Die Fehlanalyse in Bildern

Zoellick und Lagarde

Die Verantwortlichen führen fleissig Gespräche: Weltbank-Präsident Robert Zoellick und IWF-Chefin Christine Lagarde an der Herbsttagung des IWF in Washington.

Das Drama wiederholt sich auf einer immer gefährlicheren Stufe: Staatschefs versammeln sich. Sie stellen fest, dass die Lage in der Eurozone höchst brisant ist, diesmal halten sie sogar fest, dass eine Gefahr für die Weltwirtschaft besteht. Dann geloben sie grosse Schritte zu tun. Darauf verschieben sie dann alles um ein paar Wochen. Und was sie zu tun geloben, ist nur mehr von dem, was sie schon immer taten und was bisher noch immer gescheitert ist. Anlass und Ort des Ereignisses diesmal: die Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds in der US-Hauptstadt Washington.

Ein zentraler Grund für das fortgesetzte Scheitern ist die Fehlanalyse, die den geforderten Massnahmen zugrunde liegt, um die Lage zu beruhigen. Diese Fehlanalyse baut darauf, dass der Staat in einigen Mitgliedsländer überbordet hat und daher genau jetzt harte Sparmassnahmen einsetzen muss, um das Vertrauen zurückzugewinnen.

Auch wenns mittlerweile – wie so vieles – eine Wiederholung ist: Das Hauptproblem ist nicht die Verschuldung der betroffenen Länder, sondern die Tatsache, dass diese Länder Teil der Währungsunion sind. Anders gesagt. Auch wenn man ihnen ihre Schulden vollständig erlassen würde, wäre das Problem nicht gelöst. Hier ein paar Grafiken, die den Punkt für einige Länder verdeutlichen, welche seit Beginn der Krise am meisten im Fokus standen.

Gehen wir in die ersten Jahre der Euro-Existenz zurück und fragen, wer denn damals erfolgreich war:

Die Problemländer von heute waren die Stars von gestern – mit Ausnahme des tragischen Falls Portugal. Irland war der «keltische Tiger». Deutschland dagegen war der «kranke Mann Europas». Wie hat sich die Geldpolitik in dieser Phase positioniert? Nun, die Europäische Zentralbank EZB kann nicht auf einen einzelnen Staat Rücksicht nehmen, sondern sie orientiert sich am Durchschnitt der gesamten Eurozone. Und wer ist dieser Durchschnitt?

Der Durchschnitt ist Deutschland. Ok. nicht ganz. Aber die EZB richtet ihre Geldpolitik sehr viel mehr an Deutschland aus, als an den kleinen Ländern mit starken Wachstumsraten. Hier die Entwicklung der Leitzinsen:

Weil Deutschland eben doch nicht ganz der der Durchschnitt war, waren die tiefen Zinsen für die deutsche Wirtschaft noch immer zu hoch, für die Volkswirtschaften mit den hohen Wachstumsraten dagegen massiv zu tief – dort kommt noch dazu, dass die Langfristzinsen durch die Mitgliedschaft in der Eurozone ebenfalls dramatisch gefallen sind.

Was ist die Wirkung dieser Zinsentwicklung? In Deutschland bleibt das Wachstum gedrückt, die Wirtschaft rutscht in die Rezession und die Arbeitslosigkeit steigt. In den Hochwachstumsländern überbordet der Privatsektor in Spanien und Irland (was sich in Immobilienblasen niederschlägt) und in Griechenland überbordet der Staat. Wie wirkt das alles auf die Staatsfinanzen, auf die man schon damals hauptsächlich fokussiert hat? Hier ein Blick auf die Bruttoverschuldungsquoten in Prozent des Bruttoinlandprodukts:

Der schwarze Strich markiert die maximal zulässige Schuld von 60 Prozent. Das Überborden Griechenlands zeigt sich am grünen Balken. Schlecht weg kommt aber auch Deutschland (blauer Balken). Wahre Wunderländer waren dagegen Irland (gelb) und Spanien (violett). Die Wirtschaftskrise hat natürlich bewirkt, dass Deutschlands Defizit über längere Zeit höher als 3 Prozent ausgefallen ist. Das Land hätte also mitten in der Krise sparen sollen. Dem haben sich die Deutschen verweigert. Das war unfair gegenüber zum Beispiel den Portugiesen, die man auch dazu gedrängt hat. Aber es war ökonomisch und politisch logisch. Keine demokratisch gewählte Regierung wird bei hoher und steigender Arbeitslosigkeit mit Quoten von mehr als 10 Prozent die Lage noch verschlimmern, wenn sie einen Ausweg hat.

Wie hat sich die Krise in Deutschland und das überbordende Wachstum auf die betrachteten Länder ausgewirkt? Die Krise in Deutschland – und die auch krisenbedingte Lohnzurückhaltung – drückte dort auf die Teuerung, während das übermässige Wachstum in den Peripherieländern die Inflation dramatisch ansteigen liess. Nochmals: Die Geldpolitik, die sich am Durchschnitt auszurichten hatte, war dafür mitverantwortlich und konnte dem nichts entgegensetzen:

Der Erfolg der Peripherieländer und das Elend der Deutschen zu Beginn des letzten Jahrzehnts hat im unflexiblen wirtschaftspolitischen Korsett der Währungsunion die Grundlage für die heutigen Probleme gelegt. Hier die aus der Preisentwicklung – zusammen mit der Entwicklung der Produktivität – resultierende Entwicklung der Lohnstückkosten:

Seit der Finanzkrise ist die Party vorbei. Die Immobilienblasen in Ländern wie Irland und Spanien sind geplatzt. Das Finanzsystem wackelt, private Schulden wurden zu öffentlichen, weshalb auch die Staatsverschuldung in den diesbezüglichen Vorzeigeländern explodiert ist. In Griechenland war die Verschuldung – wie oben gezeigt – immer in erster Linie öffentlich. Jetzt sind die Zinsen in all diesen Ländern massiv gestiegen und führen allein schon zu einem Teufelskreis nach unten (hier die Details). Was die Länder brauchen, wäre – wie die Schuldenfallenformel zeigt – Wachstum. Angesichts der darniederliegenden Binnenwirtschaft müsste das über Exporte kommen. Doch das verhindern die zu hohen Lohnstückkosten, die Unmöglichkeit abwerten zu können und die abschwächende Wirtschaft in der ganzen Eurozone.

Ein Schuldenabbau über reale Abwertungen – das heisst Lohnsenkungen bis zu 30 Prozent – verschlimmert die Krise, damit bricht das Wachstum noch mehr ein und erhöht die reale Last der Schulden. Die geforderten harten Massnahmen jetzt verschlechtern daher die Bonität der betroffenen Länder weiter und führen zu einem entsprechenden Anstieg der Risikoprämien auf den Märkten, also der Zinssätze für die Staatschulden. Und damit dreht die Krise in die nächste schlimmere Runde.

Ja, die Verschuldung ist ein Problem und sie muss angegangen werden – glaubwürdig und wirksam. Mitten in der Krise und im engen Korsett der Währungsunion funktionieren die Pläne dazu aber nicht. Wir sehen es täglich.