Bis dass die Knochen krachen

    Biker im Sturzflug: Screenshot aus dem Film «Where the trail ends».

Je steiler, umso besser: Screenshot aus dem Film «Where the trail ends».

Aus «schneller, höher, weiter» ist «extremer und extremer» geworden, schreibt die deutsche Wochenzeitung «Zeit». Der Kulturphilosoph Jean Baudrillard nannte den Marathon «demonstrativen Selbstmord». Die Teilnahme am Lauf sei sinngemäss eine leere Hülle, bei der es um die blosse Botschaft «I did it!» gehe. In der Welt des extremen Mountainbikesports wäre «I survived it!» allerdings noch passender. An Anlässen wie der Red Bull Rampage oder für Filmproduktionen wie «Where the trail ends» gehen die Protagonisten regelmässig an ihre Limiten. Knochenbrüche gehören zum kalkulierten Risiko. Und trotz immer ausgereifteren Protektoren kommt es bedingt durch Sturzhöhe und hohe Geschwindigkeiten auch häufig zu ernsthaften Verletzungen an Kopf und Wirbelsäulen. Wieso tun sich das Athleten an? Dazu haben wir den Sportpsychologen Thomas Ritthaler von Sportpsychologie München befragt.

Biker im Sturzflug: Screenshot aus dem Film «Where the trail ends».

Biker in der Luft: Screenshot aus dem Film «Where the trail ends».

Worin unterscheiden sich Extremsportler von anderen Spitzensportlern?
Extremsportler suchen das kalkulierte Risiko, bei dem es weniger um das Besiegen eines anderen Athleten geht, sondern mehr um das Überschreiten eigener körperlicher und geistiger Grenzen.

Ist es nur der mediale Schein, oder hat die Popularität von extremen Sportarten in den letzten Jahren zugenommen?
Aus meiner Sicht ist es genau die Wechselwirkung zwischen extremen sportlichen Unternehmungen und der medialen Verbreitung, die in den letzten Jahren immens zugenommen hat. Menschen, die fasziniert davon sind, ihre eigenen Grenzen zu testen und immer weiter hinauszuschieben, gab es schon immer und wird es vermutlich auch immer geben. Heutzutage kommen neben der intrinsischen Motivation dieser Extremsportler perfekte mediale Möglichkeiten hinzu, das eigene Ego zu vermarkten.

Warum gehen viele Extremsportler das Risiko ein, sich bei «ihrem» Sport zu verletzen oder im schlimmsten Fall zu sterben?
Der Antrieb dieser Sportler ergibt sich aus einem Anreiztrias. Der erste Anreiz ist die Intensivierung des sportlichen Erlebnisses dadurch, dass die situative Bedrohung als erregend wahrgenommen wird. Das Bedürfnis nach abwechslungsreichen, neuen, intensiven Sinneseindrücken wird in Bezug auf extreme Risikosportarten als Thrill and Adventure Seeking bezeichnet und geht mit der Bereitschaft einher, physische und soziale Risiken einzugehen. Die zweite Anreizkomponente ist das eigene Kompetenzerleben in solch extremen, aber eben auch vitalen Anforderungssituationen. Aussenstehende mögen Risikosportler so wahrnehmen, dass diese das Risiko per se suchen, aber dem ist nicht so: Das Ausmass des Risikos wird durch die individuelle Einschätzung der eigenen Fähigkeiten bestimmt.

Haben sie keine Angst? Oder können sie diese besser vergessen als «normale» Menschen?
Es besteht kein Zweifel, dass auch sie Angst empfinden. Zwei Dinge unterscheiden diese Sportler aus meiner. Dinge, die wir schon als höchst bedrohlich für unsere Gesundheit wahrnehmen, stellen für solche Sportler kein Bedrohungsszenario dar. Zum anderen haben sie Schritt für Schritt gelernt mit der Angst ihren Sport auszuüben, sie im besten Fall sogar zu nutzen, um konzentrierter, bewusster die Situation einzuschätzen und zu bewältigen. Anders ausgedrückt: Die Angst beherrscht sie nicht, sie integrieren die Angst in ihren Sport.

Welche Rolle spielt der Ruhm – vor allem in Zeiten der dauernden medialen Veröffentlichung?
Die perfekten medialen Möglichkeiten bieten die grosse Chance, seine eigenen Vorlieben und Bedürfnisse so zu vermarkten, dass man davon leben kann. Ich kann mit dem was ich liebe Geld verdienen und muss keiner vielleicht ungeliebten Arbeit nachgehen. Aus Gesprächen mit Sportlern habe ich herausgehört, dass Ruhm als Teil des Business gerne genutzt und sicher auch genossen wird, aber nicht zentral im Fokus steht. Finanziell abgesichert kann ich öfter und besser meinem Extremsport nachgehen.

Oft erleben Sportler auch nach schlimmen Unfällen Comebacks. Sind das eher die Ausnahmefälle – oder ist es normal, dass jemand süchtig nach einem Sport ist und dabei auch vergisst, dass er dabei beinahe ums Leben gekommen wäre?
In der Tat glaube ich, dass hier in vielen Fällen von Sucht gesprochen werden kann. Neuere neurobiologische Erkenntnisse insbesondere zum mesolimbischen Dopaminsystem, dem Belohnungssystem des Menschen, bieten erste Erklärungsansätze dafür, was Extremsportler antreibt ihre Sportart auszuüben. Dopaminneurone kann man sich in dem Zusammenhang als «Vorhersage-Neurone» vorstellen, die die Diskrepanz zwischen Erwartung und Ergebnis messen: Wenn sich meine Vorhersage als richtig erweist, sorgt der Dopaminausstoss sozusagen als Belohnung für mein Vergnügen richtig gelegen zu haben. Die Dopaminausschüttung im Gehirn bleibt jedoch unverändert, wenn die Belohnung ausbleibt oder geringer ausfällt als erwartet. Die Bewältigung extremer, risikoreicher sportlicher Herausforderungen stellen somit belohnende Bewegungsereignisse dar, die zu dem Wunsch führen diese zu wiederholen. Die mit der sportlichen Herausforderung einhergehende soziale Anerkennung wirkt zusätzlich sekundärer Verstärker.

Denken Sie, dass sich viele Jugendliche durch Filme wie zum Beispiel «Where the trail ends» beeinflussen lassen? Und dann versuchen diese Stunts oder Abfahrten selbst nachzumachen?
Ich könnte mir vorstellen, dass einige Jugendliche sozusagen am Modell lernen und sich von einem solchen Film beeinflussen lassen. Aber warum schauen Jugendliche überhaupt diesen Film an? Hier stellt sich die Frage nach der Henne oder dem Ei. Deshalb glaube ich eigentlich nicht, dass es ohne das Vorliegen einer gewissen Disposition zur Risikofreudigkeit, eigenen Lernerfahrungen und/oder einem begünstigenden Umfeld allein durch einen Film zu einer nachhaltigen Entwicklung dieser Jugendlichen hin zu einer Extremsportart kommt.

Sehen Sie eine Tendenz in unserer Gesellschaft, dass alles immer mehr in die Richtung «einzigartiger, extremer, aussergewöhnlicher, herausfordernder» geht? Wenn ja – woher stammt diese Tendenz?
Individualität und Aussergewöhnlichkeit sind in der heutigen Zeit vermeintlich wichtige Werte. Arnold Retzer schreibt in seinem jüngst erschienen Buch «Miese Stimmung» von der Erfolgsgesellschaft, die die Leistungsgesellschaft abgelöst hat und in der es eigentlich weniger um Leistung als mehr um Beachtung geht. Jeder möchte autonom, selbstbestimmt und anders sein, um seine persönliche «Ich-AG» zu vermarkten. Deshalb trifft Extremsport aus meiner Sicht den Nerv der Zeit. Was dabei übersehen wird, ist, dass das beständige Streben «einzigartiger, extremer, aussergewöhnlicher, herausfordernder» zu werden zum Mainstream wird und damit so gar nicht mehr einzigartig ist. Dabei rede ich weniger von den Extremsportlern, die intrinsisch motiviert ihre eigenen Grenzen verschieben wollen und sich belohnende Bewegungsereignisse verschaffen wollen, sondern mehr von einer Gesellschaft, die solches Bestreben zusätzlich verstärkt.


Schauen Sie sich Mountainbike-Videos von Extremsportlern an? Lassen Sie sich dadurch inspirieren oder sehen Sie die Entwicklung zu immer extremeren Leistungen kritisch? Wo setzen Sie persönlich die Grenzen?

In eigener Sache: Mountainbike-Blogger Jürg Buschor zeigt im Rahmen des Explora Bike Festivals seinen Diavortrag mit dem Titel «Mountainbike-Traumtouren – die Faszination der Singletrails». Das Festival dauert vom 4. bis 6. Januar 2013, Jürg Buschors Vortrag ist am Sonntag, 6. Januar, um 16.00 Uhr im Volkshaus Zürich. Informationen und Tickets gibt es online.

14 Kommentare zu «Bis dass die Knochen krachen»

  • Heinz Oswald sagt:

    Für Aussenstehende scheinen solche Extremisten ihre gesuchten Gefahren nach dem Motto anzugehen: sterben muss jeder einmal…

  • Roland K. Moser sagt:

    Ich finde es gut, dass solche Sachen ausprobiert werden. Nicht nur im MTB, sondern auch bei anderen Sportarten.
    Andere verheizen Milliarden und erhalten nachher Steuergelder und noch höhere Boni weil die Steuergelder so gut fliessen. Das ist krank.

    • Felix Rothenbühler sagt:

      Die Genesungskosten von Extremsportler sind auch eine Art unverdienter Boni. Sorry, aber krank ist doch eher, wenn man einem normalen, gewöhnlichen Leben nichts mehr abgewinnen kann.

      • captain kirk sagt:

        Ich will gar nicht wissen was für Genesungskosten entstehen für die ganzen „normalen“ welche Fussball, Tennis, Squash, Badminton, Handball etc. Spielen. Denn diese Leute sind auch öfters mal beim Arzt weil sie z.B. bleibende Schäden in den Knien (Fussball, Handball ganz oft der Fall) haben.
        Dieses Argument zieht einfach nicht.

        Und nein es ist nicht Krank wenn man einem gewöhnlichen Leben nichts mehr abgwinnen kann, bzw was bitte ist den gewöhnlich? Schön brav täglich von 8-17:30 Arbeiten dann ins Feierabendbier und danach den Tag vor der Glotze ausklingen lassen. Am Wochenende dann der obligate Sonntagsspaziergang mit der Familie?
        Jeder wie er es mag, aber dass ist nicht meine Welt. Ich benötige Bewegung damit ich mich ausgeglichen fühle.

        Solche Sportarten kann man immer auf ganz vielen Niveaus ausführen. Da kommt es nicht zwingend zu Verletzungen. Ich habe Freunde welche seit Jahren Unfallfrei fahren, andere wiederum musste ich selber ins Krankenhaus begleiten. Das hätte aber auch bei anderen Sportarten der Fall sein können. Die schlimmsten Unfälle hatte ich im Schulsport.

      • Roland K. Moser sagt:

        Ich verstehe Ihr Argument.
        Nur würde ich die Gesundheitskosten vom Alkohol- und Tabakkonsum nicht mehr finanzieren. Die sind ein paar 100’000 mal grösser als diejenigen von weltweit ein paar „Spinnern“.

  • Mike sagt:

    Der Umgang mit Verletzungen in der „Szene“ ist schon etwas eigenartig. Wenn man die einschlägigen Online-Foren liest, wird zwar oft über Unfälle und Knochenbrüche der Profis geredet, und dabei wird auch nichts verharmlost – man ist sich erstens der Gefahr bewusst und redet auch nicht darüber, als wäre es harmlos. Andererseits hat so gut wie jedes MTB-Forum mindestens einen Thread, wo sich die User über ihre eigenen Verletzungen austauschen, und da zeigt sich oft ein eigenartig schizophrenes Verhalten. Man kriegt zumindest etwas den Eindruck, dass mit Röntgenbildern und dergleichen auch angegeben wird.

  • Peter Wichtig sagt:

    Nunja, jeder sucht halt seine Grenzen. Nur so kann man sich weiterentwickeln.

    Verletzungen kann es natürlich auch geben aber wohl nur im Falle eines Zwischenfalls oder Selbstüberschätzung, aber grundsätzlich wird das nicht einkalkuliert. Für jeden Sportler bedeutet sowas massive körperliche und mentale Rückschläge und wird um jeden Preis vermieden.
    Aber es sind halt negative Auswirkungen mit denen man leben muss. Aber wo gibt es diese nicht?

    Entweder man macht es im Job (Bsp. UBS) oder im Ausgang (Wieviele Leute kann ich wohl verprügeln bis ich selbst mal drunter komme), da sind mir solche Extremsportler doch am liebsten. Die ihre eigenen Grenzen suchen und weder darauf aus sind sich noch andere zu verletzen oder zu schädigen, sondern nur ihre Grenzen auszuloten und weiterzuentwickeln.

    Im Kampfsport sind Verletzung Teil oder gar Ziel des Sports, beim Fussball (höchste Unfallquote der Schweiz in Relation zu Spielern) scheint ja auch Alltag zu sein, sich oder noch viel schlimmer den Gegner zu verletzen.

  • Paul Mircher sagt:

    Ich glaube die meisten die hier Kommentare schreiben haben den Film gar nicht gesehen. Ich finde die neuen Bikefilme nicht mehr so extrem wie die älteren. Klar ist Mountainbiken in dieser Form gefährlich, aber diesen Artikel finde ich übertrieben.
    Skifahren ist genauso extremsport, keiner ist sich beswusst das er mit bis 100 Kmh über die Piste fährt. Diese Biker sind Profis und wissen was sie tun, genau so bei der Rampage, das dürfen auch nur Profis mitmachen. Das Nachmachen halte ich auch nicht für Problematisch, kein Anfänger springt einen 5 Meter Drop nur weil er es im Film gesehen hat, genauso fährt auch keiner mit dem Motorrad in Istanbul über die Dächer nur weil es James Bond macht. Daniel Degen hat aber auch nicht unrecht.

  • Daniel Degen sagt:

    Extremsportarten sind doch auch eine Antwort auf unsere überregulierte Welt. Früher wusste man, dass man nicht zu nahe an einen Abgrund gehen darf, um nicht abzustürzen. Heute gibt es diese Gefahr gar nicht mehr, da dort mit Sicherheit ein Geländer steht. Die ganze Welt ist für die Dümmsten und Unsichersten konzipiert. Das alltägliche Risiko fehlt. Aus diesem Grund holen sich die motorisch Begabten diesen Kick in Extremsportarten.

    • Felix Rothenbühler sagt:

      Überreguliert? Wo leben Sie? Die Freiheit tun und lassen zu können, was man will, war noch nie so gross! Früher war massgebend, dass man einen Job hatte: Von der Lehre bis zur Pension am selben Ort! Ferien? Vielleicht mal einen Ausflug in die Berge alle drei Jahre! Und heute? Überreguliert? Den Luxus, sich einen Extremsport aussuchen und ihm fröhnen zu können, muss man zuerst einmal haben.

  • franz sagt:

    Ich habe den Text nur schnell überflogen aber die Paralellen zur UBS sind doch frapannt und wohin das führt ist auch schnell klar…Beim Biker zur invalidität und beim Banker zu Miliardenbussen!
    Tja. früher gabs eine natürliche Auslese, heutzutage wird jeder bis zum Ende mitgetragen. Schade, so drehen wir uns nur im Kreis!

  • Philipp Ritternörgelmann sagt:

    „das eigene ego zu vermarkten“. genau darum gehts. mit sport in gesundem masse hat das nämlich gar nix zu tun. in diesem sinne – hals-und-beinbruch!

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