Unser frankengeschockter Tourismus

Steigen die Preise, bleiben die Gäste aus: Trachtenfiguren auf der Riga. (Foto: Keystone/Alessandro Della Bella)

Die schweizerische Leistungsbilanz hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Ja, man kann geradezu von einer historischen Zäsur sprechen. Traditionell resultierte beim Güterhandel und beim Einkommen der Grenzgänger ein Defizit, beim Dienstleistungsverkehr und den regelmässigen Einnahmen aus dem Ausland (Zinsen, Dividenden etc.) ein Überschuss. Insgesamt war der Überschuss immer etwas grösser als das Defizit. Das bedeutete, dass die Schweiz netto immer Kapital exportierte und ein grosses Auslandsvermögen anhäufen konnte, was wiederum die regelmässigen Einnahmen aus dem Ausland ansteigen liess. Die beiden grossen Änderungen der letzten Jahre sind die folgenden:

  1. Der Güterhandel hat eine positive Bilanz (früher eine negative Bilanz)
  2. Der Tourismus schmälert den Überschuss der Dienstleistungsbilanz (früher starker Beitrag zum Überschuss)

Die erste Änderung ist mittlerweile allgemein bekannt, weil sie schon vor einigen Jahren stattgefunden hat. Verantwortlich für die Änderung ist vermutlich der starke Anstieg der Chemie- und Pharmaexporte, wie eine Studie der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vor einigen Jahren ergeben hat. Mittlerweile stammen fast fünfzig Prozent der Schweizer Exporte von der Chemie- und Pharmaindustrie. Weniger bekannt ist der dramatische Wandel der sogenannten Fremdenverkehrsbilanz. Er hat erst in den letzten paar Jahren stattgefunden. Kurz gesagt: Die Schweiz ist nicht mehr das grosse Tourismus-Land, das es einmal war. Folgende Grafik zeigt, was passiert ist: Der traditionelle Überschuss verschwand plötzlich in den 2010er-Jahren. 2016 resultierte erstmals ein Minus, gemäss Schätzungen soll auch im Jahr 2017 ein Defizit resultieren, wenn auch ein kleineres als 2016. Wie lässt sich dieser historische Einbruch erklären? Folgt man der Chronologie, so ist klar, dass der doppelte Frankenschock von 2011 und 2015 eine wesentliche Rolle gespielt hat. Seit 2008 stagnieren die Einnahmen, während die Ausgabe seit 2011 sprunghaft angestiegen sind. Das ist die logische Folge einer Aufwertung: Ferien in der Schweiz werden für die Ausländer teurer, Ferien im Ausland werden für die Schweizer billiger.

Der Wechselkurs als alleinige Ursache?

Dass der Wechselkurs eine grosse Rolle gespielt haben muss, lässt sich auch an den Zahlen vor der Aufwertung ablesen. 2008 resultierte ein Rekordüberschuss, weil der Franken über mehrere Jahre äusserst schwach gewesen war. Ob alles mit dem Wechselkurs erklärt werden kann, ist indessen zweifelhaft. In den 1970er-Jahren kam es ebenfalls zu heftigen Aufwertungsschüben, doch nie resultierte ein Minus. Welche anderen Faktoren wie stark gewirkt haben, wird erst in ein paar Jahren klar werden. In Krisenzeiten neigen wir immer dazu, strukturelle Faktoren zu überschätzen, weil wir glauben, dass grosse Veränderungen fundamentale Gründe haben müssen. Das ist oft nicht der Fall, möglicherweise auch im Hinblick auf den Schweizer Tourismus.