Verwirrung um den Mount Everest

  • Manche Geheimnisse behält der Mount Everest wohl immer für sich. Foto: Tashi Sherpa (Keystone)

  • Schlüsselstelle: Bergsteiger bewältigen den Hillary Step gleich unterhalb des Gipfels (18. Mai 2013). Foto: Alpenglow Expeditions, Adrian Ballinger (Keystone)

  • Dieses am 22. Mai 2017 veröffentlichte Bild soll beweisen, dass es den Hillary Step nicht mehr gibt. Foto: Everest Expedition (Facebook)

Zwar ist die Saison am Mount Everest (8848 m) nicht ganz abgeschlossen. Aber der grosse Ansturm auf den höchsten Erdengipfel ist vorbei. Ungefähr 600 Personen standen in den vergangenen Tagen trotz starken Winden und extremer Kälte auf dem Dach der Welt. Je nach Quelle waren es auch 700 Personen. Verbindliche Zahlen werden wir wohl nie erfahren. Sicher ist im Moment nur: 2017 geht als Rekordjahr der verwirrendsten Everest-News in die Geschichte ein.

Angefangen hat es mit dem Hillary Step: Der britische Bergführer Tim Mosedale behauptete vor zwei Wochen, die legendäre Felsstufe auf 8770 Metern über Meer sei verschwunden. «Es ist offiziell – den Hillary Step gibt es nicht mehr.» Damit bestätigte er, was die American Himalayan Foundation schon letztes Jahr vermutete: Die 12 Meter hohe, nach dem Erstbesteiger Edmund Hillary benannte Kletterstelle sei vom Erdbeben 2015 zerstört worden.

Has Everest's Hillary Step become the Hillary Slope since the earthquakes in Nepal? Photos from David Liaño show that…

Posted by American Himalayan Foundation on Montag, 16. Mai 2016

«Falsch, der Hillary Step ist noch da!»

Mosedales Nachricht wurde für bare Münze gehalten, denn schliesslich war er schon mehr als einmal auf dem Berg. Seine Info verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Medien rund um den Globus trauerten um den Verlust des Hillary Step. Sie zeigten Vorher-nachher-Bilder, die allerdings nicht miteinander vergleichbar waren, da sie nicht von derselben Stelle und Distanz sowie bei komplett unterschiedlichen Verhältnissen aufgenommen wurden. Kein Mensch konnte darauf erkennen, ob der Hillary Step noch da ist oder nicht. Trotzdem entbrannte sogleich eine Diskussion: Ist der Everest nun gefährlicher oder leichter? Die einen meinten dies, die anderen das.

Am nächsten Tag folgte dann Entwarnung: Der Hillary Step sei noch da. Pasang Tenzing Sherpa habe den legendären Felsaufschwung bei seinem Aufstieg gesehen, berichtete die Nachrichtenagentur AP. Und er müsse es wissen. Denn Pasang Tenzing war bereits elfmal auf dem Everest-Gipfel. Und er gehört zu den Chef-Koordinatoren der Sherpas, welche die Route zum Gipfel anlegen. Er sagte, letztes Jahr hätten sie die Fixseile etwa acht Meter rechts des eigentlichen Hillary Steps angebracht – wegen des vielen Schnees.

Wer hat nur recht? Ist der Hillary Step weg oder da? Antwort: Unklar!

Vier Leichen verschwunden oder erfunden?

Noch mysteriöser ist die kurz darauf erfolgte Meldung: Auf dem Südsattel (7950 m) seien in einem Zelt vier Tote entdeckt worden. Zwei Sherpas und zwei ausländische Bergsteiger, ein Mann und eine Frau. Niemand wusste, wer die Personen sind, denn niemand wurde vermisst. Also wurde spekuliert, die Leichen lägen seit letztem Jahr dort oben. Gleichzeitig wurden Vorwürfe an die Anbieter der kommerziellen Expeditionen erhoben. Immer unqualifiziertere Sherpas würden ins Everest-Business einsteigen und die Preise drücken – und das, obschon sie offensichtlich nicht einmal die Grundkenntnisse des Campierens besässen. Die Kritiker gingen davon aus, dass vier Personen in einem Zelt nur sterben können, wenn sie den Gaskocher laufen lassen, ohne zu lüften.

Am nächsten Tag hiess es dann: Es gibt keine vier Toten in einem Zelt! Schuld an der Falschmeldung seien sechs Sherpas. Sie hatten die Aufgabe, einen in dieser Saison verstorbenen Bergsteiger vom Südsattel zu holen. Vor lauter Leichen und dünner Luft dort oben hätten sie wahrscheinlich halluziniert. Sicher ist aber auch das nicht.

Vielleicht liess der Yeti die gefrorenen Körper verschwinden?

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12 Kommentare zu «Verwirrung um den Mount Everest»

  • Marc Modoux sagt:

    @ Markus – Genau richtig Dein Kommentar. Aber auch ein weiterer Beweis, dass man bis ins hohe Alter lernen kann und sein Allgemeinwissen erweitern kann.
    Auch wenn nun offenbar selnst in der Alpinberichterstattung „alternative facts“ Einzug halten….

  • Karl sagt:

    Wiederum spannender Beitrag von Frau Knecht. Ich habe schon mal gefrotzelt, dass man heute den Everest in der Sänfte besteigen kann. Nun sollen schon in diesem Jahr 700 nach oben getragen worden sein. Und keiner dieser Blinden hat den Hillary Step gesehen? Irgendwie irritierend.

  • Stefan W. sagt:

    Ein schönes Beispiel für die berühmten „Alternativen Wahrheiten“. Letztlich ist es ja völlig egal, und vielleicht ist halt ein Stück abgebrochen und ein anderes Stück noch da.
    Die wirklich interessante Beobachtung ist der Hype, der um jede dieser irrelevanten Wahrheiten gemacht wird. Vergleichbar mit der Politik.

    • The Big R sagt:

      Was jetzt….irrelevante Wahrheiten oder „Alternative Wahrheiten“ – auf was wollen Sie sich den festlegen? Das ist ja nicht dasselbe. Es soll in einem Bergsteigerblog ja gerne immer mal vorkommen, das zum Thema Bergsteigen geschrieben wird – da gehört das Höhenbergsteigen im Himalaya irgendwie dazu. Ob es irrelevant ist oder nicht ist vielmehr eine Frage der Interessen und keinenfalls allgemeingültig. Mich interessiert das Höhenbergsteigen seit Kindesbeinen, Sie offenbar nicht. Zudem haben Sie den Trumpfschen Begriff „alternative Fakten“ nicht ganz verstanden. Hier geht es um widersprüchliche Beobachtungen eines klettertechnischen Schlüsselstelle auf 8700 müM, bei Trump geht es darum Erfundenes als Facts darzustellen. Guter Beitrag, Frau Knecht.

      • Stefan W. sagt:

        Mit der Interessenlage haben Sie Recht, Big R. Ich war der Ansicht, dass diejenigen, die auf einen Berg kraxeln wollen, das halt irgendwie tun. Dass es dabei so wichtig ist, welcher Felsklotz wo genau liegt, war mir tatsächlich nicht bewusst.
        Mit den „alternative facts“ irren Sie aber, Das ist nicht dasselbe wie „Fake News“, sondern mit Alternativen Fakten meint man, dass man dieselbe Begebenheit unterschiedlich interpretieren kann.
        Das mittlerweile klassische Beispiel war die Zuschauermenge bei Trumps Inauguration: Je nachdem, von welcher Uhrzeit das Foto stammte, konnte man unterschiedliche Wahrheiten zeigen, die durchaus beide wahr waren, aber eben „alternative Fakten“. So hatte ich das auch mit dem Hillary Step verstanden: Irgend etwas davon wird wohl noch da sein.

        • The Big R sagt:

          Lieber Stefan, so wie Sie „Alternative Wahrheiten“ verwenden, gebe ich Ihnen natürlich recht. Unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Wahrnehmungen (Bin aber nicht ganz sicher, ob es bei Trump nur darum ging). Wie auch immer, der Begriff „alternative Wahrheiten“ wird (von Ihnen abgesehen) meiner Meinung nach einfach zu häufig als Synonym für „Fake News“ verwendet, in der Regel als blödes „Totschlagargument“ um in einer Diskussion dem anderen Unwissen oder Unwahrheiten zu unterstellen. Ich kann Sie übrigens verstehen, dass ein Blog über den Hillary Step Sie als Nicht-Bergsteiger langweilt. Alpinistisch und alpingeschichtlich ist er aber eine interessante Passage mit vielen Geschichten, ähnlich wie der „Flaschenhals“ unterhalb der Seracs am K2. Von daher: nichts für ungut.

  • k. miller sagt:

    Bin weder Kletterer noch Bergsteiger noch habe ich je was vom Hillary Step gehört. Wenn man aber weiss, dass Sir Edmund Hillary der Erstbesteiger des Mount Everest war (und ich denke das wissen viele der potentiellen Leser), dann versteht man schnell, was gemeint ist.

  • Toni sagt:

    Vor diesen „Nachrichten“ hatten vermutlich wohl ca. 98-99% aller potentiellen Leser noch nie etwas vom Hilary Step gehoert. Wie kommt es, dass ein paar Kubikmeter Fels so viel Aufmerksamkeit bekommen?

    • second step sagt:

      Vielleicht hat es damit zu tun, dass dies ein Alpin-Blog ist? Für Leute die sich fürs Bergsteigen interessieren ist der Hilary Step schon ein Begriff.

    • Thomas sagt:

      Ja Toni, da ist eine gute Frage! Ich meine auch, dass wohl 98-99% aller potentiellen Leser nicht klettern. Darum verstehe ich noch was anders nicht. Warum dem Klettern so viele Beiträge gewidmet werden.

      • Markus sagt:

        @Toni & Thomas:
        Etwa 98% der Leser arbeiten nicht bei der UBS.
        Etwa 98% reisen nicht nach Bergün.
        Etwa 98% gehen nicht ins Kino Baywatch schauen.
        Etwa 98% werden nicht in der Disco nach Koks gefragt.

        Um nur ein paar andere Schlagzeilen der heutigen Zeitung aufzulisten…

        • Eduardo sagt:

          Setzen wir Ihre Reihe doch noch ein wenig fort:
          „Trump zieht Einreisebann vor Oberstes Gericht“ – 99,9 Prozent der Leser sind keine US-Amerikaner.
          „Polizei findet nach Angriff auf Kasino 34 Leichen“ – 99,9 Prozent der Leser sind keine Bürger der Philippinen.
          „Traumhafter Shaqiri und ein Totalausfall“ – 90 Prozent (oder 85, 75? Auf jeden Fall die Mehrheit) der Leser interessieren sich nicht für den Fussballmillionär Shaqiri.
          „Zwei Länder unterwegs in den gleichen Abgrund“ – 99,9 Prozent der Leser sind weder Griechen noch Venezolaner.
          „Vorläufig Aufgenommene dürfen nicht in die Ferien“ – 99,9 Prozent der Leser sind keine Asylsuchenden.
          Und so weiter. Das funktioniert bei den meisten Artikeln mehr oder weniger ;-)

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