Warum SAC-Hütten luxuriöser sind als Hotels

im unbewarteten mischabel-biwak auf 3847 meter gibts ausser Schnee schmelzen und selber kochen nichts zu tun.

Im unbewarteten Mischabel-Biwak auf 3847 Meter gibts ausser Schnee schmelzen und selber kochen nichts zu tun.

Alpinisten erzählen Vieles und spotten gerne. Zum Beispiel habe ich mal gehört, einer hätte bei einem Hüttenwart so lange gebettelt, bis ihm dieser für 80 Franken extra Wasser gewärmt habe – für eine Dusche. Einfach weil er es als «Saubermann» nicht aushalten konnte, sich nach dem schweisstreibenden Hüttenzustieg ungewaschen aufs Ohr zu legen und am nächsten Tag nicht nach Seife riechend auf den Gipfel zu steigen.

Wer seine gewohnten Komfort-Ansprüche nicht zu Hause lassen kann, hat es da schwierig. Auch meine lieben Freunde und Bekannten, welche die Berge höchstens vom Skifahren kennen, oder durch die Fensterfronten von «alpinen» Wellness-Resorts, sprechen mich hin und wieder darauf an, wie ich solche Basic-Unterkünfte aushalte. Ungelüftete Massenlager ohne Privatsphäre, Toiletten ohne Spülung, tagelang keine Dusche, kein Haarewaschen, manchmal nicht mal Wasser fürs Zähneputzen, Essen, was auf den Tisch ohne Tischtuch kommt. Für sie kämen solche Erlebnisse einer Folter gleich.

Hütten geben mir Positives und nehmen mir Negatives

Doch hat man mal entdeckt, welchen Gewinn solche Entbehrungen bringen, erlangt Luxus eine ganz andere Bedeutung als das, was wir für viel Geld bekommen können. Alleine in diesem Jahr nächtigte ich über zwanzig Mal in einer SAC-Unterkunft, in einer Schutzhütte oder in einem Biwak. Und ebenso oft in einem Schweizer Hotel irgendwo in den Bergen, meistens Zwei- oder Dreisterne, zwei Mal in Viersterne-Häusern. Mein Fazit: Was den Erholungs-Faktor und die innere Zufriedenheit anbelangt, liegen die spartanischen Null-Sterne-Hütten vorne – und zwar deutlich. Sie nehmen mir alles, was mich im Alltag belastet: den Druck, zu müssen, zu haben, zu erledigen.

Zeit & Hygiene

Daheim und in einem Hotel käme es mir nie in den Sinn, das Haus ungeduscht zu verlassen. Jeden Morgen kostet mich dieses Ritual inklusive Haarewaschen, Fönen, Bodylotion eincrèmen etc. rund 45 Minuten. Bin ich dann den ganzen Tag am Berg aktiv, würde ich mich nicht getrauen, ungewaschen im Hotelrestaurant zu dinieren. Also investiere ich am Abend nochmals wertvolle Zeit in die Körperpflege. Ganz anders in der Berghütte. Da steht mir – ausser in Ausnahmehütten –  höchstens eiskaltes Wasser zur Verfügung. Mich da «zu waschen», dauert 15 Sekunden. Nicht selten verzichte ich ganz darauf. Wozu sollte ich? Keinen interessierts, wie die Frisur aussieht. Mich auch nicht, weder meine noch die der anderen. Egal ist mir ebenfalls, ob ich oder die anderen nach sportlicher Anstrengung duften. Selbst wenn ich wollte, könnte ich das nicht beurteilen. In der Geruchs-Vielfalt einer Hütte würde sogar ein Axe-Spray untergehen. Einen Schaden habe ich deswegen noch keinen davongetragen, dafür viele Stunden für mich und meine dringend benötigte Entspannung vom Alltagsstress gewonnen.

Massenlager

Reserviere ich in einer Hütte, dann weiss ich, was mich erwartet. Eine schmale, dünne Matratze auf einer Holzunterlage. Oft sind diese Betten bequemer, als in Hotels. Denn dort bekomme ich nicht unbedingt, was ich mir für den Preis der Übernachtung vorstelle: Manchmal Klaustrophobie erzeugende Einzelzimmer in der Grösse einer Besenkammer. Oder ein Bett, dessen Lattenrost durchhängt wie bei einer schlecht gespannten Hängematte.

Schlafen

Obschon für eine Gipfeltour zu unheiligen Uhrzeiten aufgestanden werden muss, nicht selten um zwei, drei oder vier Uhr morgens, schlafe ich in einer Hütte so viel, wie nie. Schon am Nachmittag lege ich mich gerne ein Stündchen hin und döse. Für mich Luxus pur! Und nach dem Znacht habe ich kein Problem, mich bereits um 20.30 Uhr in die Welt der Träume zu verabschieden. Es gibt hier ja nichts zu tun. Ganz anders im Hotel. Da sitze ich um diese Zeit erst bei der Vorspeise – nachdem ich pflichtbewusst geduscht, mich frisiert und frisch gekleidet habe. Und ist das Diner dann geschlemmt, schlendert man gerne noch durch den Ort, zur Verdauung und weil man sehen will, was es hier so gibt, wenn man schon da ist. Endlich zurück im Zimmer, lacht der TV. Sich durchs Programm zu zappen, ist zwar sinnlos, aber man tut es trotzdem. Oder noch ein halbes Stündchen mit dem Liebsten daheim telefonieren. Und/oder Emails checken und beantworten. Im Hotel gibt es für solche Dinge keine Ausrede. In der Hütte ist es nicht einmal eine Ausrede. Da entspanne ich dankbar im Funkloch.

Essen und Trinken

Klar würde ich zuhause nie eine Päcklisuppe oder Pulver-Stocki zubereiten, wie man das in einer Hütte serviert bekommt. Dafür weiss man dann daheim ein Gericht aus frischen Zutaten wieder zu schätzen. Ausserdem bekam ich in Restaurants schon Menüs serviert, welche tief unter der Qualität einer Hüttenmahlzeit liegen, aber deutlich mehr gekostet haben. Und klar ist es mühsam, im Biwak aus Schnee komisch schmeckendes Wasser zu schmelzen, mit dem man dann die Päcklisuppe oder den  Tee aufgiessen kann. Aber ohne das alles wäre mir vielleicht nie bewusst, was echter Luxus bedeutet. Freiheit – in jeder Beziehung.

Reichtum sitzt eben nicht nur hinten rechts in der Hosentasche, sondern zum Glück auch ganz oben zentral im Denkorgan – und gleich hinter dem Brustbein links.

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