Warum China einen starken Staat braucht

epa01192661 A Chinese worker stands by as steel cables used at construction sites are transported in Beijing, China, 06 December 2007. China's economy is expected to grow by 11.6 percent in 2007 according to the Chinese Academy of Social Sciences, reports state media. Increasing consumer prices indicate a rise of inflation and a potential property bubble threatens continued economic growth, say economists.  EPA/MICHAEL REYNOLDS

Was sind die Gründe hinter der schnellen Industrialisierung in China? Im Bild: Ein chinesischer Stahlarbeiter in Peking. (Foto: Keystone)

Das Paradox ist allen vertraut, die sich mit China beschäftigen, dennoch ist es gewöhnungsbedürftig: Ein diktatorischer Staat hat es fertiggebracht, innerhalb von wenigen Jahrzehnten den Anschluss an den Westen herzustellen. Eigentlich würde man ja das Gegenteil erwarten, nämlich einen Staat, der sich zurückzieht und die unternehmerischen privaten Kräfte zum Zuge kommen lässt.

Die Zahlen sind aber eindeutig. Gemäss dem Internationalen Währungsfonds betrug das Pro-Kopf-Einkommen in China 2011 knapp 8400 Dollar, in der Schweiz rund 45’000 Dollar (Berechnung gemäss Kaufkraftparitäten), d. h. die Schweizer verdienen heute rund fünf Mal mehr als die Chinesen, während sie 1978, als China mit den Reformen begann, rund 13 mal mehr verdient haben (Daten von Angus Maddison).

Wie lässt sich das erklären? Ist die starke Stellung des Staates in China ein Einzelfall? Oder ist China ein typisches Beispiel? Oder ist diese Frage irrelevant?

Genau vor fünfzig Jahren ist ein Buch erschienen, das mit starken historischen Argumenten dafür plädierte, den starken Staat als typisch für ein Land anzusehen, das spät mit der Industrialisierung beginnt. Der Autor hiess Alexander Gerschenkron (1904-78), dem breiteren Publikum unbekannt, in der Wirtschaftsgeschichte aber einer der einflussreichsten Denker und Forscher. Das Buch hiess „Economic Backwardness in Historical Perspective“ (1962).

Nicht zufällig war Gerschenkron ein gebürtiger Russe, denn in Russland stellten sich viele die Frage, warum die Industrialisierung so spät eingesetzt hatte und welche Rolle der autoritäre, später sogar totalitäre Staat dabei spielte. Auch andere einflussreiche Wachstumsökonomen des 20. Jahrhundert stammten ursprünglich aus Russland, z. B. Simon Kuznets (1901-85) und Walt Whitman Rostow (1916-2003). In gewissen Fragen scheint es von Vorteil zu sein, wenn man die Weltwirtschaft von der Peripherie her verstehen muss.

Gerschenkron stellte aufgrund des historischen Studiums mehrere Thesen auf. Zum Beispiel:

  • Je rückständiger ein Land, desto schneller ist der Industrialisierungsprozess, wenn er denn einmal in Gang gekommen ist.
  • Je rückständiger ein Land, desto mehr wird die Industrialisierung auf der Produktion von Kapitalgütern konzentriert sein und desto mehr wird der Konsum zugunsten der Investitionen beschränkt.
  • Je rückständiger ein Land, desto wichtiger sind spezielle Institutionen, die Kapital besorgen und die Industrialisierung fördern – z. B. in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts die Grossbanken und in Russland Ende des 19. Jahrhunderts der Staat.

Gerschenkrons Theorie ist vielleicht zu schematisch, und seit sie veröffentlicht wurde, hagelt es Kritik von allen Seiten. So ist zum Beispiel seine Charakterisierung der deutschen und russischen Industrialisierung im 19. Jahrhundert ziemlich unpräzis.

Aber der Hauptpunkt, den Gerschenkron gemacht hat, ist noch nicht widerlegt, und Chinas Entwicklung passt gut in sein Schema. Chinas starker Staat scheint typisch zu sein für ein Land, das erst spät mit seiner Industrialisierung beginnt. Nachzügler brauchen offenbar Behörden, die den ganzen Prozess anschieben, Kapital besorgen und die Richtung vorgeben. Nur bei den Pionieren, England und der Schweiz, fusste die Industrialisierung ganz auf dem privaten Unternehmertum.

Man sollte deshalb nicht der Illusion verfallen, dass die Kommunistische Partei bald ihr Machtmonopol in Peking verliert. Im Gegenteil, vorübergehend ist sogar mit einer Stärkung ihrer Stellung zu rechnen, weil sie ihr Schicksal so eng mit dem Wirtschaftswachstum verbunden hat.