Total konzeptlos

Der griechische Präsident Karolos Papoulias (M.) trifft sich mit den Führern verschiedener Parteien, 15. Mai 2012. (Keystone)

Der griechische Präsident Karolos Papoulias (M.) trifft sich mit den Führern verschiedener Parteien, 15. Mai 2012. (Keystone)

Man hat sich in den letzten zwei Jahren allmählich daran gewöhnt, dass das Management der Eurokrise alles andere als optimal ist. Aber was wir in den letzten Tagen beobachten konnten, übertrifft selbst die geringsten Erwartungen. Die Griechen haben mit ihrem Wahlzettel klar zu verstehen gegeben, dass sie weitere Sparmassnahmen ablehnen, aber die Eurozone-Länder und die EU-Kommission bestehen darauf, dass weiter gespart wird und eine Regierung eingesetzt wird, die diese Sparziele umsetzt. Es wäre ehrlicher, man würde den Griechen das Wahlrecht entziehen.

Die Anweisung aus Brüssel ist auch deshalb verfehlt, weil die Sparstrategie ganz offensichtlich gescheitert ist. Griechenland ist in einen Abwärtsstrudel geraten, aus dem es aus eigener Kraft nicht mehr herauskommt. Sparen macht nur dann Sinn, wenn es einen Beitrag liefert zu einem späteren Aufschwung, aber selbst nach vier Jahren ist weit und breit kein Ende der Krise in Sicht. Die griechische Wirtschaft ist nicht wettbewerbsfähig, weil die relativen Lohnstückkosten mindestens 30 Prozent höher liegen als bei den wichtigsten Handelspartnern. Sparen verbessert die Wettbewerbsfähigkeit nicht, sondern würgt die Binnenwirtschaft ab. Mit anderen Worten: Griechenland erlebt eine Depression à la 1930er-Jahren.

Man müsste also einen neuen Vorschlag machen, um Griechenland aus dem Abwärtsstrudel zu befreien. Aber nichts dergleichen, Brüssel ist total konzeptlos. Da und dort wird wieder vor einem Exit Griechenlands gewarnt. Aber alle wissen, dass der Exit früher oder später sowieso eintritt, wenn alles weiter läuft wie bisher.

Vielleicht geht es auch nur noch darum, den Griechen die Schuld für den Exit in die Schuhe zu schieben. Dieses Spiel beobachtet man immer wieder vor Währungsabwertungen. Wer eine Abwertung offen anspricht, läuft Gefahr, sie auszulösen, worauf man ihm oder ihr alle Schuld gibt, obwohl die Abwertung früher oder später sowieso eingetreten wäre.

Auch die gegenwärtigen Warnungen vor einer Abwertung findet man in der Geschichte immer wieder. So hiess es vor der Abwertung des argentinischen Peso im Januar 2002, das werde ausser Inflation gar nichts bringen. Genau das Gegenteil ist passiert: Nach einem tiefen Taucher 2002 ist das Wachstum emporgeschnellt, das Pro-Kopf-Einkommen ist heute höher als vor der Abwertung.

Auch bei Griechenland ist eine Abwertung nach aller historischer Erfahrung die einzige Möglichkeit, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Griechenland war auch füher ein armes Land mit schlecht funktionierenden politischen Institutionen, dennoch hat man immer wieder investiert, weil es ein günstiger Standort war – zum Beispiel Landis & Gyr in Korinth (die Produktion läuft bis heute). Warum soll es nicht erneut zu Investitionen kommen, wenn Griechenland wieder ein günstiger Standort wird? Auch der griechische Tourismus würde von einer Abwertung profitieren. Dasselbe hat man in der Türkei nach der Abwertung vor zehn Jahren beobachten können.

P.S.: Oft wird gesagt, dass der Euro nur deshalb eingeführt wurde, weil Frankreich ohne Euro die deutsche Wiedervereinigung blockiert hätte. Ich habe das selber auch lange Zeit geglaubt, aber es scheint nicht zu stimmen. David Marsh, der ehemalige «Financial Times»-Korrespondent in Deutschland und Frankreich, der zu allen wichtigen Entscheidungsträgern Zugang hatte und als einer der besten Kenner der Euro-Entstehung gilt, schreibt es klar in seinem Buch «The Euro» (Paperback Edition 2011):

«The historical record, as set out by this book, demonstrates that Germany did not give up the D-Mark as part of a bargain for German unification, which would have happened anyway whether nor not it was accompanied by a political process that included EMU. German unity lent extra impetus to the decades-long quest for a single currency, but led to no significant German concessions on the make-up of the new monetary order.» (S. 17)

Auch Kenneth Dyson und Kevin Featherstone, die das Standardwerk zum Vertrag von Maastricht geschrieben haben, kommen zu diesem Schluss. Diese Korrektur der historischen Legende ist wichtig, weil sie mit der Idee aufräumt, die Einführung des Euro sei eine zwangsläufige Folge der damaligen Umstände gewesen. Auch die deutschen Politiker, allen voran Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl und Theo Waigel, wollten den Euro. Alles auf die Franzosen abzuschieben ist allzu billig.