Weisses Risiko und digitaler Schutz

Suche nach Verschütteten nach einem Lawinenniedergang in Croset, 26. Februar 2012. (Keystone/Maxime Schmid)

Suche nach Verschütteten nach einem Lawinenniedergang in Croset (VS), 26. Februar 2012. (Keystone/Maxime Schmid)

St. Moritz, 27. Dezember 2013

Ein Traumtag für Wintersportler! Endlich! Über einen halben Meter hat es in den vergangenen drei Tagen geschneit. Blauer Himmel, Sonne, staubender Pulverschnee – ein Cocktail, der bei Tiefschneefans Glücksgefühle auslöst. Mitten in die Euphorie platzt ein Geräusch wie Donner: Nur wenige Meter unterhalb der Bergstation am Gipfel des Piz Nair löst sich ein Schneebrett. Ein Skifahrer wird von den Schneemassen die Südflanke des Piz Nair hinabgerissen. Als er geborgen wird, kommt für ihn jede Hilfe zu spät.

Ein Retter übt mit einem Suchhund. (keystone)

Ein Retter übt mit einem Suchhund. (Keystone)

Dies ist nur ein Beispiel von durchschnittlich 25 tödlich endenden Lawinenunglücken, die sich jeden Winter in der Schweiz zutragen. Dass Aufklärung nicht intensiv genug betrieben werden kann, zeigt ein weiterer Blick auf die Statistik. Wer in eine Lawine gerät, hat sie in über 90 Prozent aller Fälle selbst ausgelöst.

Luzern, 18. Dezember 2013

Im Museum Gletschergarten stellt das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) die neugestaltete interaktive Lawinen-Präventionsplattform White Risk vor. Ein Instrument, das Schneesportlern helfen soll, sich das nötige Fachwissen über Lawinengefahr und zur Tourenplanung spielerisch anzueignen: ein grafisch animiertes Kompendium zum richtigen Verhalten am Berg und zu Faktoren, die die Lawinengefahr beeinflussen: Wind, Neuschneemenge, Temperatur, Hangneigung und Geländeform. Auch detaillierte Informationen zu Gefahrenstufen, Lawinen auslösenden Faktoren, zu Entscheidungsprozessen in der Gruppe und zur Vorbereitung von Touren fehlen nicht.

Zürich, 18. Dezember 2013:

Das Start-up-Unternehmen Uepaa Swiss Alpine Technology führt die in der Schweiz erfundene und 2013 gestartete Rettungs-App Ueppa für Mobiltelefone auch in den europäischen Nachbarländern ein. Die App erlaubt eine Alarmierung, sogar wenn das Handynetz fehlt. Falls der Verunglückte selbst nicht in der Lage ist, einen Alarm auszulösen, holt die Unfallerkennung selbstständig Hilfe aus der Umgebung.

Via Wifi-Chips und epidemischer Datenverbreitung kommunizieren die Smartphones von Nutzern der App Uepaa auch ohne Mobilfunkempfang miteinander. Sogar Rettungsdienste sollen künftig mit Uepaa ausgestattet werden und könnten dann verunglückte Personen aus dem Hubschrauber orten.

Innsbruck, 10. Januar 2014

Hilfreich - das komplett überabeitete Portal für Lawinenprävention White Risk.

Hilfreich – das komplett überarbeitete Portal für Lawinenprävention White Risk.

Mit einem Freund, einem Programmierer,  launcht Bergführer Klaus Kranebitter die zweite Generation der Plattform Snowhow für Freerider und Skitourengeher. Ähnlich wie bei White Risk finden sich auf der Website Snowhow.info und in der App Lawinenlageberichte und ein Tourenplanungstool. Über Filterfunktionen lassen sich alpenweit Karten mit Hangneigung und Schneewerten einblenden. Eine speziell auf Freerider zugeschnittene Suchmaschine spuckt nach Kriterien wie «Neuschnee», «Sonne», «Temperatur» und «Datum» die lohnendsten Ziele aus. Zusätzlich haben Skigebiete die Möglichkeit, sicherheitsrelevante Informationen für Freerider einzublenden.

München, 28. Dezember 2013.

Die Macher der Website Powderguide.com stellen einen Artikel über eine Studie zum Risikoverhalten von Wintersportlern online, an der auch der Schweizer «Lawinenpapst» Werner Munter mitgearbeitet hat. Die Autoren stellen die These auf, dass sehr viele Wintersportler ein sehr hohes Todesrisiko auf sich nehmen, ohne sich bewusst zu sein, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, in einer Lawine ums Leben zu kommen.

Psychologische Studien belegen, dass die Risikowahrnehmung stärker durch Erfahrung und Emotionen als durch Wissen über (Unfall-)Wahrscheinlichkeiten beeinflusst wird. Zu verstehen und zu akzeptieren, was die statistische Wahrscheinlichkeit von tödlichen Unfällen für den Einzelnen bedeutet, scheint für viele Wintersportler nach wie vor sehr schwierig.

St. Moritz, 28. Dezember 2013

Wäre der tödlich verunglückte Skifahrer noch am Leben, wenn er all die neuen digitalen Sicherheitstools sorgfältig angewendet hätte? Werden sich die Unfallstatistiken durch solche Tools tatsächlich zum Positiven verändern? Oder verführt ein immer besseres digitales Sicherheitsnetz gar zur Sorglosigkeit?

Klaus Kranebitter will künftig begleitend zur Website und App auch Praxiskurse zum richtigen Verhalten abseits der gesicherten Pisten anbieten. Er will den wachen Blick für Gefahren schulen. Denn «man sollte schon aufpassen, dass man nicht nur aufs Mobiltelefon schaut, sondern auch ins Gelände».

Was meinen Sie? Erhöhen digitale Tools die Sicherheit am Berg? Haben Sie keinen Einfluss auf die Sicherheit? Oder gaukeln Sie gar eine scheinbare Sicherheit vor und verleiten zu erhöhtem Risiko? Mit welchen Mitteln könnte Ihrer Meinung nach das Risikobewusstsein beim Freeriden und Tourengehen effektiv erhöht werden?

 

 

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19 Kommentare zu «Weisses Risiko und digitaler Schutz»

  • adW sagt:

    @Adi.. 80-90% der Verschütteten sind bei Stillstand der Lawine bereits tot????
    Diese Behauptung bedarf einer Referenz, sonst bleibe ich bei der Meinung, dass das ABSOLUTER QUATSCH ist.
    Wohl eher ist die Überlebenswahrscheinlichkeit in einer Lawine 80-90%.
    Das ist ein nicht unwichtiger Unterschied :)

  • Daniele sagt:

    Ich bin beindruckt über die zum Teil tollen kommentare. Mann erkennt sofort das hier ein paar Genies und Lawinenprofi sind. Nur die doofen die ungekommen sind, das waren „Duble“ und natürlich Freerider! den Tourengänger sind genug inteligent um nur durch das Restrisiko umzukommen. Die brauchen sich auch nicht zu informieren egal ob mit apps und durch Lawinenbulletines lesen. Den die haben einen Lawinenkurs besucht und sind besitzer eines LVS.
    Also Leute ein bisschen mehr Respekt und ein bisschen weniger über die anderen Lästern.
    Geht raus geniest die Natur und „habet sorg“

    • Munter Werner sagt:

      Die Regeln sind für alle gleich, denn die Lawine weiss nicht, ob du freerider oder Tourenfahrer bist!

  • hallo mitenand

    diese ganzen tools nützen doch nichts. das hätte ihm das leben auch nicht gerettet. es reicht wenn man lvs, schaufel und sonde
    mit trägt. und diese geräte beherrscht.
    viel wichtiger ist jahrelange erfahrung, und professionelle ausbildungskurse zu besuchen. das entscheidene ist, eine fortlaufende einzelhang beurteilung zu beherrschen. ich bin mir aber bewusst, das es auch mich erwischen kann. wer meint, nur bei absolut sicheren verhältnissen auf tour gehen zu muessen, macht keine skitouren.
    ich wünsche allen gute touren.

    gruss von
    raphael wellig

  • Adi sagt:

    Für die Prävention mögen die elektronischen Tools vielleicht eine Hilfe sein.
    Bei einem Lawinenunfall sind aber 80-90% der Verschütteten bis zum Stillstand der Lawine bereits tot.

  • Munter Werner sagt:

    Der einzige Schutz vor Lawinen im freien Gelände ist VERZICHT am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt. Dafür gibt es einfache und gute Regeln. Wer sie missachtet, riskiert die natürliche Auslese, die im winterlichen Gebirge strenger ist als in der Zivilisation. Ueberleben im Gebirge ist eine Intelligenzfrage und hat mit Mut und Heldentum nichts zu tun.Lieber ein lebender Angsthase als ein toter Held.

  • Paul Summeramtter sagt:

    Dieser Dummkopf ist Tot weil er nicht einmal wahrnahm wieviel es geschneit hat. Elektronische Tools nützen null überhaupt nichts. Die Erfahrung zeigt, dass Mobile Phone und ähnliches die Batterie in weniger als 4 Std. kollabiert. Sender oft nicht dort sind. Technisch funktionieren Barryvox – oder aber Satellitengestützte Systeme die aber mit Sicherheit eine Responsezeit von bis zu 1 Std. haben. Schaufell, Sonde, Barryvox und Winterkarte. (Viele nehmen noch die Standardkarten – wo Uebernachtungen etc verzeichnet sind die im Winter nicht existieren). Wenn Dummköpfe in Braunwald einen Hang queren wollen beim Gumen – wo RIESENGROSS – Lawinengefahr und Verbot inkl. Wegsperre kommuniziert wird – dann verzweifelt jeder der so was sieht. Da nützen alle brillianten Werke von Munter einfach überhaupt nichts.

  • Peter Harisburger sagt:

    Lawinenkenntnisse, LVS, Sonde, Schaufel, ev. Airbag oder ähnliche Hilfsmittel & das wichtigste: Respekt, gesunder Menschenverstand & Zurückhaltung. Das Mobiltelefon ist ein hilfreiches Tool im Gebirge, ich persönlich würde mich persönlich aber keinesfalls auf eine App (z.B. mit klingendem Namen Uepaa) verlassen. Wer viel unterwegs ist, weiss auch wielange die Akkus an einem kalten Tag draussen überleben. Wie es ein Mitschreiber sagt: mit technischen Hilfsmitteln wird nur besser informiert gestorben.

  • eEnrico Malatesta sagt:

    Diese Diskussion erscheint mir ein wenig wie wenn man darüber spricht, ob Nichtschwimmer ins Meer hinausschwimmen sollen, wenn sie fünf Schwimmgurte umgeschnallt haben. Ja, es kann gut gehen. Nein, es ist nicht vernünftig.
    Allein schon wenn ich sehe, wie die Leute heute auf Skitouren gehen: Um zehn Uhr zuckelt man gemütlich los, ist um zwei Uhr in einem Hang, und um vier in der Lawine…
    Mein bisher bester Schutz, wenn ich in einem Gebiet unterwegs war, das ich nicht kenne: Einheimische fragen. Wenn die „Nein“ sagen, dann ist es „Nein“. Wobei ich auch schon Touristen erlebt habe, die dann einfach zum Tourismus-Büro gingen und dort nachfragten…Klar, dass man dort selten von einer Tour abrät…
    Ansonsten halte ich es mit Urs Kyburz: LSV, Schaufel, Sonde, Kenntnisse und nicht zu vergessen gesunden Menschenverstand reicht in der Regel.

  • Jan sagt:

    Nein. Die Informationen sind schon heute verfügbar, werden aber ignoriert. Mit solchen Tools wir nicht weniger, sondern besser informiert gestorben.

  • Urs Kyburz sagt:

    Ich bin wohl noch old-school, all der technische Firlefanz bringt nichts. Alles, was es braucht, ist ein LVS, eine Schaufel, eine Sonde und… Lawinenkenntnisse! Wer keinen Lawinenkurs besucht und Erfahrungen mit Profis gesammelt hat, soll sich nicht alleine in das Gelände wagen, für den gibt es Pisten. Ich behaupte mal, dass die meisten toten Freerider keine Ahnung von Lawinen hatten. Bei den Skitourengehern mag es auch solche geben, aber meistens schlägt da wohl das Restrisiko zu. Dieses kann man aber auch minimieren, indem man halt auch mal verzichtet, wenn die Lage nicht eindeutig ist.

  • Munter Werner sagt:

    Um Unfälle wie am Piz Nair zu verhindern, braucht es keine digitalen tools, sondern nur die Respektierung einfacher Regeln, z.B. „bei Gefahrenstufe 3 (ERHEBLICH) meidet man alle extrem steilen Hänge, und zwar in allen Expositionen“. Weitere Regel: „nach einem beträchtlichen Neuschneefall bleibt man am ersten schönen Tag unter 35° und hält Abstände ein“ Beim Einhalten dieser einfachen Regeln gäbe es bedeutend weniger Lawinentote.

    • Sigi Schnell sagt:

      So simpel wäre es.
      :-)

      Was bringt all der digitale Firlefanz (ist zuhause in der warmen Stube ganz angenehm), wenn nicht einmal die Warnschilder in den kommerziellen Skigebieten beachtet werden.
      Hauptsache Gopro ist auf dem Helm montiert, selbst wenn die Aufzeichnung im schlimmsten Fall „schwarz“ enden sollte.

      • Timo Widmer sagt:

        Als Firlefanz würde ich White Risk nicht bezeichnen. Man kann sich offline die Hangneigung sehr exakt in unterschiedlichen Farben darstellen lassen. Das ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel zur Tourenplanung und existierte in dieser Form bisher nicht. Es gibt aber einen Haken. Wer die Swiss Topo Karten im App White Risk auch auf seinem Smartphone nutzen will, zahlt für die Karten auf seinem Telefon, auch wenn er sie bereits früher von Swiss Topo erworben hat. Zweimal zahlen für die gleiche Karte macht keinen Spass. Irgendwann sollten die Landeskarten auch offline gratis benützt werden können. In Norwegen oder Finnland ist das zum Beispiel bereits der Fall.

  • Joachim Adamek sagt:

    Sicher, ich benutze diverse Webseiten bevor es zum Wintersport geht. Alles andere grenzt an Leichtsinn. Enttäuschung gibt es dennoch: Am Samstag waren sämtliche Wetterprognosen falsch. — Ein App oder ein Bezahl-Abo lohnen sich für mich allerdings nicht. Neben den genannten Webseiten ist auch der Lawinenwarndienst Tirol mit seinem Lagebericht bzw. Schnee & Lawineninfo (lawine.tirol.gv.at) eine gute Anlaufstelle. Im Übrigen halte ich mich daran: Selbst die beste Plattform noch das beste App können Erfahrung und Verstand ersetzen.

  • Anh Toan sagt:

    Vermutlich wäre der verunglückte Skifahrer noch am Leben, wenn er diese digitalen Tools genutzt hätte, aber auch, wenn er das analoge SLF-Lawinenbulletin beachtet hätte.

    Eine Alarmierung nach einem Lawinenunglück erfolgt fast immer zu spät. Überlebenschancen wesentlich erhöhen können nur bereits anwesende Partner, sofern sie entsprechend ausgerüstet sind, und mit der Ausrüstung umgehen können.

    Es bleibt aber: Freeriden macht da Spass, wo die Bulletins immer mindestens Stufe 3 anzeigen (Schattenhänge, 40 Grad +). Wer will schon an einem Sonnenhanghang unter 2500müM mit 30 Grad Gefälle Freeriden?

    • Es bleibt aber: Freeriden macht da Spass, wo die Bulletins immer mindestens Stufe 3 anzeigen (Schattenhänge, 40 Grad +). Was heisst das? Ist in diesen Hängen stets die Gefahrenstufe „Erheblich“? Kann mir da jemand weiterhelfen?

      • Ahn Toan sagt:

        Der Traum jedes Freeriders ist ein steiler Hang mit einem halben Meter leichtem, fluffigen, also frischen oder lange im Schatten frisch gehaltenen Pulverschnee, und das liesse sich als Definition von erheblicher (Pulverschnee-)Lawinengefahr verwenden. Die Bulletins sind schon richtig.

        Der klassische Tourenfahrer riskiert eher, in eine Nasschneelawine zu gelangen, wenn er zu spät am Nachmittag in Süd- und Osthängen unterwegs ist. Der sucht meistens weniger steile Hänge und mag Firn oder wenig neuen Pulverschnee in sanftem Gefälle, seine Ausrüstung ist auf Aufstieg und nicht auf Abfahrt optimiert.

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