Kompressionstrümpfe im Laufsport: Mythen und Fakten

Seit Jahren werden im Laufsport Kompressionsstrümpfe für die Unterschenkel angepriesen. Exponenten wie Marathon-Rekordhalterin Paula Radcliffe liefen damit, trotzdem blieb der grosse Durchbruch in der breiten Anwendung aus. Was hat es den mit dieser Unterschenkelkompression auf sich? Bringt Sie Vorteile oder komprimiert sie nur das Budget? Wir fragten unseren Runing-Doc *Dr. Martin Narozny-Willi:

Wissenschaftliche Studien
In den 80er Jahren tauchten die ersten Studien zum Thema Kompressionsstrümpfe und Leistungssteigerung auf. Diese zeigten damals kontroverse Resultate bezüglich Leistungssteigerung auf. Dann geriet das Thema in Vergessenheit, bis es vor 10 Jahren wieder aufgegriffen wurde. Jetzt standen bessere Materialien mit gleichbleibender Kompression zur Verfügung. Im medizinischen Bereich ist der positive Effekt von Kompressionstrümpfen für die Prophylaxe von Venengerinnseln, der sogenannten Thrombose, nachgewiesen. Durch die Kompression staut sich auch weniger Blut in den Venen, was unter anderem zu weniger Schwellung in der Wade führt. Auch eine bessere Versorgung der der Muskulatur mit Sauerstoff wurde postuliert. Könnte dies nicht auch einen leistungssteigernden Effekt haben? Heute konzentrieren sich die aktuellen Studien auf die Frage der Leistungssteigerung und der Verminderung des Muskelkaters.

Leistungssteigerung Ausdauer
Verschieden Studien wurden zum Thema Ausdauer auf dem Fahrrad, Laufband und auf freier Laufstrecke durchgeführt. Verschiedene Kompressionsstärken wurden getestet, Kompressionsstrümpfe für Unterschenkel und Strumpfhosen für beide Beine sowie Kompressionsanzüge für den ganzen Körper gegeneinander verglichen, Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Sauerstoffaufnahme, Laktatgehalt, Laufzeiten und maximale Leistung mit und ohne Kompression gemessen. Das ernüchternde Ergebnis: Nur bei kurzen 5-Minuten-Sprints konnte ein niedrigerer Blutlaktatwert mit Kompressionsstrümpfen gemessen werden und bei einer Studie auf dem Laufband mit stufenweise ansteigender Geschwindigkeit konnte die Dauer der Leistung bis zur Erschöpfung etwas verbessert werden. Alle übrigen Studien, welche die konstante Ausdauerleistung auf hohem Niveau untersucht haben, haben keinen einzigen leistungssteigernden Effekt in einem der oben genannten relevanten Parameter festgestellt.

Leistungssteigerung Kraft
Während eines Laufwettkampfes gibt es auch Phasen mit erhöhter Kraftanstrengung. Darum wurden auch zum Thema «Kraft nach Ausdauerleistung und Kompressionsstrümpfe» Untersuchungen angestellt. Diejenigen Sportler, die während eines 10-Kilometer-Laufs Kompressionstrümpfe getragen hatten, wiesen direkt nach dem Lauf eine höhere Maximal- und Sprungkraft in den Beinen auf als diejenigen ohne Strümpfe. Die Erklärung hierfür ist aber völlig unklar.

Muskelkater
Viele Läufer fühlen sich einfach wohler mit Kompressionstrümpfen und berichten über weniger Muskelkater nach der Belastung. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass mit dem Tragen von Kompressionsstrümpfen Muskelkater bei Ausdauer- und Kraftbelastungen deutlich weniger stark auftrat. Allerdings waren dies immer subjektive Angaben der Sportler. Eine mögliche Erklärung für den positiven Effekt der Kompression ist, dass es im Muskel zu weniger Erschütterungen kommt und dadurch auch zu weniger Mikrorissen in den Muskelfasern. Objektive Messgrössen wie die Creatinkinase, ein Enzym, welches den Grad von Muskelschäden anzeigt, blieben aber mit oder ohne Kompression immer gleich hoch. Beweisend für eine Wirksamkeit der Kompression wäre nur die Methode einer Gewebeentnahme aus dem beanspruchten Muskel und entsprechende Analyse unter dem Mikroskop. Begreiflicher Weise lassen sich wohl für eine solche Studie kaum Freiwilligen finden.

Fazit
Kompressionsstrümpfe führen zu keiner Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit.
 Kompression während der Laufleistung kann zu grösseren Kraftreserven nach dem Lauf beitragen.
 Subjektiv wird beim Tragen von Kompressionsstrümpfen über weniger Muskelkater berichtet, mit Messungen konnte dies jedoch nicht objektiviert werden.
 Die letzten beiden Punkte könnten für Läufer einen positiven Effekt haben, die in kurzer Zeit mehrere Wettkämpf zu absolvieren haben, wie etwa im Orientierungslauf.

Haben Sie Erfahrung mit Kompressionsstrümpfen beim Laufen?

Dr. med. Martin Narozny-Willi

Dr. med. Martin Narozny-Willi, unser Doc bei «Running im Outdoorblog».

* Dr. med. Martin Narozny-Willi, Facharzt Orthopädische Chirurgie, Sportmedizin SGSM und Verbandsarzt Swiss Ice Hockey. SportClinic Zürich, Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Die Klinik ist eine Swiss Olympic Medical Base. www.sportklinik.ch/sportmedizin/toedi

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23 Kommentare zu «Kompressionstrümpfe im Laufsport: Mythen und Fakten»

  • Bruno Widmer sagt:

    Ich bin war nicht mehr der Jüngste. (JG1943) Ich bin aber immer noch ein „angefressener Gümmeler“ und fahre nicht nur gerade aus, sondern fahre immer noch Alpenpässe. Gäbe es die Kompressionssocken nicht, hätte ich schon lange mit dem Rennradfahren aufhören müssen da ich schwache Venen geerbt habe. Ob es nun „unestätisch“ aussieht, dass ist mir egal. Ich habe auf jedenfall auch nach einer 200 km Velotour weder Muskelkater noch Wadenkrämpfe. Mit den Kompressionstrümpfen verhält es sich wie mit dem Nasenpflaster (brauche ich aber nicht) : Dem Einem hilft’s dem Andern halt nicht.

  • Sabrina sagt:

    Aufgrund der Kommentare kann man sagen, diese Strümpfe bringen keine Leistungssteigerung. Um einen Muskelkater zu verhindern gibt es aber andere wirkungsvollere Möglichkeiten als solche Strümpfe zu tragen. z.B. mehr Reize im Training setzen (auch Erholung wichtig), öfters sich massieren lassen und falls ein Mangel an Magnesium besteht, diesen zu beheben.

  • Addi sagt:

    Wie sieht es denn mit reiner Sprungkraft/Schnellkraft (-Sportarten (Basketball, Volleyball, Sprinter) aus? mit und ohne Kompressionsstrümpfe? gibt es Unterschiede, wenn ja welche und wie stark (Einfluss auf Verletzungsgefahr, Leistung, Druchblutung, etc.)?
    lg

  • Linda-Sue sagt:

    Wenns so aussieht, wie auf dem Bild oben, ist das durchaus sexy…….

  • Stephan sagt:

    Ich habe vom Arzt Stützstrümpfe verschrieben bekommen, trage sie aber aus Eitelkeit nie. So etwas von unsexy, Stützstrümpfe.

  • Berg Läufer sagt:

    Mich würde interessieren, ob diese Sport-Kompressionssocken auch gegen Krämpfen WÄHREND des Laufes helfen? Falls ja: her damit! :) Oder gehts wirklich „nur“ um eine Leistungssteigerung bzw. um eine Muskelkaterprophylaxe?

    Danke für die Info und LG

    • Daniel Wigger sagt:

      Krämpfe können evtl auch auf Elektroly-Verlust hindeuten. Bei mir ist es ein eindeutiges Zeichen von Magnesium-Mangel. Vorsicht bei selbst verschriebenen Nahrungsmittelzusätzen. Es gibt auch ärztliche Blutanalysen (allerdings sehr teuer).

    • Mike sagt:

      Mir haben die Wadenkompressionen auf jeden Fall sehr geholfen. Seit ich sie trage habe ich überhaupt keine Wadenkrämpfe mehr. Ich war am Anfang auch etwas geschockt über die hohen Anschaffungskosten (CHF 80,- für ein Paar), aber es war für mich eine sehr gute Investition. Eine Leistungssteigerung kann auch ich nicht unbedingt bestätigen.

    • ElCaballo sagt:

      Ich trage Kompressionssocken hauptsächlich in (für mich) hart gelaufenen Volksläufen ab 10km.
      Das Tragegefühl ist dabei angenehm wobei ich weniger an eine direkte Leistungssteigerung denke,
      sondern beim Auftreten von Wadenkrämpfen diese viel besser auch beim Weiterlaufen kontrollieren
      kann.

  • Sehr spannender Bericht. Ich trage auch oft Sport-Kompressionssocken zum Radfahren und Joggen. Der Hauptvorteil sehe ich in der Muskelkaterprophylaxe und der höheren Stabilität. Eine wirkliche Leistungssteigerung konnte ich bis jetzt auch nicht feststellen. Wer aber weniger Muskelkater hat, kann das Trainig schneller wiederaufnehmen. Interessant wäre also eine Untersuchung über mehrere Monate ober sogar Jahre! Mich haben die Strümpfe auf jeden Fall motiviert, wie Franz schön sagt, passiert ja vieles im Kopf.

    LG und eine schöne Woche

    Damiano

  • Franz Rickenbach sagt:

    Radrennfahrer tragen solche Strümpfe nach dem Rennen, so bei der TdS und Giro gesehen, vermutlich versprechen sie sich eine bessere Regeneration. Ich als Werbeadapter habe damit auch begonnen, es ist einfach angenehm, einen messbaren Erfolg ist aber nicht feststellbar. Hauptsache man glaubt daran, viel passiert ja im Kopf :-)

  • Daniel Wigger sagt:

    Als Langstreckenläufer und -pilot sind mir die Vorzüge von Kompressionsstrümpfen sehr wohl vertraut. Wie aber verhält es sich mit den Kompressionskleidungsstücken (das sind diese eng anliegenden Tops und Leggins). Bewirken sie das gleiche oder noch zusätzliches? Ist da schon eine Wirkung nachgewiesen worden?

    • Martin Narozny sagt:

      Es gibt Tests mit Kompressionsstrumpfhosen und Ganzkörperkompressionsanzügen. Leider konnte keine Leistungssteigerung im Ausdauerbereich gefunden werden.

  • Theo Nötzli sagt:

    Mit den bisher getesteten Kompressionsstrümpfen hatte ich immer Probleme mit den Zehen, weil man in diesen Strümpfen leichter im Schuh rutscht, selbst wenn der Schuh sonst gut sitzt.

  • Luise sagt:

    Bei Volksläufern dürfte die Leistugssteigerung äusserst gering sein, wenn überhaupt. Ich selber würde aus purer Eitelkeit nie solche Dinger anziehen. Es sieht einfach idiotisch aus und verschandelt das Outfit.

    • Christoph Bohn sagt:

      Du denkst wohl immer noch, es gäbe nur diese hautfarbenen Grossmutter-Strümpfe. Das ist natürlich längst nicht mehr so. Von Sigvaris gibt es zum Beispiel ausserordentlich wirksame und zugleich schöne Strümpfe.

      • Luise sagt:

        Schöne Strümpfe? Die sehen alle aus wie die Kniesocken in den 50-er Jahren:-)

      • Gion Saram sagt:

        @Christoph Bohn Sind sie nicht derselbe Christoph Bohn als Kreativdienstleister für die Werbung von Sigvaris zuständig ist? Ausser ihrem Auftraggeber gibt es aber noch eine ganze Reihe anderer Hersteller die Kompressionswäsche herstellen die nicht grossmütterlich hautfarben sind. Die Hersteller Skins oder Craft sind da ebenfalls gross im Geschäft mit drin….

    • Michi sagt:

      Veraschandelt das Outfit?? Das Outfit der Läufer welche ich so sehe ist sowieso exstrem unsexy!

  • Sabrina sagt:

    Hätten Kompressionstrümpfe einen Vorteil, würde sie die (Lauf-)Weltelite tragen. Einmal mehr wird eben Geld gemacht. Zudem muss die Grösse absolut stimmen (wenn diese zu einengend sind, sind Kompressionsstrümpfe gar schädlich).

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