Barcelona und Madrid: Ein ungleiches Paar

Diese Studentin protestierte am 2. Oktober gegen die Polizeigewalt während des Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien. Der Konflikt zwischen Barcelona und Madrid reicht bis ins Mittelalter zurück. Foto: Juan Carlos Cardenas (Keystone)

Dass Katalonien aus Spanien austreten will, kommt nicht überraschend. Die politische und wirtschaftliche Geschichte Spaniens und Kataloniens (bzw. Kastiliens und Aragóns) ist zu verschieden, und zwar nicht erst seit kurzem, sondern seit Jahrhunderten.

So begann Kataloniens Aufstieg im Hochmittelalter als Mittelmeermacht. Barcelona war ein bedeutender Hafen, der sich zwar nicht direkt mit Genua oder Venedig messen konnte, aber am Ende des westlichen Mittelmeers eine dominierende Rolle spielte, wie die Karte zeigt.

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Karte: brown.edu

Kastilien hingegen war eine typische Landmacht, lange Zeit abgeschnitten vom Mittelmeer. Erst im Laufe der Reconquista, der Eroberung der muslimischen Gebiete in Südspanien, erlangte das Königtum Zugang zum Mittelmeer. Wenn es Handel gab, dann über die atlantische Küste nach Nordwesteuropa: Kastilien exportierte Schafwolle in die Niederlande.

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Karte: Wikimedia

Als die Reconquista mit der Eroberung Granadas 1492 abgeschlossen war, begann die atlantische Epoche mit der ersten Expedition von Kolumbus. Der wichtigste Hafen war Sevilla, das damals über den Fluss Guadalquivir mit dem Atlantik verbunden war. Später übernahm Cadiz diese Funktion. Die Mittelmeerhäfen blieben unbedeutend.

Das Königreich Aragón hingegen weitete seinen Einfluss auf den Mittelmeerhandel aus, indem es im 14. und 15. Jahrhundert Korsika, Sardinien, Sizilien und Süditalien einverleibte. Die Vereinigung von Kastilien und Aragón, die im späten 15. Jahrhundert vollzogen wurde, war deshalb immer brüchig.

Wirtschaftliches Ungleichgewicht

Es war deswegen kein Zufall, dass sich Aragón im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) gegen den von Frankreich eingesetzten bourbonischen König in Madrid stellte. Dies sollte sich jedoch bitter rächen. Nach dem Ende des Krieges kam die grosse Zentralisationswelle nach französischem Vorbild, welche die Sonderstellung Aragóns beendete. Seither besteht der Wunsch in Katalonien, wieder mehr Autonomie zu erringen.

Der wirtschaftliche Erfolg Kataloniens seit dem 19. Jahrhundert verstärkte das Ungleichgewicht weiter. Katalonien war ein Zentrum der Textilindustrie, woraus sich bald eine breit aufgestellte, moderne Ökonomie entwickelte. In der Region Madrid war hingegen wenig los. Nur im Baskenland, wo die grossen Minen liegen, fand eine ähnliche Entwicklung wie in Katalonien statt, wie die Karte zeigt.

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Karte: Slideshare

Die traumatischen Erfahrungen während des Franco-Regimes stärkten diesen Autonomiewillen. Auch die Eurokrise hat viel dazu beigetragen, dass ein weiteres Verbleiben in Spanien unattraktiver geworden ist. Aber die Wurzeln der Dissonanz zwischen Barcelona und Madrid liegen viel weiter zurück. Ähnlich wie in Italien ist der hohe Zentralisierungsgrad der Regierung Gift für einen stabilen Nationalstaat.