Kiten im Aufwind

Ein Blog von Siri Schubert*.

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Dynamisch: René Egli, Leiter des Wind- und Kitesurfcenters auf Fuerteventura, nutzt den Wind auf Fuerteventura. (Foto: Roger Protzen)

So kann’s gehen. Schon seit Tagen hatte ich mich auf den Kitesurf Kurs gefreut, und dann: Kein Wind. Nada. Nichts. Flaute. Nicht einmal für die Trockenübungen am Strand reicht es. Dabei befinde ich mich an einem der windsichersten Orte der Welt, an der Playa Sotavento auf Fuerteventura, wo 1986 der damalige Geschwindigkeits-Weltrekord im Windsurfen gebrochen wurde.

Die Hügelformationen an der Südspitze Fuerteventuras kanalisieren den Wind in der so genannten Düse, die dann für ideale und konstante Wind-Bedingungen am weitläufigen Sandstrand sorgen soll – ausser eben bei Flaute. Seit 1984 leitet der Luzerner René Egli hier das nach eigenen Angaben grösste Wind- und Kitesurfcenter der Welt, das im vergangenen Jahr von rund 20’000 Wassersportbegeisterten besucht wurde. 2200 davon waren Kiteschüler, Tendenz steigend.

Kein Wunder, denn es sieht schon verlockend aus, wenn die Kitesurfer mit farbenfrohen Drachen über das türkisfarbene Wasser gleiten, gekonnte Sprünge absolvieren und mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht wieder an Land kommen. Klar, dass ich das auch ausprobieren wollte. Und ich war mir bereits ziemlich sicher, dass mir der Sport gefallen würde. Bereits im August hatte ich im Rahmen des Butterfly-Effects, eines Wassersport-Events für Frauen, in Silvaplana einen Kite-Schnupperkurs absolviert, bei dem nach einer theoretischen Einführung mit einem kleineren, leichteren Kite auf der Wiese geübt wurde.

Grosse Sprünge: Kitesurfer aus aller Welt kommen wegen des warmen Wassers und Winds nach Fuerteventura. (Foto: Tom Bromwich)

Grosse Sprünge: Kitesurfer aus aller Welt kommen wegen des warmen Wassers und Winds nach Fuerteventura. (Foto: Tom Bromwich)

Zugegeben, am Anfang machte der bunte Lenkdrachen im windigen Silvaplana, was er wollte. Schwang nach rechts und dann wieder nach links, nahm Kurs auf den Boden und legte vor der Landung noch ein paar spektakuläre Loops hin. Aber nach einigen Versuchen und guter Anleitung von Mit-Kiteschülern und der Instruktorin hatte ich den Bogen raus. Der wilde Drachen verwandelte sich ein gefügiges Flugpferd, das sich mit minimaler Korrektur der Leinen richtig schön lenken liess. Ein super Gefühl. Seither kann ich es kaum erwarten, das Kitesurfen auch einmal im Wasser auszuprobieren.

Bisher war das in der Schweiz ja alles andere als einfach. Zwar gab es in Silvaplana und auf einigen anderen Schweizer Seen kantonale Ausnahmegenehmigungen, aber auf den meisten Gewässern war was Kitesurfen, oder das Fahren mit Drachensegelbrettern, wie es im Binnenschifffahrtsgesetz genannte wird, seit 2001 verboten. Das war genau das Jahr, in dem René Egli erstmals unter der Schirmherrschaft der Professional Kiteboard Riders Association (PKRA) den ersten Kiteboarding World Cup auf Fuerteventura organisierte, der seither jährlich ausgetragen wird. In der Schweiz soll der Sport künftig ebenfalls mehr Raum bekommen. Der Bundesrat erklärte sich im September damit einverstanden, das Kitesurfen auf Schweizer Seen zu erlauben und grundsätzlich anderen Wassersportarten gleichzustellen. Das Timing ist passend, schliesslich soll Kiten ab 2016 olympisch werden und da wäre es ja schade, wenn die Schweizer Talente zum Trainieren ins Ausland müssten. René Egli sieht für das Kiten in der Schweiz Potenzial: «Wenn man das Kiten am passenden Ort anbietet und richtig aufbaut, kann es das Freizeitangebot der Region aufwerten – sowohl auf Fuerteventura wie auch in der Schweiz.»

Tatsächlich bin ich, wie Leser dieses Blogs wissen, nicht der grösste Fan von grossem Trubel auf dem Wasser. Und die schnellen Kitesurfer mit ihren langen Leinen, ihrem Speed und den waghalsigen Manövern vermitteln nicht gerade das Gefühl, als seien sie auf Kuschelkurs mit anderen Wassersportlern. Doch bei den beiden Schnupperkursen, die ich bisher gemacht habe, in Silvaplana und auf Fuerteventura, ging es in erster Linie um Sicherheit. Rücksichtsvolles Verhalten und die Methoden, den Druck aus dem Kite zu nehmen, standen im Vordergrund. Für mich steht fest, dass Kitesurfen eine Bereicherung sein kann, solange die Sicherheit ernst genommen wird und beispielsweise spezielle Übungszonen für Schulen und Anfänger eingerichtet werden, die ich auf jeden Fall nutzen würde. Deshalb finde ich es gut, dass es bald möglicherweise mehr Seen gibt, auf denen Kiten erlaubt sein wird. Was meinen Sie?

*Siri Schubert ist Journalistin, Medienberaterin und begeisterte Wassersportlerin. Nach mehr als 10 Jahren in den USA, die meiste Zeit davon in Kalifornien, lebt sie jetzt in Basel.

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