Der König der Ostschweiz



Diese Woche auf den Dreikantone-Gipfel Säntis (AI, AR, SG)

Über den Säntis, den höchsten Ostschweizer, könnte ich eine ganze Seite schreiben, er ist so reich an Routen und Wirtschaften wie der Pilatus oder die Rigi, ist wie jene eine Welt. Da tut Auswahl not. Hier die Route, die im Unterschied zu anderen nicht ausgesetzt ist. Freilich, trittsicher muss man für sie sein, und die nötige Kondition mitbringen. Ab dem Bahnstatiönchen Wasserauen sind 1600 Höhenmeter zu meistern.

Hysterische Berglandschaften

Der Anfang ist steil, aber leicht: auf dem Strässchen hinauf zum Seealpsee. Immer wieder tritt man zur Seite, um einen Subaru-Senn vorbeizulassen. Am See zeigt sich die Besonderheit des Alpsteins, seine Unique Selling Proposition, wie der Werber sagt: Die Berge rundum sind besonders wild gefaltet, gebrochen, geschichtet. Sie sind Extremisten. Hysteriker.

Zur Einkehr ist es zu früh. Am Ende des Sees muss man sich entscheiden: via Meglisalp oder via Mesmer? Diesmal sei es die Variante Mesmer. Wieder eine Steilstufe, dann taucht das herzige Gasthaus Mesmer auf. Es ist ist so urgemütlich, dass es, im Appenzeller Dialekt gesprochen, «söndschaad» (sündschade) wäre, nicht eine Gerstensuppe zu nehmen.

Eine 124 Meter lange Zigarre

Und weiter. Zuerst geht es noch ein wenig geradeaus, dann verengt sich das Tal, auf der rechten Flanke steigt man aus durch eine seilgesicherte, aber bei Trockenheit leichte Passage, steigt bald in Zickzackkehren wieder steil auf zur Wagenlücke. Nun wiedervereinigen sich die Mesmer-Leute mit den Meglisalp-Leuten. Zusammen landet man in einer weissgrauen Wüste der Kalkschratten. Der Pfad windet sich vorbei an Dolinen, dubiosen Einsturztrichtern im Bröckelkalk, das ist aber so gut gemacht, dass keine Beklemmung aufkommen kann. Mittlerweile ist der 124 Meter hohe Sendeturm voraus scheinbar zum Greifen nah. Er sieht in der eleganten Krümmung aus wie eine Zigarre.

Hier ist der Moment, sich eine Kuriosität in Erinnerung zu rufen. Drei Kantone teilen sich den Gipfel. Der Turm steht auf St. Galler Boden, wie auch die modernen Restaurants. Die Bahnstation wiederum ist weitestgehend Ausserrhoden. Hingegen gehören die Gipfelplattform und das Gasthaus Alter Säntis zu Innerrhoden. Einst stritten sich die Anstösser, so dass Ende 19. Jahrhundert das Bundesgericht die Grenzteilung verfügen musste. Die berühmte Wetterwarte übrigens steht exakt auf dem Punkt, an dem die drei Kantone sich treffen.

Probierts mal zu Fuss

Letzter Akt der Bergtour: Den Gipfelhang hinauf in Kehren; es motiviert dabei der Anblick der Terrasse des „Alten Säntis“. Freilich füllt einen mit Unbehagen, dass die meisten Gäste dort von der Schwägalp her mit der Seilbahn gefahren sind. Man möchte ihnen sagen: Hey, probierts mal zu Fuss, ihr habt keine Ahnung, was für eine Strecke ihr verpasst!

Infos

  • Route: Wasserauen, Station – Seealpsee – Mesmer – Wagenlücke – Säntis.
  • Dauer: fünf Stunden.
  • Höhendifferenz: circa 1600 Meter aufwärts.
  • Charakter: Hart, viel Höhendifferenz.
  • Höhepunkte: Der liebliche Seealpsee mit dem topfebenen Alpboden. Der Grat der Wagenlücke, der neue Tiefblicke und Ansichten schenkt. Die Karwüste vor dem Säntis. Der 360-Grad-Gipfelblick.
  • Einkehr: Wasserauen, Seealpsee, Mesmer, Säntis.
  • Landeskarte 1:25 000: 1115 „Säntis“.

Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch, oder auf www.thomaswidmer.ch.

Thomas Widmer bloggt: http://widmerwandertweiter.blogspot.com/

1 Kommentar zu «Der König der Ostschweiz»

  • Adrian Frey sagt:

    @ Th. Widmer: Ich kann mich Ihrer Meinung nur anschliessen Am schönsten finde ich die Säntisbegehung vom Rotsteinpass über den Lysengrat aus. Nicht selten mit meternahen Begegnungen mit Steinböcken… Einfach WUNDERBAR & HERRLICH

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