Leiden die USA unter einer Depression?

Obdachloser US-Patriot.

Die Arbeitslosigkeit in den USA bleibt unverändert hoch: Obdachloser US-Patriot.

Je länger die wirtschaftliche Stagnation in den USA dauert, desto mehr verstärkt sich der Eindruck, dass das Land in eine Depression geraten ist. Offiziell ist die Rezession zwar bereits seit zwei Jahren überwunden. Doch die Arbeitslosenrate bleibt unverändert hoch bei knapp 10 Prozent. Die «gefühlte Rezession» ist noch nicht vorüber.

Dass die Krise weiter andauert, zeigen zum Beispiel die Zahlen des Well-Being-Index, den das Meinungsforschungsinstitut Gallup regelmässig publiziert. Besonders beunruhigend ist der Befund, dass nur 80,1 Prozent der Befragten angeben, immer genug Geld für den Einkauf von Lebensmitteln für sich und die Familie zu haben. Auch die Angaben zur Gesundheitsversorgung zeugen von einer Unterversorgung. Die Tabelle zeigt den Vergleich zwischen September 2008, als die Rezession bereits begonnen hatte, und September 2011.

Wie lange wird die Stagnation der US-Wirtschaft anhalten? Gemäss Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff («This Time is Different») kann es bis zehn Jahre dauern, bis sich eine Volkswirtschaft von einer grossen Immobilienkrise erholt hat. Der IWF ist aufgrund von historischen Daten zu ähnlichen Ergebnissen gelangt. Das Problem ist der langwierige Entschuldungsprozess der privaten Haushalte. Solange sie ihren Vermögensverlust, den sie durch den Absturz der Immobilienpreise erlitten, nicht ausgeglichen haben, lahmt der Privatkonsum.

In dieser Hinsicht ist die gegenwärtige Krise sogar schlimmer als die Grosse Depression der 1930er Jahre. Damals fand zwar eine dramatische Schrumpfung der Wirtschaft statt – das BIP ging von 1929 bis 1933 um ein Drittel zurück –, dafür setzte von 1933 bis 1937 der stärkste Aufschwung in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte ein. Wie die Zahlen zur monatlichen Industrieproduktion zeigen, fand die Trendwende unmittelbar nach der Amtsübernahme von Franklin D. Roosevelt im Frühling 1933 statt. Sie zeigt aber auch klar, dass Roosevelt 1937-38 zu früh auf die Bremse trat und die Erholung abbrach, indem er zur rigorosen Inflationsbekämpfung und zum Balanced Budget zurückkehrte («Mistake of 1937»).

Diesmal ist es anders. Der Kollaps der Wirtschaft konnte zwar verhindert werden, aber es hat bisher keine Trendwende stattgefunden. Das Wachstum dümpelt vor sich hin, und die Politik ist bis zu den Wahlen im November 2012 vollständig blockiert. Die «gefühlte Rezession» dürfte frühestens im Jahr 2013 zu Ende gehen.