Grenzerfahrung im Mittelland

High voltage pylons line the A1 highway in Walterswil in the canton of Solothurn, Switzerland, pictured on October 5, 2009. (KEYSTONE/Gaetan Bally) Hochspannungsmasten saeumen die Autobahn A1, aufgenommen am 5. Oktober 2009 in Walterswil im Kanton Solothurn. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Für abgedrehte Erlebnisse muss man gar nicht weit reisen: Eine Velotour bei Nacht genügt. (Foto: Gaëtan Bally; Keystone)

Es ist Samstagabend, kurz vor Mitternacht. Gewitterwolken hängen über Bern. Die WG-Party hat mit theatralischem Drum’n’Bass im Keller ihren Höhepunkt erreicht, doch ich verabschiede mich bereits, um mich auf den Heimweg nach Zürich zu machen. Andere Gäste tun es mir gleich. Der Unterschied: Ich will mit dem Velo durch die Nacht nach Zürich zurückfahren. Zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens.

Ich verspreche mir davon einen Einblick in die dunkle Seite des Mittellands. Was passiert auf seinen Strassen zu dieser gottverlassenen Zeit? Werde ich die Raser aus dem Boulevard antreffen? Den Wolf? Oder doch nur betrunkene Jugendliche auf Mofas?

Ich verspreche mir ebenfalls einen Einblick in meine Psyche. Was passiert mit meinem Kopf, wenn ich ihn dazu ermuntere, vier bis fünf Stunden Velo zu fahren, zu einer Zeit, wo er eigentlich schlafen will?

Obwohl das Gewitter bereits über Bern hinweggezogen ist, wird es mir doch etwas mulmig, als ich in der Ferne Donnergrollen höre und Blitze über den Horizont zucken sehe. Ist es wirklich eine gute Idee, 120 Kilometer hinter einer Gewitterfront herzufahren? Doch ich habe mein Vorhaben bereits Anfang Abend etwas zu euphorisch angekündigt. Es gibt kein Zurück. Ich vertraue alles, was nicht nass werden darf, einem Kollegen an und schwinge mich aufs Velo. Überlandstrasse, Zürich ist bereits angeschrieben. So weit kann es gar nicht sein.

Die darauffolgenden Stunden lehren mich wieder einmal, dass man für Grenzerfahrungen und abgedrehte Erlebnisse nicht in die Ferne schweifen muss. Manchmal reicht es, an der Tageszeit zu schrauben, um scheinbar vertraute Gebiete zu abenteuerlichen Gefilden werden zu lassen.

Meine erste Erkenntnis: In der Nacht tanzen auf den Strassen des Mittellands die Katzen. Es ist unglaublich, wie viele Katzen sich mitten auf der Strasse um zwei Uhr morgens belauern, miteinander anbandeln oder einfach nur suizidal in mein Velolicht starren. Ob es an den warmen, dampfenden Strassen lag?

Meine zweite Erkenntnis: Es ist möglich, in der tiefsten Nacht 120 Kilometer durch das Schweizer Mittelland zu fahren, ohne jemals wirklich Dunkelheit zu erleben. Dies liegt natürlich auch daran, dass ich fast ausschliesslich der Überlandstrasse und der damit verbundenen Perlenkette von Transit-Dörfern gefolgt bin, um keine Zeit mit Navigieren zu verlieren. Aber es gab mir ein wenig zu denken, wie beleuchtet selbst abgelegene kleine Weiler in der Nacht sind. In dieser Nacht erhält das Wort Lichtverschmutzung für mich erstmals eine Bedeutung.

Meine dritte Erkenntnis: Mit dem Fahrrad hinter einem Gewitter herzufahren führt zu erstaunlichen Stundenschnitten. Mein Stahltourenvelo wird zur Rennmaschine und enorm kräftiger Rückenwind peitscht mich mit dreissig Stundenkilometern im Schnitt in vier Stunden nach Zürich. Ich kann diese Art des «Storm-Chasings» allerdings nicht bedingungslos empfehlen. Mit Starkregenabschnitten ist leider ebenfalls zu rechnen und damit einhergehend mit verdutzten Blicken der Dorfjugend von Hellsau, Safenwil, Hunzenschwil und wie sie alle heissen.

Ausrüstung für eine nächtliche Grenzerfahrung. Viel Licht, Flickzeug, Regenschutz und ein Apfel.

Obwohl erstaunlich viel Verkehr um drei Uhr morgens Wohlen durchquert, traf ich die Raser aus dem Boulevard glücklicherweise nicht, sondern ausschliesslich höflich abblendende Autofahrer. Den Wolf bekam ich ebenfalls nicht zu Gesicht, doch dank der mittelländischen Katzen-Strassenparty mangelte es mir trotzdem nicht an tierischen Begegnungen. Was meine Psyche betrifft, hat sie das Abenteuer unbeschadet überstanden und der Aufstieg nach Bergdietikon um halb vier Uhr morgens löste sogar so etwas wie ein kleines natürliches High in mir aus. Oder war da vielleicht doch der Schlafentzug, der sich bemerkbar machte?

An der Uhrzeit zu schrauben, um Mikroabenteuer zu generieren, erweist sich auf jeden Fall als tolle Sache. Die Ideen kommen bereits. Eine Mondscheinwanderung entlang der Forchstrasse? Die längste Buslinie Zürichs um drei Uhr morgens ablaufen? Eine Nacht lang den Güterbahnhof beobachten? Wer weiss. Weitere Vorschläge sind willkommen!

mario-angstZwischen Feierabend und Morgen hat ein ganzes Abenteuer Platz. In einer kleinen Sommerserie berichtet Mario Angst hier über seinen Sommer voller #microadventures.

3 Kommentare zu «Grenzerfahrung im Mittelland»

  • Klinge sagt:

    Den letzten Zug von Bern nach Solothurn nehmen und dann zurücklaufen.

  • Hauser sagt:

    Die Schweiz gibt Millionen fuer Radwege aus und er faehrt auf der Hauptstrasse?
    Ich finde die Radwege auch bei Tage kaum.

  • Heinz Blaser sagt:

    Mir reicht da schon eine winterliche Heimfahrt von der Arbeit durch den Sihlwald; das dauert zwar bloss eine Stunde, dafür ist’s – mit Ausnahme der Stirnlampe – wirklich stockdunkel. Das Kribbeln im Bauch und die leuchtenden Augen irgendwo im Dunkel ist unbeschreiblich.

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