Die kurioseste Besteigung aller Zeiten

Dieser Rekord jährt sich still und heimlich zum zehnten Mal: Besteigung des Üetlibergs MIT Sauerstoff. Im Bild: Suzanne E. Maier und Thomas M. Hürzeler in der Schlüsselstelle, dem Ausstieg aus dem Gipfelgrat auf das Gipfelplateau. 12. September 2003.

Dieser Rekord jährt sich still und heimlich zum zehnten Mal: Besteigung des Uetlibergs mit Sauerstoff. Im Bild: Suzanne E. Maier und Thomas M. Hürzeler an der Schlüsselstelle, dem Ausstieg aus dem Gipfelgrat auf das Gipfelplateau. 12. September 2003.

Wir erinnern uns: 1978 erreichte Reinhold Messner als erster Mensch ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff den höchsten Erdengipfel. Seither ergiesst sich am Everest alljährlich eine Flut von neuen Rekorden. «Die erste Frühgeburt auf dem Südsattel», «das erste Open-Air-Rockkonzert im Lager IV», etc. Je kurioser der Rekord, desto medienwirksamer.

Folgender Rekord wird dagegen von der Weltöffentlichkeit konsequent ignoriert. Unverständlich, denn diese Jahrhundert-Expedition «erschütterte das System des Extremalpinismus in seinen Grundfesten». Sie fand nicht im Himalaja statt, sondern an Zürichs Hausberg. 25 Jahre nach Messners alpinistischer Sensation machten auch Suzanne E. Maier und Thomas M. Hürzeler das Unmögliche möglich und bestiegen am 12. September 2003 den Uetliberg mit Sauerstoff. «Nur Warmduscher, Weicheier und Festnetztelefonierer, konditionell zu schmalbrüstig, um eine zünftige Sauerstoffanlage mitzuschleppen, gehen ohne in die Berge.» Sie bezwangen diesen Giganten der nördlichen Alpenausläufer vom Basislager in Dietlikon bis zum Gipfel auf 848 Meter Höhe in sieben Tagen mit Maske vor dem Gesicht, betraten Pfade, die kein Mensch vor ihnen mit Sauerstoffflasche betreten hatte, und eröffneten damit eine neue Dimension des Naturerlebnisses.

Erschöpft, aber glücklich auf dem Üetli-Gipfel: Suzanne E. Maier mit Sauerstoffgerät, fotografiert von Thomas M. Hürzeler.

Erschöpft, aber glücklich auf dem Uetli-Gipfel: Suzanne E. Maier mit Sauerstoff, fotografiert von Thomas M. Hürzeler. (12. September 2003)

Intensive Vorbereitung

Schon vor dieser visionären Tat am Uetliberg hatten die beiden Extremtouren unternommen, wo sie ihre Leidensfähigkeit unter Beweis stellten. So gelang ihnen 1998 die Rolltreppen-Direttissima im Warenhaus Globus vom Parterre in den fünften Stock und gleichentags wieder zurück. Und 2001 setzten sie in Zürich mit der Begehung der Bahnhofstrasse vom Bürkliplatz bis zum Hauptbahnhof ohne Einkehr in der Konditorei Sprüngli (!) die Messlatte im helvetischen Alpinismus neu. Dass sie genügend mentale Stärke für ihre geplante Uetliberg-Expedition mit Sauerstoff antrainiert hatten, merkten sie schliesslich im April 2003 – nachdem sie unmenschlich endlose 72 (zweiundsiebzig) Minuten in der Buchhandlung Orell Füssli verbrachten, ohne ein einziges Buch zu kaufen, nicht einmal die 16. überarbeitete Auflage von Messners «Ich, die Berge und Gott». Obschon sie drei Geschenkgutscheine à 20 Franken im Sack hatten.

Um das Permit für ihre Uetliberg-Expedition zu bekommen, war viel Bürokratie mit den Beamten von Grün Stadt Zürich nötig. «In kleinlicher Manier wollten sie immer detailliertere Pläne der fünf vorgeschlagenen Lager, der Aufstiegsrouten und der Evakuationsmöglichkeiten einsehen.» Für die Montage des grossen Sauerstoffkessels mussten sie von der Baubehörde Dietlikon eine temporäre Ausnahmebewilligung einholen.

Riskantes, angeseiltes Überqueren von Strassen

Sponsoren zu finden, war nicht einfach. Der damalige Verkaufsleiter eines grossen Bergsportgeschäfts habe ihnen von dem selbstmörderischen Vorhaben abgeraten und als ebenbürtige Härteprüfung den Besuch eines SVP-Puurezmorge ohne vorgängigen Drogenkonsum empfohlen. In einem Brief, der dem Alpinblog vorliegt, formulierte er: «Als profunde Kenner der alpinen Umgebung von Zürich sind wir von der Wahl ihrer Routenführung alles andere als begeistert und möchten Sie vor den völlig unkalkulierbaren Gefahren dringend warnen. Allein der Anmarsch von Dietlikon ins vorgeschobene Lager Triemli scheint uns sehr riskant, umso mehr als das angeseilte Überqueren von Strassen, Bahngeleisen, Flüssen, Firmengeländen usw. in der Vergangenheit schon zu sehr tragischen Vorkommnissen geführt hat. Wir schlagen Ihnen daher vor, dass Sie Ihr Vorhaben nicht durchführen. Aus ethisch-moralischen Gründen möchten wir uns aus Ehrfurcht vor der Bergwelt und dem Grossraum Zürich nicht daran beteiligen.» Messner-Freund Oelz vom Stadtspital Triemli habe ebenfalls abgeraten und auf die drohende Sauerstoffübersättigung in der Todeszone zwischen Lager fünf und dem Gipfel verwiesen.

Trotzdem zogen sie ihr tollkühnes Abenteuer durch. Mithilfe von 12 Ressortleitern und 70 Trägern, die über Wochen hinweg instruiert wurden. In aller Frühe des 6. September 2003 brachen sie auf, steckten sich am Bahnhofkiosk noch ein letztes Kägi-fret und ein Ragusa ein, marschierten dann in einer langen Kolonne auf ihr erstes Hindernis zu: die Ircheler Endmoräne, deren Überquerung leichter fiel als erwartet. Danach wurde es abenteuerlich: Walliseller Hochebene, Friesenberger Abgrund, von den Sherpas aufgebaute Brücke über die Birmensdorfer Furt, schroffe Schründe, Pfeiler, Überhänge, nächtlicher Lärm der Träger in der Kegelbahn, klaffendes Loch in Maiers Atemschlauch, rutschende Socke in Hürzelers linkem Schuh.

Wegen Sauerstoffübersättigung versagen auf dieser bahnbrechenden Expedition selbst die einfachsten Küchengeräte den Dienst. (Foto: Th. M. Hürzeler)

Wegen Sauerstoffübersättigung versagen auf dieser bahnbrechenden Expedition selbst die einfachsten Küchengeräte den Dienst. (Foto: Thomas M. Hürzeler)

Wegen Schlechtwettereinbruch, Graupelschauer und Nieselquirl sassen sie im Gipfellager fest: «Nach einem erfolglosen Versuch, per Funk das Basislager zu informieren, macht Suzanne erst mal Frühstück. Wegen der sauerstoffreichen Luft versagt der Mixer den Dienst und wir müssen die Mousse au Chocolat von Hand schlagen. Das zehrt Kräfte, muss aber leider sein. Wir fühlen uns trotz des Unwetters relativ sicher, erzählen uns alte Klettergeschichten, sehen uns auf ORF den ‹König der Bernina› mit Louis Trenker an und basteln etwas am Fortbestand der Menschheit.»

Liebe Leserin, lieber Leser:
Wie sich diese siebentägige Erstbegehung des Uetlibergs mit Sauerstoff im Detail zugetragen hat, wie die beiden von den Touristen komisch angeschaut wurden, als sie in Kletterausrüstung und mit selbst gebastelten Sauerstoffmasken auf dem Gipfel ankamen, Maier die Fahne gen Himmel streckte und Hürzeler fotografierte (kein Fake!), mag ich hier im Blog nicht im Detail wiedergeben – da viel zu schade für eine Zusammenfassung. Ich möchte Ihnen stattdessen dringend nahelegen, den Expeditionsbericht mit Bildern im Original zu bestellen und ihn in seiner ganzen Länge zu lesen, inklusive der Originalbriefe der Stadtbehörde und des Bergsportgeschäfts.

Suzanne E. Maier und Thomas M. Hürzeler schrieben das Büchlein vor zehn Jahren für Freunde, druckten es in einer nicht kommerziellen Auflage von 200 Exemplaren im Eigenverlag Kundzutun. Hürzeler sagt, er habe noch 20 Stück übrig. Auf meine flehende Bitte, eine zweite Auflage zu drucken, falls deutlich mehr Bestellungen eingehen, erklärte er sich schliesslich willig, merkte aber schriftlich an: «Ich kann mir kaum vorstellen, dass die heutige digital demente Generation noch etwas analog auf Papier Gedrucktes bestellt. Die Leute wollen einen Link zu einem Peedeeäff, das sie dann auf dem Monitor überfliegen, via Facebook weltweit verbraten und via Delete entsorgen können.»

An seiner Stelle wäre ich da nicht so sicher, oder? Also, erweitern Sie Ihren alpinistischen Horizont und trainieren Sie Ihre Lachmuskeln. Bestellen Sie das Büchlein «Bericht von der Erstbesteigung des Üetlibergs. Mit Sauerstoff». Am besten gleich jetzt. Kosten inklusive Versand: ein Fünfliber.

Per E-Mail bei Thomas Hürzeler: thomas@huerzeler.ch

Warnung: Für verbissene, humorfreie Alpinisten ist diese Bergsatire nichts. Nur für Leute, die von Natur aus lachen können und das gerne mal wieder herzhaft tun möchten. Mir wurde selten so etwas Lustiges zugetragen. Besser als jedes Humorfestival.

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