Die Ratingagentur S&P hat leider recht

Protestierende vor dem Pariser Büro von Standard & Poor's, 13. Januar 2012.

Die Sparpolitik, die am letzten EU-Gipfel beschlossen wurde, führt nicht zum Ziel: Protestierende vor dem Pariser Büro von Standard & Poor's, 13. Januar 2012. (Bild: Keystone)

Der Ärger über die Herabstufung Frankreichs, Italiens und des Rettungsfonds (EFSF) ist verständlich. Seit Monaten jagt ein Sparprogramm das nächste, aber statt dafür belohnt zu werden, müssen die Staaten eine schlechtere Benotung entgegennehmen.

Dennoch muss man leider feststellen, dass die Ratingagentur Standard and Poor’s (S&P) vollkommen recht hat. Die Sparpolitik, die am letzten EU-Gipfel im Dezember 2011 beschlossen wurde, führt nicht zum Ziel. Es braucht Massnahmen, die das fundamentale Ungleichgewicht zwischen den Nord- und den Südländern mildern (hier die Begründung von S&P). In dieser Hinsicht ist immer noch kein einziger tauglicher Vorschlag gemacht worden. Alle hoffen darauf, dass Italien seine Löhne und Preise so weit senkt, dass die Exporte wieder brummen. Man nennt diesen Vorgang «interne Abwertung». Er wird nicht funktionieren.

Warum nicht? Es gibt drei Probleme, die sich stellen:

  1. Die lange Dauer: Bis Italien die Preise und Löhne auf ein wettbewerbsfähiges Niveau gesenkt hat, werden Jahre vergehen. So viel Zeit hat die Eurozone nicht.
  2. Das Koordinationsproblem: Es ist unmöglich, alle Löhne und Preise gleichzeitig zu senken. Oft geht der Privatsektor mit den Löhnen voran, während die Politik verhindert, dass die staatlichen Preise gesenkt werden. Dadurch bleibt das Ziel der „internen Abwertung“ für gewisse Sektoren unerreichbar.
  3. Der politische Widerstand: Eine «interne Abwertung» bedeutet nichts anderes, als dass das allgemeine Wohlfahrtsniveau gesenkt wird. Jede Regierung wird früher oder später weggewählt.

Wegen dieser drei Probleme gibt es  unzählige historische Fälle von gescheiterten «internen Abwertungen». Die Schweiz in den 30er-Jahren ist ein besonders treffendes Beispiel. 1931 wertete sich das britische Pfund ab und 1933 der US-Dollar, während der Schweizer Franken eine stabile Goldwährung blieb. Um die Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen, begannen Wirtschaft und Staat die Löhne und Preise Schritt um Schritt zu senken. Der Erfolg war beschränkt: Der Konsumentenpreisindex reduzierte sich nur um 15 Prozent, während sich das Pfund und der Dollar um 40 Prozent abwerteten. Erst als die Schweiz den Franken im September 1936 um 30 Prozent abwertete, war die schweizerische Exportindustrie wieder wettbewerbsfähig (siehe Grafik).

Wenn es so viele historische Beispiele von gescheiterten «internen Abwertungen» gibt, müsste man eigentlich meinen, dass diese Option vom Tisch ist. Wie ich an einer Euro-Konferenz letzte Woche in Bayreuth erfahren musste, ist dies keineswegs der Fall. Ein Ökonom räumte zwar ein, dass es «psychologische Probleme» gäbe, die man erst nehmen müsse, aber im Prinzip sei alles nur eine Frage des Willens. Als ein Wirtschaftshistoriker auf die zahlreichen gescheiterten Beispiele in der Geschichte hinwies, meinte der Ökonom, man müsse es trotzdem tun.

So scheint eben doch wahr zu sein, was man immer vermutet, aber nie geglaubt hat: Die Diskussionen um die Zukunft des Euro finden auch im dritten Jahr der Krise in einem Paralleluniversum statt, das mit den tatsächlichen Gegebenheiten wenig zu tun hat. Dass die Ratingagentur S&P dies zum Anlass nimmt, einige Länder und den Rettungsfonds herabzustufen, ist nichts anderes als folgerichtig.