Plätzen findet man die Sinnlichkeit und die Ruhe durchaus, die ja anscheinend von allen so gesucht wird. Aber für das posen und plöffen auf Facebook, Instagram etc. muss es ja dann wieder einer der Hotspot sein, sonst wissen die Follower ja gar nicht, wo man ist und dann lässt es sich im Social-Media-Wahn halt schlecht angeben.

    • Peier Urs sagt:

      Muss man in den digitalen Netzen Ableger haben? ich/wir verzichten und haben somit Ruhe! Das immer präsent sein ist eine Seuche, der man nur durch persönliches Verhalten Einhalt bieten kann. Versuch es doch mal und du wirst erfahren, wie schön die Welt und Deine Zeit sein wird.

  • gabi sagt:

    hmm, also mich stört die werbung mit Bergen mehr als die werbung in den Bergen!…
    warum: die werbung zementiert in den köpfen, dass bergsport, cool, easy und für jedermann ist. ein bergsportler ist ein begehrenswerter siebesiech! der berg verkommt zum wochenendspielplatz für jedermann. selfie-destination und tourismusmagnet. ameisenstrassen hoch auch alle 4000er. möchtegern abenteurer gepackt in das neuste daunenjäckli in der auf den neusten standart ausgebauten monterosa hütte inklusive warmer dusche… das sind nicht mehr die berge die vor 70 jahren unter lebensgefahr bestiegen wurden. der massenturismus in den alpen; ein schlag ins gesicht eines jeden alpinisten dessen herz nur in den Bergen höher schlägt.

    • second step sagt:

      Wahrscheinlich schlägt auch das Herz derjenigen in den Ameisenstrassen höher, weil sie in den Bergen sind – nicht nur Ihres. Jeder Bergsteiger der findet, es hat zu viele Leute in den Bergen soll doch bei sich anfangen und zu Hause bleiben – dann ist es schon mal einer weniger. Jeder hat das selbe Recht in die Berge zu gehen, wie auch immer. Es gibt keine „richtigen Alpinisten“, die mehr Rechte haben als andere. Ich geniesse jede einzelne Minute Bergluft, die hinter mir und die vor mir aber auch. Diese Alpinisten-„Apartheid“ ist nicht zielführend.

  • Stadtwanderer sagt:

    Wenn ich meine Höhenmeter zu Fuss meistere, sollen andere nicht dem Helikopter fröhnen. Mit anderen Worten, falls die Werber den Getränkeautomaten hinaufgetragen haben ist’s ok, sonst nicht.

  • Martin sagt:

    Also die Lichtinstallation war ein Anlass und da es zeitlich begrenzt ist, finde ich das nicht so schlimm. Aber Automaten, Bänkli usw. das muss echt nicht sein. Gerade draussen muss man nicht auch noch mit dem ganzen Werbemist zugemüllt werden. Wer draussen ist, möchte sich doch von diesem ganzen Zirkus erholen. Bei einem Skievent, Olympiade usw. ist Werbung logischerweise dabei und auch ok, aber ansonsten? Muss nicht sein, wirklich nicht.

  • Hans Hasler sagt:

    Mit Werbung ist halt so eine Sache. Man will sie nicht. Aber man will die Einnahmen halt doch. Diese Werbeaktionen dürften eines gemeinsam haben: Sie alle wurden von der betreffenden Gemeinde bewilligt. Was aber gar nicht geht ist, zuerst beim Geld freudig die hohle Hand machen und sich dann über die Werbung zu beklagen!

  • Peter Müller sagt:

    @Holler: Genau das hätte ich auch gemacht: den Automaten hätte ich mit aller Kraft umgeschmissen und zerstört. :-) „Destruction Welcome“ in diesem Fall.

  • Remo Leu sagt:

    Wenn schon Werbung in den Bergen, dann bitte passend. So finde ich ein Holzbänkli, das aussieht wie Flugzeugsitze, nicht störend und sogar noch passend in der Bergwelt. Ein Getränkeautomat oder Auto haben da allerdings nichts verloren.

    • Tim M. sagt:

      Und die Wegweiser nach Santorini und Co.? Auch passend? Ausserdem fahrlässig. Da macht man sich entschlossen gen Santorini auf und kommt an der Fründenhütte raus ;).

  • werner boss sagt:

    Eine effiziente Wegwerfgesellschaft will eben auch effizient umworben sein! Ob das im Tal oder in den Bergen ist, das ist den Werbefritzen sch….egal, denn diese kennen nichts anderes als Kohle machen . Schutz der Natur? nie gehört, das muss etwas für das Fussvolk sein! Hauptsache ihr Status ist intakt.

  • Jan Holler sagt:

    Den Getränkeautomaten hätte ich das nächste Tobel hinunter gestossen, genauso wie all die Swisscom-Abos in den letzten Jahren. Was nervt, wird aus den Augen geschafft.

  • Cybot sagt:

    Der Getränkeautomat zeigt vor allem eines: Wie weit man mittlerweile gehen muss, um noch eine Ecke zu finden, wo man tatsächlich nur Swisscom-Empfang hat. Hier wirbt die Swisscom mit einem Vorteil, den sie vor 10-15 Jahren mal hatte. Inzwischen findet man auch reichlich Stellen, wo man nur mit der Konkurrenz Empfang hat, insofern ist das keine sehr durchdachte Aktion.

    • Hotel Papa sagt:

      Da muss man nicht weit gehen. Historische Altstadt reicht. Swisscom mau, die Konkurrenz ist unbrauchbar. Empfang nur draussen auf der Gasse.
      Da bekommt „mobil Telefonieren“ eine ganz neu Bedeutung.

  • Wolfgang Schönholzer sagt:

    Ich bin z.Z. auf Lanzarote, Kanarische Inseln. Hier ist Werbung im öffentlichen Raum verboten! Herrlich!!

  • Ursus sagt:

    Werbung ist allgegenwärtig. Von der öffentlichen Toilette bis, eben, zu den Alpen. Da Werbung überall und immer zu sehen ist, verliert sie an Exklusivität, und um diese wieder zu erlangen, blinkt es auf jeder Internetseite farbiger den je und fahren Range Rover und Co. die Skipiste runter. Aufmerksamkeit um jeden Preis. Den höchsten Preis aber zahlt der Konsument, also wir alle: Den Verlust von Ruhe, Sinnlichkeit und Distanz zur immer schnelleren Realität. Die Grenze zum Erträglichen ist für mich schon lange überschritten, sei es im Internet, auf Plakatwänden, am Postschalter oder am Bahnhof.
    Bald schon wird der letzte Hort der Ruhe endgültig fallen: Das eigene Heim. Wie lange können wir uns diesem ganzen Dummseich noch entziehen?

    • Andy sagt:

      Werbung ist nervig, laut oder subversiv, asozial, transportiert Stereotypen und löst absichtlich bestimmte Gefühle aus (Freude, Wut, Angst, Verlangen). Die Werbung wird vom Konsument finanziert und kostet ihn auch noch Lebenszeit. Selten transportiert Werbung Wissen, oft wird gelogen und viel häufiger nicht die ganze Wahrheit gesagt. Im Internet kostet Werbung Bandbreite, Latenz und ist ein Einfallstor für Schadsoftware. Es ist massgeblicher Treiber der Datensammelwut welche uns aller Privatsphäre zerstört, indem es kostenpflichtige Dienste durch werbefinanzierte fast alternativlos abgelöst hat und durch Monopolstellung die freie Wahl der Konsumenten verunmöglicht.
      Nein, Werbung bringt die Menschheit nicht weiter.

  • Michael Chylewski sagt:

    Gehen wir nicht zu Berge oder in den Wald, um auch für eine Weile der Dauerberieselung mit Werbung und anderem „Lärm“ zu entkommen? Der Rivella-Sonnenschirm vor dem Bergrestaurant geht für mich in Ordnung, doch unterwegs beim Wandern möchte ich nichts dergleichen sehen.

  • Arnold Schmidt sagt:

    Die Frage ist doch, warum sonst überall Werbung sein muss – die Folge wäre ein Werbeverbot im öffentlichen Raum.

  • Bruno Kienast sagt:

    Wenn so etwas einreisst, und auch noch bewilligt wird von den Tourismusbüros des jeweiligen Gebietes… dient dies eher dem Firmen die glauben solche Gags brauche es heute , aber nicht der Natur, und des Naturfreundes der Erholung sucht… Getränkeautomaten, und Autos die auf unwegsamen Wegen etwas beweisen wollen, alles das braucht es nicht.

  • Niggi Basler sagt:

    Ein Bänkchen aus lokalem Holz, auch wenn es die Form vpn Flugzeugsitzen hat, geht m.E. in Ordnung, aber ein Getränkeautomat muss wirklich nicht sein.

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