Konjunkturforschung in Zeiten des Coronavirus

Die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 sind schwer abzuschätzen – weil den Forschern verlässliche Daten fehlen.

Die Kurse an den Börsen stürzen ab. Doch auch gerade kleinere Betriebe sind betroffen vom Coronavirus. Foto: Richard Drew (AP, Keystone)

Wie schwer sind die wirtschaftlichen Schäden von Covid-19? In Zeiten wie diesen läge es an den Konjunkturforschern, der Öffentlichkeit mit verlässlichen Prognosen Gewissheit zu geben, um sich darauf einzustellen und reagieren zu können.

Genau das ist jedoch nicht möglich. Prognosen benötigen Daten als Grundlage, aber diese fehlen. Das eindrücklichste Beispiel liefert die OECD. Sie hat am Montag die Veröffentlichung der monatlichen Frühindikatoren («Composite Leading Indicators», CLI) ausgesetzt. Zwar brauche es gerade jetzt dringend die vorauslaufenden Indikatoren, um zu verstehen, wie sehr die Volkswirtschaften von der Gesundheitskrise getroffen seien, geben die Forscher der renommierten Organisation zu. Aber die zur Verfügung stehenden Daten reichten noch nicht aus, um die wirtschaftlichen Effekte zu erfassen: «At this time, CLI sub-components for many countries are not yet able to capture the effects of the more widespread Covid-19 outbreak.»

V, U oder L?

Tatsächlich hat sich die Halbwertzeit von Vorhersagen deutlich verkürzt, seit das hochansteckende Virus aus China vor vier Wochen seinen Weg nach Europa gefunden hat. Anfangs war von einem V-förmigen Verlauf des Konjunkturzyklus die Rede: Ein heftiger Einbruch, der aber schon bald – etwa nach einem Quartal – ausgeglichen würde.

Inzwischen ist häufiger von einem U die Rede, soll heissen: Die Talsohle wird länger anhalten, mindestens zwei Quartale. Die schlimmste Variante wäre ein L: ein wirtschaftlicher Einbruch, auf den eine Stagnation folgt.

Die OECD arbeitet mit zwei Szenarien. In der Hauptvariante setzt sie auf eine V-Entwicklung. Die Weltwirtschaft wird dieses Jahr nur 2,4 Prozent wachsen, statt 2,9 Prozent wie vor dem Coronavirus prognostiziert. 2021 zieht dann das Wirtschaftswachstum wieder deutlich an.

Quelle: OECD

Daneben gibt es noch ein ungünstigeres Szenario: den Dominoeffekt. Dazu kommt es, falls sich der wirtschaftliche Einbruch nicht auf China und einzelne andere beschränkt, sondern in den wichtigsten Industrieländern fortsetzt, dort das Geschäftsvertrauen unterminiert, die Reisetätigkeit lahmlegt, sodass die Konsum- und Investitionsausgaben stark eingeschränkt werden. In diesem Fall, so die Ökonomen der internationalen Regierungsorganisation, wird sich die Weltwirtschaft im Jahresdurchschnitt auf 1,5 Prozent abschwächen. Teile Europas werden in eine Rezession kippen. Auch die Erholung 2021 fällt dann nur sehr schwach aus.

Verfolgt man die täglichen Berichte über Absagen, Verbote und Restriktionen im öffentlichen Leben, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, neigt man dazu, eher dem zweiten Szenario mehr Wahrscheinlichkeit beizumessen. Aber wer weiss das schon.

Der soziale Konsum

Wie Epidemien die Wirtschaft lahmlegen, ist wenig erforscht. «In einer normalen Rezession ist die Ursache bekannt, weshalb die Produktion eingebrochen ist, und man kann daher Rückschlüsse darauf ziehen, wie lange diese Korrektur dauern wird», schreibt Simon Wren-Lewis, Wirtschaftsprofessor an der Oxford-Universität. Im Fall einer Epidemie oder gar Pandemie seien die Voraussetzungen jedoch grundverschieden vom Lehrbuch-Verlauf.

Wren-Lewis war vor zehn Jahren damit beauftragt, die wirtschaftlichen Auswirkungen einer Grippe-Pandemie zu analysieren. In einem soeben vom britischen Thinktank CEPR veröffentlichten E-Book «Economics in the Time of COVID-19» resümiert er: Es kommt nicht nur zu einem Einbruch auf der Angebotsseite, also einem Produktionsstopp durch die Unternehmen, beispielsweise weil der internationale Handel unterbrochen wurde. Sondern es kommt auch zu einem nachfragebedingten Schock. Dieser Einbruch der Konsumausgaben fällt vielschichtig aus. Er sei nur schwer abzuschätzen.

Überdurchschnittlich viele kleine Betriebe sind betroffen.

Wren-Lewis spricht in diesem Zusammenhang vom «sozialen Konsum», jenem Teil der Konsumnachfrage, bei dem andere Menschen involviert sind. Das können Restaurantbesuche, Sportveranstaltungen, Reisen und vieles mehr sein. Bei ihnen werden die Ausfälle nicht einfach verschoben und dann nachgeholt, sondern es handelt sich um permanente Verluste. In seiner damaligen Kalkulation zeigte sich, dass der grösste Dämpfer für das Wirtschaftswachstum ausgelöst wurde, weil die Menschen ihren sozialen Konsum reduzierten, um sich vor dem Grippevirus zu schützen. In diesen Wirtschaftsbranchen gleicht der Geschäftsverlauf also am ehesten einem «L».

Es wird schwierig sein, diesen Nachfrageeffekt zu quantifizieren. Überdurchschnittlich viele kleine Betriebe sind betroffen. Sie arbeiten häufiger mit einer geringeren Kapitaldecke und sind daher stärker gefährdet als die grossen Namen, auf die gegenwärtig alle blicken, weil ihre Aktienkurse an den Börsen nach Jahren der Hausse spektakulär abwärts rasen.

10 Kommentare zu «Konjunkturforschung in Zeiten des Coronavirus»

  • Anh Toàn sagt:

    Konjunkturforschung in Zeiten der Trump Präsidentschaft:

    Die Börse hat lange sehr gelassen auf das Virus reagiert, der Absturz kam, als man erkannte, dass Trump dieses ignorieren will. Seine Einreisesperre aus Europa (aber nicht UK, das noch keine Grenze zu Europa hat, ist ein gutes Beispiel: Es ist keine nützliche, lösungsorientierte Massnahme, reine Show, blame game, Schuldzuweisungen (Also wenn 1 Mio Amis sterben, sind die Chinesen oder die Europäer schuld): Vielleicht fallen ein paar US_Dumpfbacken darauf rein, die Börse reagiert zu Recht mit Panik: Wir haben ein Problem und keiner glaubt, dass es die Verantwortlichen wenigstens merken, geschweige denn handeln.

    • Anh Toàn sagt:

      Man beginnt ja schon fast ein wenig Mitleid zu haben mit dem Donnie, jetzt kommt es knüppeldick, direkt auf den Wahlkampf zu: Die Börse crasht, die Wirtschaft gleitet in die Rezession, der Ölpreis ruiniert die Frackingindustrie und die wiederum die Banken. Die Preise steigen (sinkender USD = teure Importe, Störungen der Lieferkette führen zu ausgelasteten Produktionskapazitäten, wer noch produzieren kann, kann Preise erhöhen), die Jobs werden weniger, Das Genie, wenn nicht gar der Messias, haben die USA in die grossartigste Stagflation aller Zeiten geführt! Panik ist die einzig vernünftige Reaktion darauf!

  • Claire sagt:

    Während sich die S&P und Techwerte heute wieder etwas erholen mit aktuell positiven Werten von an den Börsen, dümpelt der viel breitere US SmallCap 2000 (RUT) Index mit minus 1-2% dahin.
    Viele Anleger glauben wohl, dass einige kleinere Unternehmen von den ökonomischen Virusfolgen stark verringerte Umsätze haben werden und bei wenig Cashreserven und/oder viel Schulden wohl auch pleite gehen könnten, wenn das noch Wochen oder Monate so weitergeht.
    Der Flurschaden dürfte am Ende wohl einiges grösser als die Lehrbücher das wohl meinen, gut das war schon 2008/09 so. Damals waren es immer komplexere Finanzinstrumente in grossem Ausmasse, die instransparent wurden und kollabierten, diesmal ein „intransparentes“ Virus welches einen Demand & Supply Schock gleichzeitig verursacht.

  • Rolf Zach sagt:

    Die Eindämmung der wirtschaftlichen Aktivität ist verursacht durch unser heutiges Wissen über Infektionskrankheiten und der dadurch bewusst vorgenommen Verringerung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten aus Vorsicht. Da wir noch nicht genügende Fallzahlen der Sterblichkeit dieser Art von Corona-Virus haben, ist natürlich alles vorsichtig.
    Ich behaupte einmal, dass eine Sterblichkeit von 1 auf 1000 Infizierte wohl kaum diesen Alarm auslösen würde, wie dies bei der Grippe auch nicht der Fall ist. Abgesehen davon, wären dann hauptsächlich ältere Menschen betroffen. Da wir aber nicht wissen, ob es sogar eine Sterblichkeit von 1 auf 50 Infizierte gibt, sind wir natürlich alarmiert und es keine Garantie gibt, dass auch jüngere als 65 Jahre sterben können.

    • Rolf Zach sagt:

      Die Sterberate bei einer Infektionskrankheit ist ausschlaggebend für eine Infektionskrankheit, wie zum Beispiel der Pest von 1350 mit wohl der Hälfte aller Infizierten, was schlussendlich ein Drittel der Bevölkerung ins Grab brachte. Vergessen wir nicht die Spanische Grippe von 1918/19 hatte 25 bis 50 Millionen Todesopfer, obwohl 1919 eine der besten Jahre der Konjunktur war seit Beginn der industriellen Revolution. Diese Seuche wird nur sehr kurzfristig die allgemeine Wirtschaftslage beeinflussen, sowie so wenn die Sterberate 1 zu 200 Infizierten ist und ein Impfstoff gefunden wird.
      Eine Depression kann viele Gründe haben, aber ausschließlich auf eine Seuche zurückzuführen ist barer Unsinn!

      • Anh Toan sagt:

        Corona ist nicht Ursache der Rezession, nur deren Auslöser. Bereits im Herbst 2018 gab es Rezessionsängste, liessen sich durch Zinssenkungen der FED nochmal besänftigen. Aber Zinskurven, Einkaufsmanagerindices und Ölpreis senden schon länger beängstigende Signale.

        Aber: Der Versuch Trump, das Virus auszusitzen, wird zu verheerenden Konsequenzen führen: Die Leute gehen freiwillig in Quarantäne, nicht mehr zur Arbeit und konsumieren fast nichts mehr, wenn die Intensivstationen und Spitäler voll sind: Konsum -60%, soviel ist im reichen Westen nicht lebensnotwendig, Investition -100%.

        • Anh Toan sagt:

          Klar kann man Online Klamotten kaufen (Falls ein Fahrer für die Lieferung kommt), aber warum sollte man, wenn man ohnehin nirgendwo hingeht?

      • Anh Toàn sagt:

        Die Zahlen die wir zur Sterblichkeit haben, sind mit Sauerstoffzufuhr und Intensivstationen. Aber bei zu vielen Ansteckungen, wenn das Gesundheitswesen überfordert ist, werden die Zahlen in die Höhe schnellen.

    • Claire sagt:

      Zach: In der Schweiz raffte die spanische Grippe „nur“ gerade mal 25’000 Menschen hin, bei einer Durchseuchung von gut 50% damals oder 2 Mio Infizierten gemäss BAG ergibt das eine Letalitätsrate von „nur“ 1.25%!
      Dies bei ziemlich prekären Verhältnissen damals bei Kriegsende mit Mangelernährung, miserablen hygienischen Zuständen, Landesstreik und viele Leute lebten eingepfercht in kleinen Wohnungen oder harrten sonst in riesigen Lazarettstationen mit Ansteckungspotential.
      .
      Richtig gewütet hat die vor allem in Indien unter noch übleren Zuständen mit mind. 17 Mio Toten, vermutlich auch noch mehr.
      Eben die Schätzungen weltweit gehen von total 25 Mio bis hin zu 100 Mio, was mich allerdings etwas gar hoch dünkt bei damals 1.75 Mrd Menschen, wären das 5.7% der Weltbevölkerung gewesen.

      • Rolf Zach sagt:

        Claire: Was Sie schreiben ist mir bekannt, es gab auch Opfer in meiner Familie damals. Mein Großvater war infiziert durch seinen nochmaligen Militärdienst Ende 1918 zur Bekämpfung des Landesstreiks unter Führung von Nationalrat Grimm (dem schärfsten Gegner von Lenin!). Dieses Aufgebot war unnötig und die SP-Streik-Führung war alles andere als revolutionär eingestellt. Dies behaupten heute nur Leute wie Herr B. , die die damaligen Zustände nur für ihr verlogenes Geschichtsbewusstsein benützen. „Cognac-Ueli“, General Wille nannte man damals in seinem Wohnort so, war durch seine militärischen Befehle während des Streiks auch verantwortlich für die Ausbreitung der Seuche. Mein Großvater überlebte mit seinen Kindern die Infektion, aber nicht meine Großmutter.

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