Warum die Monetaristen recht haben

«Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen»: Monetarist Milton Friedman bei einer Rede im Weissen Haus (Mai 2002).

In den 1960er- und 1970er-Jahren lautete der Kampfspruch der Monetaristen, angeführt von Milton Friedman, dass Inflation «immer und überall ein monetäres Phänomen» sei. Und in Bezug auf die Konjunkturpolitik betonten sie, dass die Geldpolitik viel wirksamer sei als die Fiskal- und Finanzpolitik. Bis Ende der 1970er-Jahre wurde diese These heftig bestritten. Als aber Paul Volcker, Chairman des Federal Reserve Board, ab 1979 die Inflation mit hohen Zinsen schnell reduzierte, war der intellektuelle Kampf entschieden. Heute gibt es niemanden mehr, der den Satz der Monetaristen nicht unterschreiben würde.

In Europa erleben wir zurzeit eine ähnliche Diskussion wie in den 1970er-Jahren. Viele verwechseln Funktion und Wirkung der Geld- und Finanzpolitik. Und viele bestreiten, dass es sich um eine Euro-Krise handle – es sei nur eine Schulden- oder Bankenkrise. Das Argument: Die Eurozone habe ja eine niedrige Inflationsrate und der Wechselkurs sei stabil, ja gegenüber dem Dollar sogar überbewertet.

Das mag stimmen. Gleichwohl ist es sinnvoll, von einer Euro-Krise zu sprechen, weil das Problem geldpolitischer Natur ist. Deswegen hilft es nicht, wenn die südeuropäischen Länder primär mit fiskal- und finanzpolitischen Massnahmen die Krise zu lösen versuchen. In der jetzigen Situation kann nur noch die Europäische Zentralbank (EZB) verhindern, dass die Krise vollends aus dem Ruder läuft – so wie nur das Fed Ende der 70er-Jahre in der Lage war, die Inflation schnell und wirksam auf ein vernünftiges Niveau zurückzubringen.

Die entscheidende Bedeutung der Geldpolitik haben Marc Flandreau, Jacques Le Cacheux und Frédéric Zumer in einem wirtschaftshistorischen Artikel gezeigt («Stability Without a Pact? Lessons from the European Gold Standard 1880–1914», in: Economic Policy 1998, S. 115-162). Sie zeigen, dass der Goldstandard von 1880 bis 1914 nur dann gut funktionierte, wenn die Inflationsrate nicht zu niedrig oder negativ war. Von 1880 bis 1895, als die Preise wegen der Knappheit des Goldes sanken, erhöhten sich die privaten und öffentlichen Schulden, was das Währungssystem instabil machte. Erst ab 1895, als aufgrund von Goldfunden in Australien und Südafrika das Preisniveau wieder stieg, gelangen die Anpassungsprozesse im Goldstandard. Ihre Folgerung lautete deshalb: «This study’s clear implication for the EMU zone, is that stability will hinge on the European Central Bank’s (ECB) policy not being too restrictive.»

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Preise im 19. und und frühen 20. Jahrhundert. Man sieht sehr deutlich, wie die Preise von der Mitte der 1870er- bis Mitte der 1890er-Jahre aufgrund der Goldknappheit sanken, dann aufgrund von neuen Goldfunden wieder stiegen.

Will man aus dem Artikel von Flandreau, Le Cacheux und Zumer eine Lehre ziehen, so kann sie nur folgendermassen lauten: Die EZB sollte bald die Zinsen senken und ein höheres Inflationsziel als zwei Prozent anstreben. Denn das Anpassungsproblem in der Eurozone ist immer und überall ein monetäres Phänomen.