Was sind Extremsportarten?

OUT_jump

Auf der Kante: Ein Junge übt sich an einem Trick mit dem Skateboard. Foto: Flickr.com/Luiz Oliveiraa

Ist es falsch, wenn Eltern ihrem Kind erlauben, Extremsport zu treiben? – Als ich diese Überschrift im «New York Times Magazine» las, dachte ich an kleine Knirpse, die basejumpen oder wie Wettkampf-Bodybuilder ihre Muskeln pumpen. Erstaunt haben mich dann zwei Dinge: Im Artikel ging es um Mädchen und Buben, die snowboarden, klettern oder Rollbrett fahren. Und: Massenhaft viele Väter und Mütter kommentierten, dass sie ihren Nachwuchs keine derartigen Risikosportarten ausüben lassen. Mit anderen Worten: Ein Kind darf nicht snowboarden, weil seine Eltern glauben, das sei zu gefährlich?

OUT_helm

Flugversuche bitte nur mit entsprechender Schutzkleidung: Kind im elterlichen Garten. Foto: Flickr.com/Nolan Williamson

Im Artikel porträtiert wurden Kids, die ihrem Hobby in extremis nachgehen und bereits als Teenager von Sponsoren leben. Wie etwa der 13-jährige Skateboarder Jett, der sich bei Stürzen auf den Rampen schon mehrere Hirnerschütterungen und Knochenbrüche geholt hat. Sein Vater sagt, er würde dem Junior die gewagten Aerials nie verbieten: «I’ll never tell him no.» Oder der 12-jährige Luke, der mit dem Skateboard verunfallte, im Rollstuhl sitzt und jetzt ein Chair-Skater ist.

Klar, ein Tag auf dem Snow- oder Skateboard kann schmerzhaft enden, wenn man ungeübt ist, aber Iouri Podladtchikov nachmachen will. Auch Klettern will gelernt sein. Aber würden wir – wie die Amerikaner – solche Sportarten generell als «Extremsport» einstufen? In der Kletterhalle sehe ich immer wieder Kinder. 12-Jährige, die unheimlich stark klettern, überhängend im Vorstieg. Am Seil gesichert werden sie von einer Freundin oder einem Freund im gleichen Alter. Ihre Eltern haben genau das Richtige gemacht: sie in Kletterkurse geschickt und ausbilden lassen.

OUT_Helm 3

Zu Hause lauern jede Menge Gefahren. Ob Dauerhelmtragen die richtige Lösung ist? Foto: Flickr.com/Kel Noguchi

Man müsse Kindern bloss zeigen, wie sie mit Risiko umgehen können, sagt auch der Schweizer Risiko- und Lawinenforscher Werner Munter (73). Darum fordert er ein Schulfach «Risikokunde». Damit Kinder lernen, dass das Leben aus lauter Risiken besteht – nicht nur im «Extremsport». Statt ihnen zu verbieten, auf einer Leiter hochzuklettern, solle man ihnen erklären, wie das geht, wie sie die Leiter festbinden können, damit sie nicht umkippt.

Munter sagt, dass manchen Jugendlichen das Gespür für Grenzen fehle. «Das liegt an der Erziehung.» Kürzlich habe er im Fernsehen eine Mutter gesehen, die ihrem Kind noch nie Nein gesagt habe. «Sie war sogar stolz darauf! Kannst du dir vorstellen, wie unfähig dieses Kind ist, in unserer Gesellschaft zu leben? Wenn ein solches Kind eine Lehre beginnt, stösst es schon am ersten Tag an.»

Lawinenguru Werner Munter am 16.4.2013 auf einer Schneeschuhwanderung zum Weiler Pra Gra oberhalb von Arolla (VS). Foto: Bernard van Dierendonck.

«Gottlob gibt es keine hundertprozentige Sicherheit»: Risikoforscher Werner Munter. Foto: Bernard van Dierendonck.

So wenig wie den antiautoritären Erziehungsstil kann Munter die Überbehütung der Kinder verstehen: «Ich sah ein Kind im Sandkasten spielen, das einen Helm tragen musste. Ich war entsetzt! Die Mutter will nicht, dass das Kind den Kopf anschlägt. Es würde ihm wehtun, aber es wäre ja genau eine Erfahrung fürs Leben.»

«Wir leben in einer Sicherheitsgesellschaft, wo die Leute hundertprozentige Sicherheit wollen, die es gottlob nicht gibt», so Munter. Der Mensch brauche «gutes Risiko», um seine Fähigkeiten entfalten zu können. Es geht einfach darum, die individuelle Grenze zu definieren. Auch bei Kindern.

9 Kommentare zu «Was sind Extremsportarten?»

  • hallo mitenand

    ich teile die meinung von herr werner munter ganz. meine tochter ist 15 jahre jung, und hat schon 10 4000er erklommen.
    einmal sagte sie nach einer 4000er besteigung: „bewusst ein restrisiko eingehen macht spass, aber es lernt uns auch die vernunft.“

    ja, was ist extremsport. ganz einfach: „wenn jemand nicht nur seine tätigkeit immer extremer, sprich schwieriger ausführt, sondern auch das denken nur noch um das eine geht.“ da beginnt bereits das extreme.
    solche eltern sind krank, die die kinder ueber behüten. jedem seine uhr tigt, und die ist eh vorbestimmt. der tod gehört zum leben. nicht die jahre des leben zöählen, sondern das leben in den jahren. wir haben eine unvernünftige gesellschaft, d.h. alles muss abgesichert sein, und das ist nicht normal.

    gruesse von
    raphael wellig

  • Niki sagt:

    Leichtsinn ist, wenn man die Schwierigkeit mit der Gefahr verwechselt.
    Ein Risikomanagement in jeder Lebenslage ist wichtig und gesund. Die wenigsten der Extremsportler sind Lebensmüde. Im Gegenteil. Perspektivlosigkeit und Langeweile ist der Todfeind.

  • Sacha Meier sagt:

    Streng formaljuristisch genommen ist Waterboarding auch eine Extremsportart. Bloss wird sie nur äusserst selten freiwillig betrieben.

  • The American sagt:

    Die Überschrift des Artikels ist irreführend. Im Artikel der New York Times geht es um die extreme Ausführung von Sportarten von Kindern im Alter von etwa 8 – 12. Logischerweise gibt es da viele Eltern, die Ihre Bedenken haben und so etwas nicht zulassen würden. Es trifft nicht zu, dass die Amerikaner ihre Kinder nicht rollbretfahren lassen. Hier werden Äpfel mit Bananen verglichen. Einige Passagen sind völlig aus dem Kontext gezogen.

  • Luise sagt:

    Solche Kinder werden sich nie richtig bewegen und schon gar nicht „Extremsport“ machen. Aber das wäre eigentlich ein Thema für den Mamablog. Ausser wir diskutieren hier, wie wir unsere Kinder zu Sport ermutigen können. Also meine sind jetzt erwachsen und leider eher faul, wärend ich renne, radle und die Berge auf und ab gehe…

  • ka sagt:

    bei uns in der Schule haben sie einmal im Jahr einen Verkehrssicherheitstag, grundsätzliche eine gute Sache. Aber beim Kick Bord fahren werden sie dazu angehalten Knieschoner zu tragen. Ich glaub halt, das gibt eine falsche Sicherheit, vor lauter Schoner kann man sich gar nicht mehr richtig bewegen.

  • Oliver Denker sagt:

    In der Tat ein gesellschaftliches Phänomen, Nicht nur die Eltern tun alles, damit kein Kind eine schmerzhafte Erfahrung macht, auch der Staat geht in die gleiche Richtung – bis zur Entmündigung.
    Die immer weiter gehende Pflicht, Helme zu tragen, ist ein Beispiel. Ich bin 41, als ich Kind war, gab es auf jedem Pausenplatz Kletterstangen – tempi passati, zu gefährlich. Als neulich die Sonnenfinsternis war, wurde in ganzen Schulhäusern die Pause verschoben, damit die Kinder nicht in Versuchung kommen, in die Sonne zu blicken. Das gleiche gilt in anderen Lebensbereichen: Die neuen Vorschriften zur Vermögensverwaltung sollen Anleger schützen – in einem Gebiet, in dem es ohne Risiko nicht geht.
    Teile Munter’s Meinung: Risiko wird heute absolut verteufelt, es wird die Illusion absoluter Sicherheit geschaffen, die Entwicklung von Eigenverantwortung leidet. Mit Auswirkungen in allen Lebensbereichen.

    • S.R sagt:

      Angurten im Auto? Gabs noch nicht als ich Kind war – zunehmend mischt sich der Staat mit Vorschriften in unser Leben ein. Es wird eine Illusion der SIcherheit geschaffen und die Entwicklung der Eigenverantwortung leidet. Der Mensch braucht gutes Risiko um seine Fähigkeiten (beim Rollstuhlfahren oder im Grab) entfalten zu können.

      Regeln haben Vor- und Nachteile.

  • Luise sagt:

    Gegen die Stolpersteine des Lebens hilft kein Helm. Das werden die armen, überbehüteten Kinder dereinst schmerzhaft spüren und, hoffentlich, lernen. Was heisst schon Extremsport? Wir sind ohne Helm Ski gefahren und mit dem Velo gefahren. Die Knie waren oft blutig, immer verschorft und blaue Flecken waren normal. Mir tun die überbehüteten Kinder leid!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.