Der Extrem-Strip

Die nackte Wahrheit: Die Gigathlon-Woche setzte die gesellschaftliche Knautschzone ausser Kraft.

Die nackte Wahrheit: Die Gigathlon-Woche setzte die gesellschaftliche Knautschzone ausser Kraft.

Die Quittung – so sagen Sportler – wird am Wettkampf präsentiert. Dann zeigt sich, ob das Training gut dosiert, wohl gemischt und effizient war; ob die Ernährung und die Erholung vor dem grossen Tag gestimmt haben. Die Stunde der Wahrheit ist erbarmungslos. Frei von Doping lassen sich die Fakten nicht beschönigen. Am Start des einwöchigen Gigathlons war ich mir dessen bewusst. Angesichts meiner Unglückssträhne und der in vieler Hinsicht schlechten Vorbereitungen war ich für diesen Augenblick gewappnet. Das Happy End unseres Sportabenteuers ersparte mir aber diese Quittung.

Die Gigathlon-Woche hielt eine ganz andere Abrechnung für mich bereit: die nackte Wahrheit über meinen Charakter. Meine Energie reichte nämlich weder aus, um die gesellschaftliche Knautschzone zu schaffen, die im Alltag unabdingbar ist, um sozialverträglich zu sein, noch um den Schutz aufrechtzuerhalten, der meine Verletzlichkeit verbirgt.

Durchschnittlich fünf Stunden Schlaf pro Tag; sportliche Kraftakte in verschiedenen Disziplinen; Nervosität; die Angst vor dem Scheitern; ein rebellierender Magen – kurz, ich überschritt in dieser Juliwoche mehrmals meine eigenen Grenzen. In dieser Extremsituation liess ich die Hüllen fallen.

Ich bin eine ungeduldige Person.
Mit den Jahren habe ich gelernt, diese Ungeduld zu zügeln, um meine Mitmenschen damit nicht zu überfahren. Im Laufe der Gigathlon-Woche kamen unsere Supporter aber unter die Räder. Ungehalten reagierte ich auf Lappalien, vergriff mich dabei im Ton; verletzte damit insbesondere jene Menschen, die mir nahestehen.

Ich bin ein hoffnungsloser Optimist.
Ob es sich dabei um eine Stärke oder Schwäche handelt, darüber scheiden sich die Geister. Ich würde diesen Charakterzug um nichts in der Welt hergeben. Der Alltag fordert indes von mir, dass ich die Realität nicht aus den Augen verliere und durch eine kritische Brille betrachte. Diese warf ich nach dem Start regelrecht weg. Beflügelt von atemberaubender Kulisse, Adrenalin und Glückshormonen sah ich das Ziel und die Möglichkeit, es zu erreichen. Ich vergass die zahlreichen sportlichen und logistischen Hürden, welche die Organisatoren eingebaut hatten. Es brauchte unsere Supporter, um mich halbwegs auf den Boden der Realität zurückzuholen. Im Nachhinein war aber diese leichte Naivität vonnöten, die hoffnungslosen Optimisten eigen ist – wäre ich ein Realist gewesen, hätte ich wohl ob der schwierigen Vorbereitungen Forfait gegeben.

Ich kann die Zügel nicht aus der Hand geben.
Von Natur aus eine Macherin, bin ich es gewohnt, Dinge anzureissen oder Ausflüge zu organisieren. Gerne halte ich dann die Zügel in der Hand – manchmal viel zu fest und merke zu selten, wie wohltuend es ist, sich auf dem Kutschbock auch mal zurückzulehnen. Am Gigathlon war ich höchstens das vorgespannte Pferd, die Organisation hatten unsere Supporter inne. Es gelang mir nur selten, die Kontrolle abzugeben und zu vertrauen, dass sie den logistischen Kraftakt mindestens gleich gut meistern würden. Was sie rückblickend zweifellos taten.

Ich bin überzeugt, dass es nicht einen Gigathlon braucht, um «nackt» vor seinen Mitmenschen zu stehen. Wir strippen dann, wenn unsere Energieressourcen nicht ausreichen, um unsere Fehler auszubügeln. Die Beispiele meiner Charakterzüge sind für mich zwar nichts Neues, schliesslich lebe ich täglich mit ihnen. Ich habe mich an sie gewöhnt, ich habe gelernt, mit ihnen zu kutschieren. Der Extrem-Strip am Gigathlon hat mich aber dazu bewogen, mich ihnen wieder mal zu stellen, an ihnen zu arbeiten oder sie bewusst zuzulassen.

Gab es schon Situationen in denen sich Ihr wahrer Charakter offenbarte?

5 Kommentare zu «Der Extrem-Strip»

  • jürg zwick sagt:

    die supporter anschnauzen geht gar nicht! diese spendeten für den one week gigathlon eine ferienwoche. unzählige stunden,für die planung im vorfeld, kamen dazu. hoffentlich kannten die supporter das verhalten von p.w und konnten sich entsprechend einstellen. schlussendlich geht das finishen nur als team. ich absolvierte den gigathlon one week 2013 im couple und weiss von was ich spreche. uns war es wichtig das wir den supporten auch nach dem gigathlon noch in die augen schauen konnten. ein dankeschön für den grossen einsatz war selbstverständlich.
    um den supporten ihren einsatz so angnehm wie möglich zu gestalten bedingte eine detailierte planung im vorfeld.
    wir als athleten/in wussten haargenau was wir wann wo und wieviel an material und verpflegung benötigten.
    eine klare aufgabenverteilung war unerlässlich! selbstverständlich sind auch die stärken der supporter richtig einzusetzen.
    für das bereitstellen von verpflegung,kleidung und sportgeräten waren wir als athlet/in selber verantwortlich.
    für transport und die vorbereitung in den wechselzonen waren die supporter besorgt.
    wir hatten überhaupt keinen stress. alles war zum richtigen zeitpunkt bereit! wir kamen alle gesund und übergllücklich in lausanne an. wir blicken stolz auf ein unglaubliches erlebnis zurück.
    wir konnten uns auf das wesentliche konzentrieren. so hatten wir im team während der ganzen woche eine gute stimmung.

  • Jan sagt:

    Gerade an Sportveranstaltungen bin ich der Meinung, dass so ein „Strip“ niemals so weit gehen darf, dass man einen Supporter oder einen Helfer des Veranstalters anschnauzt. Als Nachwuchsvelorennfahrer habe ich auch mal nach einem Rennen eunen unserer Betreuer angemotzt, weil es schlecht gelaufen war. Daraufhin durfte ich ein 90km weite Velotour nach Hause antreten anstatt im Teambus Platz zu nehmen. Später war ich während meiner Ironman- Zeit einige male total am Anschlag, aber die Zeit im Nachwuchssport hat mich auch dort noch so geprägt, dass ich niemals einen Helfer, der seine Freizeit dafür opfert, dass der Wettkampf überhaupt durchgeführt werden kann, beschimpfte. Da kann mal auch mal schnell anhalten, wenn es bei der Verpflegung „fliegend“ nicht so richtig klappt und es gehört ganz bestimmt dazu, nach dem Wettkampf auf einige Helfer zuzugehen und sich zum Abschied bei ihnen zu bedanken.
    So gesehen kann ich nicht wirklich verständnis für diesen Artikel aufbringen.

  • J.Cettl sagt:

    Wohin führt dieses noch mehr und noch mehr, es ergibt doch keinen Sinn?

  • Gerda Schuurman sagt:

    Wer will denn in Gottes Namen schon den „wahren Charackter“ eines Menschen erleben? Ist für gewöhnlich nichts Erfreuliches.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    gutes, ehrliches statement, frau wertheimer. kommen verschiedene faktoren der überforderung zusammen, zeigt sich in der regel der wahre charakter; und das ist auch gut so. bei mir ist das so. wenn ich müde bin und der tägliche „arschlochfaktor“ überhand nimmt, neige ich zu überreaktionen. das weiss ich und ich weiss auch, dass das nicht gut ist. meine umgebung weiss das jedoch auch und stellt sich darauf ein. alles halb so wild. man kann nicht immer alles in sich hineinfressen.

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