Vertraute Heimat neu entdeckt

Ich sitze auf der Aussichtsplattform der Lägern und lasse den frisch aufgebrühten Tee langsam kalt werden. Um mich herum verschwinden die Konturen der Hügelzüge entlang des Limmattals langsam in der Dunkelheit. Ein Meer voller Lichter ersetzt sie. Kaum zu glauben, dass ich noch nie hier oben war.

Hügelketten und Lichtermeer.

Hügelketten und Lichtermeer: Aussicht auf die Stadt Zürich. Fotos: Mario Angst

Der Blick Richtung Uetliberg und zum Seebecken macht die Karte von Zürich und seiner Umgebung in meinem Kopf wieder etwas plastischer. Das ist also meine Stadt, meine Region. Ein neues, kleines Mosaiksteinchen, welches zu meiner Verwurzelung an diesem Flecken auf dem Erdball beiträgt. Ich fühle mich privilegiert, der einzige Mensch zu sein, der heute Abend hier oben ist.

Als wir letztes Jahr mit den Bikes die amerikanische Westküste entlang von Vancouver nach Los Angeles gefahren sind, hatte ich auf der Olympic Peninsula ein Aha-Erlebnis, an welches ich nun zurückdenken muss. Oftmals kannten wir aufgrund unserer detaillierten GPS-Tracks mehr Trails als die Leute vor Ort. Doch der hilfsbereite und erfahrene Wanderer, den wir vor dem Einkaufszentrum trafen, kannte Schleichwege im angrenzenden Park, die wir nie gefunden hätten. Und vor allem schien er zu jedem einzelnen eine Geschichte erzählen zu können.

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Auf der Lägern liegen: Das Himmelbett eines Vorstadtabenteurers.

«Sense of place» nannte er diese Art der Vertrautheit mit der Umgebung, die viel tiefer geht als blosse geografische Detailkenntnisse eines Ortes. Geschichte, typische Wetterkapriolen, persönliche Erlebnisse und Stimmungen an einem Ort zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten – all dies gehört ebenfalls dazu.

Mit diesen Gedanken im Kopf sitze ich da und höre die Flugzeuge über mir, die von der hell beleuchteten Landebahn des Flughafens Zürich abheben, um in ferne Länder zu fliegen. Es fällt mir auf, dass gerade dieser «sense of place» etwas ist, was diametral zu unserer schnelllebigen und globalisierten Welt steht. Es braucht Zeit und Arbeit, um eine tiefere Beziehung zu einem Ort aufzubauen. Es ist gut möglich, über die News aus der halben Welt Bescheid zu wissen und seine Tage in digitalen Traumwelten zu verbringen, aber nicht zu wissen, wie ein Abend um 22 Uhr auf dem eigenen Hausberg aussieht.

Hoch die Tassen auf den «sense of place»!

Regelmässige kleine Abenteuer in der Umgebung des Wohnorts hingegen geben einer Umgebung über die Zeit hinweg diese Tiefe. Dies wird mir an diesem Abend erst richtig bewusst, genau wie mir bewusst wird, dass mein Tee langsam kalt wird. Zeit für den Schlafsack. Ich nehme mir vor, in 40 Jahren auch einmal zwei grüne Jungs aus Übersee mit meinen Ortskenntnissen zu beeindrucken. Wer weiss, vielleicht erzähle ich ihnen dann, dass ich tatsächlich einmal mitten auf der Aussichtsplattform der Lägern geschlafen habe …

mario-angstZwischen Feierabend und Morgen hat ein ganzes Abenteuer Platz. In einer kleinen Sommerserie berichtet Mario Angst hier über seinen Sommer voller #microadventures.

3 Kommentare zu «Vertraute Heimat neu entdeckt»

  • Mark sagt:

    Danke für die Inspiration, wir haben danach auf dem Ulmitz (gleich hinter dem Gurten) übernachtet, aber nicht auf der Plattform, da war es zu luftig, dafür mit Blick auf den Gantrisch und die Alpen – und das alles bei Vollmond! Herrlich!

  • Helene sagt:

    (Danke für den Bericht- manchmal vergisst man, dass es soviele schöne Orte direkt in der Nähe hat!)

  • Helene sagt:

    Witzig, wir haben erst anfang Juni diese Wanderung von Dielsdorf nach Baden gemacht. Der ausgesetzte Weg über den Grat war noch viel eindrucksvoller als die Aussichtsplattform. Kurz vor dem Grat hat es nochmals eine „natürliche“ Aussichtsplatform- dort lässt es sich auch lauschiger schlafen, wie auf Beton. Grüsse aus Basel!

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