Auf dem Triathlon-Trip: Fünf goldene Regeln für eine geglückte Premiere

Heute ein Gastblog von Sandro Brotz, «Rundschau»-Moderator von SRF und Hobby-Marathonläufer, über seinen ersten gefinishten Triathlon.

Sandro Brotz letztes Jahr, dieses Jahr und vor sechs Jahren. (Keystone)

Sandro Brotz letztes Jahr (Foto: Oscar Alessio), dieses Jahr nach seinem ersten Triathlon und vor sechs Jahren (Foto: Keystone)

Regel Nummer 1: Mit einem Neopren kann man nicht ertrinken

Das war’s dann wohl. Gerade mal 100 Meter von 1,5 Kilometern geschwommen und schon bekomme ich keine Luft mehr. Wo ist das nächste Rettungsboot? Jetzt nur die Nerven behalten und einen kühlen Kopf bewahren – nicht besonders schwierig bei einer Wassertemperatur von 17 Grad im Zugersee.

An der Vorbereitung kann es nicht liegen, dass meine Triathlon-Premiere schon nach wenigen Minuten zu scheitern droht. Seit Anfang Jahr bin ich insgesamt 1200 Kilometer gelaufen, 450 Kilometer Rad gefahren und 25 Kilometer geschwommen. Das unbestechliche Trainingstagebuch hält aber auch fest, dass ich meine Längen zu spät in der Planung und im wohlig warmen Hallenbad abgespult habe. Dort lässt sich eine Schnappatmung nun mal nicht simulieren. Ich werde erst später erfahren, wie sich das nennt, wenn man – infolge des kalten Wassers im Gesicht – panisch nach Luft schnappt. Nun gut, vermutlich wäre es schlauer gewesen, sich unter der Dusche im Freibad zu akklimatisieren, als in der Cafeteria nebenan noch einen Espresso zu schlürfen.

In meinem Handbuch «Triathlon für Einsteiger» stand jedenfalls kein Wort, wie sich der Schwimmstart bei diesen kühlen Bedingungen anfühlt. Auch meine Vereinskollegen haben nie davon erzählt. Und Mentaltrainerin Pia muss es mir bewusst verschwiegen haben. Ich wusste gar nicht, wie gut sich mit einer Schnappatmung fluchen lässt.

Regel Nummer 2: Es gibt immer eine Lösung

Das habe ich nun davon, am Zytturm-Triathlon im Übermut ein Upgrade von der Kurzdistanz auf olympisch gemacht zu haben. Ich wechsle kurzerhand zwischen Kraul- und Brustschwimmen ab. Das mag nicht besonders toll aussehen, aber beim Triathlon werden keine Stilnoten verteilt, sondern es geht um die Einteilung der Kräfte – und letztlich ums Ankommen.

Nach fünf Marathons bin ich an einem Punkt, den wohl manche kennen, die von der Faszination des langen Laufens und den Endorphinen nicht genug bekommen können: Ein neuer Kick muss her.

Warum ich überhaupt vom Couch-Potato zum Sport-Euphoriker wurde? Ein Arzt hat mir vor fünf Jahren eine Frage gestellt, die mein Leben komplett veränderte: «Wollen Sie 40 oder 80 werden?» Da war ich 30 Kilogramm schwerer, trug XXL-Kleidung, rauchte täglich drei Päckchen Zigaretten und befand, Sport sei etwas für Langweiler. Das Röntgenbild meiner Lunge hat mich dann schnell sehr kleinlaut gemacht – Verdacht auf ein Emphysem (zerstörte Lungenbläschen). Zwei Jahre lang hing das Röntgenbild an meinem Kühlschrank und erinnerte mich daran, warum ich mich für einen radikalen Lebenswandel abquälte.

Regel Nummer 3: Bei drei Zielen erreichst du eines bestimmt

Heute ist es keine Qual mehr, sondern ich suche die Grenzen bewusst – weil es zu meinem neuen Lebensgefühl gehört. Für mein Triathlon-Debüt habe ich mir drei Ziele gesteckt: Nicht als Letzter aus dem Wasser steigen, unter drei Stunden bleiben – und den Wahnsinn geniessen.

Mit der zweiten Boje kehrt die Sicherheit zurück. Nur zu blöd, dass ich im selben Moment von der Spitze des nachfolgenden Frauenblocks überschwommen werde. Ich schlucke gehörig Wasser, bekomme einen Fuss ins Gesicht und einen anderen in den Oberarm. Das Wasser wühlt so stark auf, dass die Sicht gleich Null ist. Doch neben und hinter mir geht es einigen männlichen Leidesgenossen gleich – irgendwie beruhigend.

Ich torkle als gefühlter Fünftletzter meiner Alterskategorie in die Wechselzone. Schwimmkappe weg, Schwimmbrille weg, Neopren weg, Pulsuhr weg, Veloschuhe an, Helm an, Sonnenbrille an… Moment! Wo habe ich nur den Zeitchip hingeschmissen, um den Neopren besser abziehen zu können? 10, 20, 30 Sekunden verloren. Der Zeitchip hat sich unter das Badetuch verirrt, auf dem Rad- und Laufschuhe bereit stehen.

Regel Nummer 4: Eine Besichtigung beruhigt ungemein

«Immer dranbleiben!», hat mir Laufkollege Remo in der Wechselzone eingetrichtert. Daran halte ich mich auf der Radstrecke. Es ist ein Vorteil, die 40 Kilometer vorab besichtigt zu haben. Jetzt fühle ich mich wohl und es gelingt mir sogar, einige Plätze gut zu machen. Ich achte penibel darauf, das Windschattenfahren zu unterlassen und auch die zwei Meter seitlichen Abstand einzuhalten. Wann immer ein Referee auf dem Motorrad vorbeifährt, fühlt man sich innerlich ertappt. Bei Kilometer 30 drücke ich ein Gel runter – die Verpackung kommt zurück in die Rückentasche. Littering ist nicht nur verpönt, sondern kann zur Disqualifikation führen.

Beim Wechsel vom Rad- auf die Laufstrecke zahlen sich die Koppeltrainings aus. Ich kenne das Gefühl, vom Velo abzusteigen und die ersten Kilometer wie auf Eiern zu laufen – und weiss auch, es geht vorbei. 10 Kilometer bis zur Triathlon-Finisher-Premiere. So unerreicht mir das Ziel beim Schwimmen noch vorkam, so sicher bin ich mir nun, es zu erreichen.

Die Endorphine melden sich zurück! Okay, das ist untertrieben: Die Glücksdinger tanzen im ganzen Körper Samba. Triathlon ist nicht besser als Marathon – nur noch intensiver, weil der Körper gleich in drei Disziplinen völlig unterschiedlich gefordert ist.

Regel Nummer 5: Wir sind verrückt, aber wir sind es gerne

Wer als 43-Jähriger den Triathlon als neuen Traum definiert, wird von seinem Umfeld als verrückt erklärt. Doch daran habe ich mich schon vor dem ersten Marathon gewöhnt. Nein, ich habe keine Midlife Crisis. Und ist auch kein Ersatz für Sex. Einsame, verbissene Triathleten? Von wegen! Ich fehle zwar öfters über Mittag in der SRF-Kantine am Leutschenbach, aber das Umfeld erweitert sich automatisch um Menschen, denen der Sport dasselbe gibt. Oder man trifft sich mit Kumpels wie Alexander plötzlich nicht mehr nur zum Bier, sondern auch zum gemeinsamen Training.

Ein Kilometer noch bis ins Ziel. Jetzt geniesse ich jeden Meter, auch wenn die Oberschenkel immer stärker schmerzen, aber das ist nebensächlich und kommt im Hirn gar nicht mehr richtig an. Wer aus der Ferne die Stimme des Speakers am Ziel hört, beschleunigt automatisch nochmals das Tempo. Am Ende erreiche ich alle drei persönlichen Ziele. Nur das geplante Lächeln für das Zielfoto gelingt mir nicht. Erschöpft, erleichtert, erfüllt.

Wie es nun weiter geht? Tja, ich wollte nie mit dem Rauchen aufhören, nie abnehmen, nie Sport treiben, nie einen Marathon laufen und schon gar nie einen Triathlon bestreiten. Gut möglich, dass ich mich nie an den legendären Ironman heran wagen werde. Okay, vielleicht mal einen halben – nur um zu wissen, wovon jene entrückt reden, die es schon erlebt haben. Nur am Schwimmen muss ich noch ein wenig feilen.

Unter seinem Twitter-Account pendelt @SandroBrotz zwischen sportlichen und politischen Themen. Bevor er am 21. August mit der «Rundschau» im neuen Dekor an den Start geht, bestreitet er am 31. Juli am Zürich Triathlon nochmals die olympische Distanz.

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18 Kommentare zu «Auf dem Triathlon-Trip: Fünf goldene Regeln für eine geglückte Premiere»

  • Stefan sagt:

    Bei der Schilderung werden einem die Augen feucht, alles nachvollziehbar. Übrigens kann man als Triathlet auch ohne Ironman glücklich sein, habe es über Jahrzehnte geschafft. Einfach mal gegen den Strom schwimmen, was die Auswahl der Wettkämpfe betrifft. Ironman wird im Moment halt super vermarktet, dass muss man anerkennen.
    Viel Spass noch Herr Brotz mit diesem grandiosen Sport.

  • Sandro Brotz sagt:

    Herzlichen Dank für die vielen Reax via Twitter und E-Mail – und auch für die nützlichen Tipps! Auch darum mag ich diese Szene: Man läuft zwar für sich, aber jeder unterstützt den anderen. Bis bald am nächsten Volkslauf, Tri oder…

    • Hitz sagt:

      Respekt vor Ihrer sportlichen Leistung mit 43 Herr Brotz, aber einen Stilnoten-Abzug gibt’s nicht wegen dem Schwimmstil, sondern wegen dem unzulässigen Gebrauch des Wortes „Reax“. Geht mit 43 einfach nicht mehr sowas. Das nächste Mal wenn sie sowas machen, müssen wir Sie leider disqualifizieren.
      Ihr Verband der Wortgebrauchs-Schiedsrichter.

  • Roman sagt:

    @schweizermeister: Super … und warum wohl … auch schon mal nach den Jugendjahren einen neuen technisch anspruchsvollen Sport neu gelernt … wäre gespannt, ob das dann auch so toll aussieht.
    Darum einfach jeden so lassen wie er kann und will.

  • Roger Möschler sagt:

    Und gaaanz wichtig: die SVP hassen!

  • Karin sagt:

    Da musste ich ein paar Mal schmunzeln. Wir sehen uns am Tri in ZH.

  • neni sagt:

    toll für sie!!!

  • Jan sagt:

    Erinnert mich an meinen ersten Ironman 70.3 Einsatz. 1,5 Jahre zuvor habe ich mich mit 128kg zu einem Start entschlossen und -gelinde gesagt- Unverständnis geerntet.Entweder Spott, oder von Angehörigen die nakte Panik, dass ich mich dabei umbringen werde.Ich ging gut vorbereitet an den Start und hatte absolut keine Ahnung, wie das rauskommt. Triathlon kannte ich eigentlich nur vom Hörensagen. Als ich dann nach etwa 6 Stunden ins Ziel kam, war ich körperlich und vor allem mit den Nerven völlig am Ende. Im See war ich nur, um eine Woche vor dem Wettkampf meinen Neo mal auszuprobieren. Das mit den Fehlenden Markierungen am Hallenbadboden wurde mir erst kurz nach dem Start bewusst… So bin ich wohl etwas mehr als die 1.9km geschwommen. Das Velofahren lief eigentlich gut… beim halbmarathon begannen dann aber die Probleme… bei der ersten Verpflegung habe ich mir den ISO Drink zuerst einmal ins Gesicht geschüttet, weil ich dachte, das geht auch im Laufen… dann bin ich sehr Publikumswirksam unten bei den „Stairways to heaven“ gestolpert, weil ich noch einer Bekannten gewunken habe, während ich schon die erste Stufe erreichte… aber dann der Finnish. Der Moment, von dem ich so lange geträumt habe und bis zu diesem Moment keine Ahnung hatte, ob er war wird. Die grosse Euphorie… und später die unendlichen Schmerzen. Es gab danach noch andere Wettkämpfe, auch über die Ironman Distanz, aber so intensiv wie dieses erste Mal wurde es nie mehr.

  • holofernes sagt:

    25 km geschwommen, das macht dann etwa einen pro Woche? Da ist sicher noch Luft nach oben…

    • ultrarunner sagt:

      Ja und? Der Mann hat´s geschafft. Punkt. Ob in Würde oder nicht ist allein sein eigenes Problem. Oder höre ich leichten Neid raus weil holofernes mit deutlich mehr Trainingsaufwand auch nicht under die ersten zehn läuft? Denn am Ende es völlig egal ist, wo genau man in der grauen Masse zwischen DNF und Rang 10 ankommt.
      Also bitte locker bleiben und jedem seinen persönlichen Trainingsansatz gönnen.

      • holofernes sagt:

        holofernes läuft überhaupt nicht Wettkampf. holofernes ist auch ein hobbyschwinmer ohne Ambitionen und bleibt schön locker. aber für einen kilometer wäre mir der eintritt ins hallenbad zu teuer.

  • Dani sagt:

    Hallenbad und OpenWater sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Das musste ich meinem 8 jährigen auch erklären, der zur Seeüberquerung antreten wollte.

    • Schweizmermeister sagt:

      Schwimmstil von Triathleten und jener von Schwimmern, Synchronschwimmerinnen oder Wasserballern sind ebenfalls zwei vollkommen unterschiedliche Paar Schuhe.

      Ich hab bis heute noch jeden (JEDEN – hab mich noch kein einziges Mal geirrt!*)Triathleten auf ner Bahn schwimmend in der Badi am Schwimmstil erkannt.

      … Wär auch ganz gut (für den Stil; und somit also auch für die Effizienz), wenn sich Triathleten mal überlegen würden, wieso dem wohl so ist.

      *Ausser natürlich bei Schimmern, die zu Triathleten wurden… ;-)

      • Adrian sagt:

        Tschau Schweizermeister
        Hast Dir auch schon mal überlegt dass es dafür eventuell einen Grund gibt? Vielleicht ist es ja so, dass sich der Schwimmstil von Triathleten und Schwimmern unterscheiden sollte? Im Gegensatz zum Schwimmer muss der Triathlet nämlich nachher noch für 180km auf Rad und für 42km in die Laufschuhe. Wohingegen der Schwimmer nach 100 oder 200 oder wenns hochkommt nach 400m schon wieder vor seinem latte macciato sitzt ;-) Also ich würd meinen Beinschlag aufs halten der Wasserlage reduzieren und den Rest fürs Velo und Laufen sparen. Aber in einem Punkt geb ich Dir recht. Es gibt viele Triathleten die schwimmen planlos mit pullbuoy zwischen den Beinen eine Stunde im Becken hin und her und sind dann der Meinung ein effizientes Schwimmtraining absolviert zu haben.

        • Kathy sagt:

          100, 200 oder 400m schwimmen? Du hast keine Ahnung Adrian. Ich bin heute eher (noch) so, wie der Autor vor 6 Jahren, trotzdem schwimme ich zweimal pro Woche mindestens einen Kilometer. „Richtigi“ Schwimmer machen ein x-faches davon…

  • Blub sagt:

    Danke für den Bericht und Gratulation zum Debüt!

    Ich durfte dieses Jahr mein Marathon-Debüt feiern und versuche es nun auch nebst dem Laufen zu schwimmen und Rad zu fahren. Anfangs hatte ich auch nie davon geträumt, jemals die Distanz von 42+ km zu bestreiten… Und nun sehe ich mich schon für Triathlons um. Aber nur um zu sehen, was man da leisten muss ;). Und wer weiss, evtl. werde ich mich auch mal def. in diese Richtung bewegen. Vorerst möchte ich mich aber nochmals mit dem einen und anderen Marathon versuchen… dann gibt es ja noch die Ultras… Eine never ending story!

    Nochmals besten Dank für die Teilnahme am Geschehen – irgendwie machen wir wohl alle die selben Erfahrungen.

  • Mike sagt:

    Respekt! Und Wetten, dass es zum Ironman führt? :-)

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