Klettern im Tangotakt

Ein Gastbeitrag von Emil Zopfi*

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Tango und Klettern verlangen Körper- und Taktgefühl, hartes Training und Gleichgewicht (körperlich und seelisch): Tangotänzer auf dem Parkett. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

«Tangotime» heisst die Route auf der Galerie Amden, einfach ist sie nicht – 6c. Wer sie klettert, lässt sich am besten vom Takt eines Tango Argentino leiten. Jedenfalls empfiehlt das Mike Schwitter, der die Route eingerichtet hat: «Wenn richtig geklettert, sollten die Bewegungen wie während eines Tangos ausgeführt werden. Bein links, Kreuzzug, Bein rechts und im Rhythmus zu argentinischer Musik … mit etwas Übung im Tanz und im Klettern geht ein ganz neues Feeling auf!» Mike kennt Argentinien, stand auch mal auf dem Cerro Torre in Patagonien und hat dort oben auf dem Eispilz vielleicht vor Freude mit seiner Seilpartnerin zu «La Cumbarsita» eine Molinete getanzt. Das Stück wird oft am Ende einer Milonga gespielt, einer Tango-Tanzveranstaltung. Also passend zum Abschluss des Tanzes in der Vertikalen am Cerro Torre.

Aber passen Tango und Klettern eigentlich zusammen? Wie ich mich wieder mal untergriffig an die überhängende Schuppe von «Tangotime» klammere und die Auflegergriffe hoch oben im gelben Fels anvisiere – Dios mío, wie komme ich da nur hin? –, da fällt mir ein, wie mir meine Partnerin beim Tango immer wieder in Erinnerung ruft: «Bauch rein, Körper spannen!» Ja, das hilft auch im Fels, stelle ich fest, ich wachse einen halben Meter und schnappe den Griff, schaffe den Tango im Überhängenden mit Disociacíon und einem Cruzado. Ein grandioses Feeling, Mike hat recht.

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Wie kommt man da bloss hoch?
Die Route «Tangotime» auf der Galerie Amden. Foto: Emil Zopfi

Bis weit in die Sechzig hätte es kein Traktor geschafft, mich auf eine Tanzfläche zu schleppen. Aber mit den Jahren beginnt man sich so seine Gedanken zu machen. Vielleicht reicht der Bizeps ja nicht ewig für die Vertikale, eventuell gibt es auch in flacherem Gelände noch Herausforderungen. Wie unser Sohn sagt: «Alles im Leben kommt von allein auf dich zu.» So auch der Tango. Verpackt als Weihnachtsgeschenk meiner Kletter- und Ehe- und nun auch Tanzpartnerin.

Tangueros stehen im Geruch des Machismo – und der Kletterer?

Damit sind wir bei den Gemeinsamkeiten zwischen Berg und Parkett: Zum Tanz wie zum Klettern braucht es in der Regel zwei. Wobei einer führt. Beim Tango der Mann – also meistens, obwohl man auf hiesigen Milongas auch schon Männer- oder Frauenpaare sieht. In Buenos Aires? – Da bin ich mir nicht so sicher. Die Emanzipation ist in der Tangoszene noch nicht so weit fortgeschritten wie am Fels. Tangueros stehen im Geruch des Machismo; ein Witz dazu geht so: Wenn sich ein Tangolehrer umbringen will, klettert er auf sein Ego und springt hinunter. Also ich kenne da auch Spitzenkletterer … aber lassen wir das!

Auch sonst viel Gemeinsames: Tango und Klettern verlangen Körper- und Taktgefühl (im doppelten Wortsinn), hartes Training, Gleichgewicht (körperlich und seelisch), Geduld, Beharrlichkeit, Spürsinn, Hingabe. Man durchschreitet Höhen und Tiefen auf einer Gratwanderung entlang von Abgründen (real und übertragen). Schliesslich erreicht man die Stufe der Passion, sie ist uferlos und lebenslang. Man ist in der Szene angekommen, weltweit unter seinesgleichen, mit tiefem Ernst bei der Sache. Nein, wenn es einen packt, ist fertig lustig. Tango sei getanzte Melancholie, heisst es – Klettern ja vielleicht auch.

Natürlich gibts Unterschiede. Etwa bei den Schuhen, beim Outfit. Beim Klettern kann man bekanntlich zu Tode stürzen, beim Tango vielleicht mal einen Fuss brechen. Oder das Herz. Aber das kann man am Berg ja auch.

SCHRIFTSTELLER, AUTOR,* Emil Zopfi, Schriftsteller, seit über fünfzig Jahren Kletterer, versucht sich seit fünf Jahren als Tangotänzer. Im letzten Herbst erschien sein Zürich-Krimi «Spitzeltango».

6 Kommentare zu «Klettern im Tangotakt»

  • Marc B. sagt:

    Da surft man im Web und such nach Informationen über Kletterausrüster und Gutscheine und stößt auf diesen Artikel. Die Betrachtung gibt dem Klettersport doch gleich eine andere Perspektive, die ich als Rookie so noch nicht gesehen habe. Vielen Dank Emil, für den toll geschriebenen Artikel.

  • Ein wahrlich schöner Artikel. Der erste, der meine tango-wandernden Gedanken teilt, denn ich denke beim Bergsteigen oft ans Tango tanzen. Vielleicht, weil ich bei beidem mit den Füssen fest auf dem Boden stehe und dennoch abhebe ;) – Beides ist für mich kein Sport, sondern Leidenschaft. Beides hat für mich mit Rhythmus und Bewegung zu tun, aber das Schöne dabei ist nicht die Bewegung, sondern das sich einstellende Gefühl – des Einsseins.

    Der Tango vermag den Machismo in diesem Aspekt gänzlich aufzuheben: Während des Tanzens sind Mann, Frau und Musik EINS.

    Herzlichen Dank für diese wunderschön geschriebenen Artikel!

  • tanzendekletterin sagt:

    …wie wahr…Spannung, die Welt vergessend – und manchmal geht bei beidem das Herz ja auch in Illusionen verloren, aber das wissen wir…. ein schöner Beitrag

  • René Stark sagt:

    Schöner vergleich. Das zwei Männer bzw zwei Frauen miteinander tanzen ist auch in Buenos Aires nichts besonderes, es gibt dort Quer Milongas wo das standard ist.

  • Irene feldmann sagt:

    Amüsanter Vergleich und toll geschrieben!

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