Max Frisch und die giftige Überraschung

Schöne Plattenkletterei im wilden Onsernonetal TI: Unten das Dorf Berzona, in der Ferne der Luganerseee. (Foto: Natascha Knecht)

Schöne Plattenkletterei im wilden Onsernonetal TI: Unten das Dorf Berzona, in der Ferne der Lago Maggiore. (Foto: Natascha Knecht)

«Max Friiiisch, lassen Sie mich nicht hängen!» Nie hätte ich gedacht, dass ich in einem überhängenden Felsdach ausgerechnet an den grossen, intellektuellen Schweizer Schriftsteller denken würde. Aber ich tat es. Im Geiste sandte ich ihm flennende Bittrufe ins Jenseits. «Herr Frisch, machen Sie, dass mein Fuss nicht abrutscht!»

Das Felsdach in der zweiten Seillänge war nicht hoch, aber feingriffig und unbequem. Um hochzukommen, musste ich «manteln» – also eine Bewegung ausführen, die an das Aussteigen aus einem Schwimmbecken ohne Leiter erinnert: Einen Fuss sehr hoch platzieren, den anderen mit Schwung nachziehen, und dann den ganzen Körper hochdrücken. Mit beiden Händen klammerte ich mich an einem Mini-Riss fest, nahm Anlauf und vollzog diesen dynamischen Kraftakt, der jeden Muskel meines Körpers bis in die Faszien strapazierte. Oben auf der glatten Gneisplatte hatte es keine Tritte, ich stand mit den Kletterfinken auf Reibung und fürchtete, mein Fuss rutsche gleich ab.

Geschafft: Das Felsdächli liegt hinter mir. (Foto: Ralf Weber)

Geschafft: Das Felsdächli liegt hinter mir. Zweite Seillänge der Route «Max Frisch». (Foto: Ralf Weber)

Gehörte Max Frisch zu den Kletter-Maxen?

Max Frisch kam mir in den Sinn, weil wir «Max Frisch» kletterten, eine der schönsten Mehrseillängenrouten im Tessin. Kletterer haben sie ihm gewidmet, vor 25 Jahren, kurz nach seinem Tod. Sie ist noch immer in einem tipptoppen Zustand, befindet sich gleich oberhalb des Dörfchens Berzona im Onsernonetal, wo Frisch ein Haus besessen und einige Jahre gelebt hatte. Es ist ein wildes und ruhiges Gebiet, das Tal steil und dicht bewaldet.

Während ich mich über die riesigen Gneisplatten hocharbeitete und versuchte, mich an die Plattenkletterei zu gewöhnen und das Vertrauen zu meinen Füssen aufzubauen, überlegte ich: Hatte Max Frisch eigentlich zu den Kletter-Maxen gehört? War er Berggänger? Intuitiv ging ich davon aus, dass seine Begehung vom Kühlschrank über die Steinstufen hinauf zum Ginsterbusch auf der Terrasse wohl zu seinen herausragendsten alpinistischen Leistungen gehört hatte. Doch weit gefehlt. Inzwischen habe ich das Buch «Dichter am Berg» von Emil Zopfi gelesen und erfahren, dass Max Frisch einst ein tüchtiger Berggänger war.

Ralf Weber in der Schlüsselstelle von «Max Frisch»: Eine steile und knifflige Granitplatte. (Foto: Natascha Knecht)

Ralf Weber in der Schlüsselstelle von «Max Frisch»: Eine steile und knifflige Granitplatte in der fünften Seillänge. (Foto: Natascha Knecht)

Begegnung mit einer Specie rara

Hätte Frisch seine Gedenkroute selber klettern können, hätte er sicher geschwärmt. Oben blieben wir eine Weile sitzen, konnten uns an der Schönheit dieses Tals kaum sattsehen, blickten bis zum Lago Maggiore. Dann seilten wir ab. Als wir zurück beim Einstieg waren, machte mein Kletterpartner Ralf Weber einen Luftsprung. Nicht vor Freude, sondern vor Schrecken. Den ganzen Tag schon hatte er eine Schlange sehen wollen, jetzt wartete eine auf ihn: Unter seinen Schuhen, die er zum Trocknen in die Sonne gestellt hatte.

Und was für eine Schlange es war! Eine Kreuzotter. Giftig. Im Tessin trifft man zwar immer wieder auf Schlangen, aber selten auf Kreuzottern. Vor uns hatten wir eine Specie rara und erinnerten uns an Max Frischs weltberühmten Roman «Homo faber», in dem eine Giftschlange dem inzestuösen Liebesleben des Herrn Faber ein Ende setzt.

Gebissen hat sie dieses Mal nicht. Wenn das kein Gruss von Master Max himself war!

Auch eine Gefahr beim Klettern: Schlangen. Hier eine Kreuzotter im Onsernonetal. (Foto: Natascha Knecht)

Auch eine objektive Gefahr beim Klettern: Schlangen. Hier eine Kreuzotter im Onsernonetal. (Foto: Natascha Knecht)

Infos zur Route:

Ort: Die Kletterroute «Max Frisch» befindet sich im Sektor «Max Frisch» im Gebiet Placche di Paleria oberhalb von Berzona im Onsernonetal, Tessin.
Route: 240 Meter, 6 Seillängen (5c, 6b, 6b, 6a, 6c, 4a)
Charakter: Feingriffige Plattenkletterei im sonnenverwöhnten Gneis, umgeben von wilder, grüner Natur, Weitblick bis zum Lago Maggiore.
Kletterführer: «Ticino e Moesano» von Glauco Cugini (SAC-Verlag)

Lesen Sie auch: «Willkommen am Tessiner Fels»

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10 Kommentare zu «Max Frisch und die giftige Überraschung»

  • John Kipkoech sagt:

    Wie die anderen Kommentatoren richtig schrieben – eine Aspisviper, und zwar eine sehr hübsch gezeichnete. Die könnt ihr Kletterer aber auch bei Touren im Alpenraum oder Jura gut Mal unter die Füsse kriegen, da müsst ihr nicht ins Tessin. An Südhängen im Berggebiet habt ihr immer gute Chance Schlangen zu treffen, etwa im Diemtigtal, bei Brienz, Biel oder am Vierwaldstättersee.

  • Urs Kym sagt:

    Ich als Nicht-Alpinist lese die Beiträge von N. Knecht immer wieder gerne. Auch wenn nur 1 % Prozent der Leser klettern sollte, lese ich (als erklärter Nicht-Sportler) lieber Alpin-Beiträge als Fussballkommentare.

    Im vorliegenden Fall wurde aber wohl doch schlampig recherchiert. Vom Onsernone ist der Luganersee nicht zu sehen, lediglich der Lagio Maggiore. Und bei der Schlange handelt es sich um eine Aspisviper – welche allerdings ebenfalls giftig ist. Insofern tut dies dem Erlebnis keinen Abbruch.

  • Martin Frey sagt:

    Das Onsernonetal ist wild, ursprünglich und wunderschön, zudem voller Schlangen. Wer all das liebt, kommt da auf seine Kosten.
    Nur Kreuzottern gibt es da keine, Fr. Knecht. Bei dem abgebildeten Exemplar handelt es sich um eine juvenile Aspisviper.

  • Tom Meier sagt:

    Wieviele % der LeserInnen klettern eigentlich?
    1% oder noch weniger?
    Aber gefühlte 30% der Outdoor-Beiträge handeln vom Klettern.
    Mich interessieren auch noch andere Sportarten.

  • Martin sagt:

    Ich würde eher auf Aspisfipper tippen.

  • Onkel Arnold sagt:

    „Specie rara“ ist der bekannte Ablativ aus Pro specie rara. Im Nominativ müsste es „eine SpecieS rara“ heissen.

  • Ruedi Bärtschi sagt:

    Glückwunsch zu dieser aufregenden und nicht alltäglichen Begegnung! Nur handelt es sich hier nicht um eine Kreuzotter, sondern um eine Aspisviper, der anderen in der Schweiz heimischen Giftschlangenart.
    Alle acht in der Schweiz vorkommenden Schlangenarten lassen sich übrigens im Vivarium-Tablat bequem und hautnah in naturnah eigerichteten Freilandterrarien beobachten und kennenlernen. Ein Besuch lohnt sich.
    http://www.vivarium-tablat.ch

  • Christof sagt:

    Man hat den sog. Weitblick auf den Langensee (Lago Maggiore), nicht auf den Luganersee
    Saluti di Ascona

    • Weber sagt:

      Danke, dass Sie das richtigstellen. Ich finde es schon unglaublich, was einem heutzutage alles aufgetischt wird. Auch die vermeintliche Kreuzotter, die in Wahrheit eine Aspisviper ist.
      Gleich 2 haarsträubende Fehler in diesem „Essay“ – gibt mir zu denken !

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