Und wenn die Erde doch eine Scheibe ist?

Ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*


Ist der Grund für das gerissene Seil bei der Erstbesteigung so wahnsinnig wichtig? «Tatort Matterhorn» in der 90-Minuten-Version. Video: SRF

Wann immer grosse Ereignisse die Menschheit bewegen, sind Verschwörungstheorien nicht weit: Die Mondlandung wurde in einem Filmstudio gedreht, weil auf dem Mond die US-Fahne nicht im Wind flattern konnte. 9/11 geht auf das Konto der CIA. Prinzessin Diana donnerte mit Zutun des britischen Geheimdienstes in die Tunnelwand und die Herren in Bern machen sowieso, was sie wollen.

Und jetzt ist also das Matterhorn an der Reihe. Rechtzeitig zum 150-Jahr-Jubiläum der tragischen Erstbesteigung. SRF ging in der Pseudo-Dokumentation «Tatort Matterhorn» der weltbewegenden Frage nach, ob das berühmteste Seil der Alpingeschichte gerissen ist oder durchgeschnitten wurde. Den zweiten Platz belegt übrigens das Hanfseil des Toni Kurz in der Eigernordwand, das er wegen Kuhnagels in den Fingern nicht aufknüpfen konnte. Bloss ist dazu meines Wissens noch keine Verschwörungstheorie aufgetaucht.

Vorsicht, Verschwörungstheorie! Der Abstieg in «TatortMatterhorn». Screenshot: SRF

Vorsicht, Verschwörungstheorie! Der Abstieg in «Tatort Matterhorn». Screenshots: SRF

Im besagten Film von SRF also war in gefühlten zwanzig Wiederholungen zu sehen, wie das Seil über einer scharfen Felskante zerriss. Darauf erklärte ein Forensiker im dramatischen Gegenlicht am Mikroskop, das Seil sei zweifelsfrei zerschnitten worden. Ganz im Stil der unsäglichen US-Reality-Soaps, in denen Officer Bruce Willis aus Milwaukee im Brustton des aufopfernden Gesetzeshüters erklärt, wie er den Schurken beim Pinkeln am Strassenrand erwischte. Täglich auch zu sehen in den unzähligen CSI-Folgen, in denen ein Kriminaltechniker aus einem Blutstropfen im UV-Licht einen ganzen Tathergang zurück bis ins 18. Jahrhundert rekonstruiert. Zudem wurde in Empa-Tests die Bruchfestigkeit der damaligen dünnen und dicken Seile ermittelt. Alles wahnsinnig interessant.

Hinterlistig oder lebensrettend durchgeschnitten: Das Seil, um das sich Legenden drehen. Screenshot: SRF

Hinterlistig oder lebensrettend durchgeschnitten? Das Seil, um das sich Legenden drehen.

In der Folge dieser Erstbesteigung, und bis heute, wird hitzig diskutiert, ob das Seil tatsächlich riss oder von Bergführer Taugwalder, je nach persönlichem Standpunkt hinterlistig oder lebensrettend, durchgeschnitten wurde.

Eine absolut sinnlose Diskussion, die letztlich nicht nur Taugwalders, sondern auch Whympers Leben ruinierte. Das gerissene oder zerschnittene Seilstück – ausgestellt als Devotionalie im Zermatter Bergsteigermuseum – gelangte gemäss SRF-Dok zuerst nach London zum British Alpine Club und von dort wieder zurück nach Zermatt. Ob es sich dabei tatsächlich um das Originalseil oder um einen Kalberstrick aus einem Walliser oder britischen Bauernhof handelt, scheint bis heute ungeklärt.

Ein paar Fotos aus dem Weltall, die unsere Erde als Kugel zeigen, können doch nicht wirklich als Beweis dafür gelten, dass die Erde keine Scheibe ist – Photoshop machts möglich. Und es wird nie jemand nachweisen können, was mit diesem Seil am Matterhorn passierte. Ob unser aller Ueli tatsächlich auf der Annapurna und Toni Egger auf dem Torre Egger war, ob das berühmte Seil riss oder zerschnitten wurde: Ist das so wahnsinnig wichtig?

Daher mein Vorschlag: Jede und jeder soll sich diejenige Version aussuchen, die ihm am besten zusagt, und damit die unsäglichen Diskussionen beenden. Die Berge sind doch zum Besteigen, Bewandern, Bewundern, Fotografieren da. Ganz sicher nicht, um intellektuelle Verschwörungstheorien und abstruse Legenden daraus zu basteln.

*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.

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6 Kommentare zu «Und wenn die Erde doch eine Scheibe ist?»

  • Dora sagt:

    Natürlich wurde das Seil zerschnitten, ob von einem Stein oder einem Messer kann auch ein Forensiker nicht mit Sicherheit sagen, ganz abgesehen davon, dass man sicher auch nicht sagen kann, was in den 150 Jahren alles mit diesem Strick gemacht wurde, ob beim damaligen Gerichtsfall nicht schon ein Stück zu Versuchszwecken „abgeschnitten“ wurde, usw. Heute ist das wie alle „hätte“ und „wäre“ gar nicht mehr wichtig. Dass daraus Spekulationen entstehen oder abgeänderte Versionen mit der Zeit weitergegeben werden, ist nur normal. Auch wenn es nicht wichtig ist, darf darüber gesprochen, spekuliert und geschrieben werden. Wer da nicht „mitmachen“ will, soll es doch bleiben lassen. Das Matterhorn wird so oder so immer eine grosse Faszination auf die Menschen ausüben, also wird darüber berichtet.
    Eine „ehemalige“ Zermatterin

  • Dominik sagt:

    Merci für diesen Artikel. Man kann (und tut es leider) jedes Thema sprichwörtlich zu Tode diskutieren. Die Amis sagen: Things that happen in Vegas stay in Vegas. Und was am Matterhorn vor 150 Jahren passiert ist, das werd niemals endgültig geklärt werden. Lasst den Toten doch ihre Ruhe!

  • Anh Toàn sagt:

    Religion ist das Opium des Volkes, hat Onkel Karl gesagt, in einer Zeit, als Opium das einzige wirksame Schmerzmittel war.

    Nationalismus ist das Kokain des Volkes, macht, dass sich jeder Verlierer wie ein Held fühlen kann.

  • Kurt Schmid sagt:

    Natürlich ist die Erde ist nicht rund, natürlich hat der liebe Gott die Erde und Trilliarden von Sonnen und Planeten in sechs Tagen erschaffen, bis er am Siebten vor Erschöpfung in die Hängematte hüpfte, natürlich sind wir längst von den Marsmenschen unterwandert und natürlich sind die Verschwörungsidioten nicht auszurotten!

  • hallo miteinander

    ich rate diesem forensiker an, seinen beruf zu wechseln. auf walliser deutsch sagte man auf eine solche äeussserung: *“so ei seich.“ ein absturz in den bergen geht so schnell, da hat nie und nimmer die zeit ein seil durch zu schneiden.
    ich selbst bin einmal wegen steinschlages 150m abgestürzt. das geht so unglaublich schnell, man hat nicht einmal die zeit nach zu denken. ausser das ein bestimmter teil vom lebensfilm abläuft.

    ich bin überzeugt, das dieser wissenschaftler keine ahnung von bergsteigen hat. ich selbst habe am weisshorn nordgrat eine zweier seilschaft zu tode stürzen sehen. das geht so wahnsinnig schnell.
    ich wette dieser forensiker war noch nie auf dem matterhorn. ich selbst war 6mal auf meinem lieblingsberg, dem matterhorn.

    anstatt nach solchen „fehlern“ zu suchen, wäre es besser den verunfallten zu gedenken. und ihre gewaltigen leistungen zu rühmen.
    ich wünsche allen gute touren.

    gruss von
    raphael wellig http://www.raphaelwellig.ch

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