Ein Mann sieht rosa

Christian Lüscher am Dienstag den 11. November 2014
Auf Userfang im Ausland: Watson-Chef Hansi Voigt. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Auf Userfang im Ausland: «Watson»-Chef Hansi Voigt. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Seit neun Monaten ist «Watson» in Betrieb. Wir gratulieren unseren Kolleginnen und Kollegen an dieser Stelle. Das Medien-Start-up ist länger im Markt als viele Medienmanager im letzten Frühjahr prognostiziert hatten. Und von allen Medienbrands, die in diesen Tagen mit Werbung um Aufmerksamkeit buhlen, macht «Watson» das auf die frischeste Art. Zwar etwas zu viel rosa für meinen Geschmack. Aber diese Frechheit tut der Schweizer Medienbranche ganz gut.

Letzte Woche las ich gleich mehrere Geschichten über «Watson». Aufgefallen ist mir ein Porträt in der «Süddeutschen Zeitung» mit dem Titel «Alles schön». Chefredaktor Hansi Voigt gab zu Protokoll, dass «Watson» bereits unter den ersten fünf Nachrichten-Apps der Schweiz sei. Wirklich? Ich konsultierte aus Neugierde die Statistik der offiziellen Zählinstanz Net-Metrix und kam zum Schluss: Nimmt man Voigts Aussagen wörtlich, ist «Watson» überhaupt noch nicht unter den ersten fünf Nachrichten-Apps der Schweiz. Die «Watson»-App rangiert mit aufgerundeten 50’000 Unique Clients (Monat September) am Ende des Umzugs.

Überhaupt dürfte die Entwicklung für Verleger Peter Wanner keine grosse Freude sein. Aus einem einfachen Grund: «Watson» hat ein Ausländerproblem. Das Start-up wird auf mobilen Geräten hauptsächlich über die Mobile-Website, das Pendant zur Desktop-Site, besucht. Der Unterschied zur App liegt ungefähr bei Faktor zehn. Umgekehrt ist es jedoch so, dass zehn User der Mobile-Website weniger Traffic erzeugen als ein einziger App-User. Sie zeigen das typische Verhalten von sogenannten Bouncern: kommen, klicken und gehen. Sie sind keine loyalen, wiederkehrenden Leser. Bouncer werden durch zufällig auf Social-Media-Plattformen entdeckten Cliffhanger-Klamauk angelockt. Bei «Watson» zu rund einem Drittel aus dem Ausland. Damit man den Anteil einschätzen kann: Die direkte Konkurrenz bei 20min.ch oder Blickamabend.ch hat ungefähr 10 Prozent.

Der hohe Ausländeranteil ist nicht darauf zurückzuführen, dass «Watson» eine ähnliche internationale Strahlkraft geniesst wie etwa die NZZ. Der hohe Anteil ist eher auf den Umstand zurückführen, dass Voigt und sein Team ihn gezielt suchen. So ist die Redaktion auf Social-Media-Kanälen sehr aktiv. Die Redaktion streut ihre Inhalte beispielsweise sehr fleissig auf dem US-Netzwerk Reddit. Die Texte werden dazu extra ins Englische übersetzt. Zudem soll «Watson» dem Vernehmen nach Dutzende anonyme Konten betreiben. Das Ziel ist klar: Schlägt eine Story richtig ein, explodiert der Traffic auf der eigenen Site. Man nennt das den «Reddit Kiss of Death»: Die Zugriffszahlen steigen in so schwindelerregende Höhen, dass die Server crashen.

Man könnte an dieser Stelle einwenden, dass das Web nun mal nichts anderes als die uneingeschränkte Personenfreizügigkeit kennt. Eigentlich sieht die Sache aber so aus: Auslandbesucher sind wie Rucksacktouristen. Sie kommen und konsumieren zwar, lassen sich aber kaum kommerzialisieren. Längst akzeptieren Vermarkter wie Goldbach keinen Auslandtraffic mehr. Man möchte schliesslich Schweizer Werbung an Schweizer Kunden ausliefern.

Kommen wir zum Fazit und zur Frage: Wo steht «Watson»? Nun, die Traffic-Entwicklung sieht auf den ersten Blick rosa aus. Doch der «Watson»-Motor stockt. In der Schweiz kommt das Angebot nur sehr schleppend vom Fleck. Man braucht aber dringend gute Zahlen. Dem Vernehmen nach hat Peter Wanner die Möglichkeit, sich als Financier aus dem Projekt zurückzuziehen, wenn festgelegte Ziele nicht erreicht werden. Deshalb geht Hansi Voigt auf Userfang im Ausland. Das finanzielle Überleben steht auf dem Spiel.

Was möchte ich Ihnen auf den Weg geben? Es ist nicht alles rosa bei «Watson», auch wenn das Berichte in diesen Tagen zu vermitteln versuchen. Wenn Voigt seine App unter die ersten fünf redet, ist das schlicht und einfach falsch. Genauso wie die Angabe im erwähnten Bericht, wonach er sieben Jahre Chefredaktor bei 20min.ch gewesen sei und das Produkt zur führenden Onlinesite in der Schweiz gemacht habe. 2008 übernahm Voigt – zunächst interimistisch – die Leitung des damals schon grössten Newsportals des Landes. Nach seinem Antritt verlor 20min.ch den Lead an Blick.ch, und es gelang Voigt bis zu seinem halbfreiwilligen Abgang 2012 nicht, den Hauptkonkurrenten abzuschütteln. Das schafften erst seine Nachfolger.

15 Kommentare zu “Ein Mann sieht rosa”

  1. […] «Mädchen wie wir». Es ist ein offenes Geheimnis, dass Watson im grossen Stil sein Schleppnetz auf allen möglichen Social-Media-Plattformen ausgelegt hat – und es mit der Deklaration nicht immer so genau nimmt. Doch den Vorwurf der […]

  2. Drainpower sagt:

    Was mich seit Monaten ins Grübeln bringt, ist die enorme Differenz zwischen Input und Output. Wie viele Millionen hat Watson bisher schon verbrannt? Und wie viele sogenannte Qualitätsjournalisten schreiben für Watson? 50, 60, 70? Und was für Geschichten bringt diese Mannschaft zustande? Ich rede hier nicht von “Primeurs” im Ungeist der Sonntagszeitungen, sondern von Geschichten, die mehr können als Klicks und Facebook-Tüümli bringen. Also das, was man früher mal Journalismus nannte. Weiss ja nicht, wies dem geneigten Publikum geht, aber ich bin 1x alle zwei Monate auf Watson und bin dann sofort wieder weg, wegen Gähnkrämpfen, Augenbluten und jaulendem Kulturpessimismus.

  3. thomas reinhardt sagt:

    der typ ist eine wandelnde blendgranate. das ist aber nicht mal das schlimmste. ich ertrag das anbiedernde underdog-geschwafel nicht. ist genauso fake wie die punk-band-attitude seiner bude. das ist kein cooles garagenstartup von ein paar kreativen hippies, sondern der teuerste rachefeldzug der schweizer mediengeschichte.

  4. Zufferey Marcel sagt:

    Das mit dem Traffic ist, je nach Medium eben, so eine Sache. Man sollte das hier wiedergegebene Bild von Watson vs. 20Minuten und Blickamabend ausdifferenzieren, vor allem wenn man über die Landesgrenzen schielt:

    http://www.konradlischka.info/2014/10/blog/abhaengig-sind-onlinemedien-von-intermediaeren/

  5. Nicht alle die aus dem Ausland auf Watson zugreifen konsumieren auch nicht in der Schweiz. International Ad Impressions werden bei einer strikten Performance Betrachtung nur bezahlt wenn sie auch auf die definierten Performance Ziele einzahlen.

    • Armin Gloor sagt:

      Sowas Beeindruckendes habe ich schon lange nicht mehr gelesen, besten Dank für Ihren überzeugenden Beitrag.

  6. Alexander Roski sagt:

    Die Kritik eines Tagesanzeiger-Journalisten ist etwas unglaubwürdig, sind doch nicht wenige Ehemalige des Tagis bei Watson, so beispielsweise Maurice Thiriet, Simone Meier und Philipp Löpfe. Ansonsten hat der Autor natürlich recht.

  7. Severin Rieger sagt:

    Alles sehr schön und danke fürs Recherchieren. Aber der Hund liegt doch weit tiefer begraben: Wer will sich denn überhaupt noch Junk-News antun? Watson, Blick am Abend & Co. sind nichts als Benzin für den eigenen Verblödungsprozess…. Zum Glück gibt es noch andere Medien Start-Ups in der Schweiz, die auf Qualität setzen und dadurch eine echt erfrischende Alternative zu all den Junk-News liefern. Ein gutes Beispiel dazu ist die Brotseiten-App. Denn unterwegs müssen es ja nicht immer nur News sein…

  8. http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/More-punk-less-hell/story/10069405
    http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/leute/Fuck-you-to-those-people/story/24094113

    Falls Tagesanzeiger-Journalist Lüscher es vergessen haben sollte:

    «Wie das geht, erklärt Lüscher: Ein Post auf Reddit brachte die Sache ins Rollen, gezielte Werbung auf Facebook sorgte für weitere Klicks.» Siehe https://storify.com/luschair/fuck-you

    • Christian Lüscher sagt:

      Ich weiss. Aber der Unterschied ist: Wir machens bei Geschichten, die eine – sagens wirs mal so – internationale Relevanz haben. Ihr macht es methodisch, um auf Teufel komm raus Klicks zu generieren. Das ist ein Unterschied, oder etwa nicht?

  9. kevin steiner sagt:

    krass, die haben ja sogar eine eigene reddit-rubrik in englischer sprache eingerichtet: http://www.watson.ch/English

  10. Dominik Muttenzer sagt:

    Tja. Was soll man sagen: Da schreibt mal wieder jemand von der Werdstrasse das spannendste Medienprojekt schlecht. Und ausgerechnet der, der sich vor wenigen Monaten noch mit dem Reddit-Trick selbst in den Himmel lobte (Stichwort: Game of Thrones). Also anders gesagt: Wenn der Tagi Klicks aus dem Ausland holt, ist das Revolutionär, wenn es die Himbeerbrause macht, ist es schlecht. Das ist doch lächerlich, Konzernjournalismus vom Übelsten.

    Watson macht nicht alles richtig, aber vieles sehr gut. Und wenn man sich in Tram und Bus so umsieht, dann sieht man es auch hie und da aufleuchten. Gut so. Der Tages-Anzeiger ist nicht mal mehr 3x Watson von den Unique Clients her. Das gibt wohl dann auch Anlass zu solchen Texten – das muss ja Angst machen, wenn den Leuten eine Himbeerbrause plötzlich schmeckt.

  11. Dietmar Herr sagt:

    Amüsant ist auch, wie kleinlaut Herr Voigt (zB persönlich) plötzlich redet. Erst erklärt er monatelang allen, was für Versager sie seien, jetzt redet er sein eigenes Flop-Portal klein und beklagt sich über Liebesentzug vom Tagi, NZZ und Ringier.

  12. Tom Meier sagt:

    Ich besuchte diese Kurzfutter-Seite schon ein paar mal. Mich stösst diese Themen-Mischmasch wirklich ab. Absolut kulturlos.

  13. berger sagt:

    Autsch, muss weh tun, so die Augen geöffnet zu kriegen. Danke fürs Recherchieren, Herr Lüscher. Ich hab mich immer schon gewundert, wie einer, der bekanntermassen über keinen grossen Palmares, mit einer solchen Idee von einem gestandenen Verlagsmenschen so viel Geld reinholen kann. Dafür gebührt ihm Respekt, weiteren leider nicht.