Eine Geschichte von Liebe und Hass

Wie wird ihre Beziehung aussehen? Donald Trump und Janet Yellen. Fotos: Keystone

Am 20. Januar 2017 wird Donald Trump den Amtseid als 45. Präsident der Vereinigten Staaten leisten.

Wir wissen nicht, wie er die nächsten vier Jahre als mächtigster Staatslenker der Welt meistern wird. Viel wird davon abhängen, welche Art von Beziehungen er aufbauen wird – mit Mitgliedern seines Kabinetts, mit dem Kongress, mit anderen Staatschefs.

Es wird enorm interessant sein, zu sehen, wie Trump beispielsweise mit Xi Jinping umgehen wird, dem überaus mächtigen Staatspräsidenten der Volksrepublik China. Oder mit Wladimir Putin. Oder mit Angela Merkel. Oder mit Japans Premierminister Shinzo Abe, den er bereits herb vor den Kopf gestossen hat mit der Ansage, das transpazifische Freihandelsabkommen TPP an seinem ersten Amtstag zu kündigen.

In diesem Beitrag soll es jedoch um eine andere Beziehung gehen. Eine, die für die Wirtschaft der USA und damit für die Welt extrem wichtig sein wird, die aber kaum je grosse Schlagzeilen schreibt: Die Beziehung zwischen dem Präsidenten und dem – respektive der – Vorsitzenden der US-Notenbank (Fed). Wie werden Trump und die amtierende Fed-Vorsitzende Janet Yellen funktionieren?

Eine lehrreiche historische Parallele könnte das erste Amtsjahr von Ronald Reagan liefern, der einen harten Kampf mit Fed-Chef Paul Volcker ausfocht. Doch beginnen wir in der Gegenwart.

Während des Wahlkampfs hat Trump die Fed-Chefin mehrmals massiv angegriffen und durchblicken lassen, dass er sie bei der ersten Gelegenheit ersetzen wird.

Am Mittwoch haben Yellen und ihre Kollegen, wie von den Märkten erwartet, eine Leitzinserhöhung beschlossen. Und Donald Trump blieb: still. Der sonst hyperaktive Twitterer hat auf dem Kurznachrichtendienst nach dem Fed-Entscheid nichts von sich gegeben.

Bevor wir der Frage nachgehen, wie Trump und das Fed funktionieren werden, werfen wir einen Blick auf die Funktionsweise des Führungsgremiums der amerikanischen Zentralbank.

Das Federal Reserve System besteht aus drei Teilen: Dem siebenköpfigen Board of Governors in Washington, den zwölf Distriktsnotenbanken und dem Federal Open Market Committee (Offenmarktkomitee, FOMC), das die Geldpolitik beschliesst.

(Quelle: Fed)

Das FOMC wiederum besteht aus den sieben Gouverneuren, dem Präsidenten der Federal Reserve Bank of New York sowie vier weiteren Präsidenten von Distriktsnotenbanken, die in einem festen Turnus im Komitee Einsitz nehmen.

Der Gouverneursrat wird von einem Chairman – aktuell Janet Yellen – und einem Vize – aktuell Stanley Fischer – geleitet.

Die sieben Gouverneure werden vom US-Präsidenten bestimmt und vom Senat bestätigt. Der Federal Reserve Act von 1913 und der Federal Reserve Reform Act von 1977 garantieren die politische Unabhängigkeit des Fed; weder der Präsident noch der Kongress können die Gouverneure während ihrer Amtszeit entlassen. Jedoch muss sich – festgeschrieben im Full Employment and Balanced Growth Act von 1978 – der Chairman des Gouverneursrats mehrmals pro Jahr den Fragen der Kongressmitglieder stellen.

Die Idee dieses Systems ist es, die Zentralbank vor politischer Einflussnahme zu schützen, damit sie ihr seit 1978 festgeschriebenes Doppelmandat von Preisstabilität und Vollbeschäftigung erfüllen kann.

Die Geschichte ist jedoch voll von politischer Einflussnahme. Hier einige Beispiele:

  • Im Dezember 1965 liess Präsident Lyndon B. Johnson den Fed-Vorsitzenden William McChesney Martin in seine Ranch nach Texas bringen, wo er ihm wegen einer kurz zuvor beschlossenen Zinserhöhung die Leviten las.
  • Im Wahlkampf von 1972 verlangte Amtsinhaber Richard Nixon vom Fed-Vorsitzenden Arthur Burns eine lockere Geldpolitik, um die Wirtschaft anzukurbeln. Als sich Burns weigerte, steckten Nixons Berater den Medien eine falsche Story, wonach Burns eine grosse Salärerhöhung verlange. Am Ende knickte Burns ein.
  • Im Oktober 1980 kritisierte Jimmy Carter den von ihm eingesetzten Fed-Chef Paul Volcker scharf, weil dieser während des Wahlkampfs die Leitzinsen deutlich erhöht hatte. Im November 1980 verlor Carter den Wahlkampf gegen Ronald Reagan.
  • Während der ersten 12 Monate der Amtszeit von Ronald Reagan war Volcker massiven Einschüchterungsversuchen aus dem Weissen Haus ausgesetzt (mehr dazu weiter unten).
  • Im Sommer 1992, wiederum einem Wahljahr, forderte George Bush Senior den Fed-Chef Alan Greenspan öffentlich auf, die Zinsen deutlicher zu senken. Wenige Monate später verlor Bush gegen Bill Clinton.

Seither ist es ruhig geworden im Verhältnis zwischen Präsident und Fed-Chef. Bill Clinton (1993 bis 2001), George W. Bush (2001 bis 2009) und Barack Obama (2009 bis 2017) sind nie mit öffentlichen Angriffen auf das Fed aufgefallen.

Das könnte sich nun mit Trump wieder ändern. Sollte Trump mehr Einfluss auf das Fed nehmen wollen, hat er zwei Möglichkeiten: Entweder, er äussert sich öffentlich kritisch oder abschätzig über die Fed-Führung (was er im Wahlkampf bereits tat), und/oder er besetzt die Spitze der Notenbank neu.

Diese Möglichkeit steht ihm offen: Die reguläre Amtszeit von Janet Yellen endet nämlich im Februar 2018, jene von Vize Stanley Fischer endet im Juni 2018. Zudem sind zwei Gouverneurssitze gegenwärtig unbesetzt, was bedeutet, dass Trump die historisch fast schon einmalige Gelegenheit hat, in seiner ersten Amtsperiode zwei neue Gouverneure sowie den Chairman und den Vize-Chairman des Gouverneursrats neu zu bestimmen.

Wenn er wollte, könnte Trump die Geldpolitik der USA massgeblich und über Jahre verändern.

Die Frage ist bloss: Was für eine Geldpolitik will denn Trump überhaupt?

Seine bisherigen verbalen Angriffe auf Yellen und das Fed suggerieren, dass er eine härtere Gangart will: eine straffere Geldpolitik. Gerüchteweise wurde bereits der Name von John B. Taylor, der Vater der Taylor-Regel, als Trumps Favorit herumgeboten. Der an der Stanford University lehrende Ökonom würde für eine härtere, mechanistische Geldpolitik stehen.

Doch was würde eine härtere Geldpolitik bedeuten? Erstens: höhere Zinsen. Und zweitens: einen stärkeren Dollar.

Genau das haben die Märkte in den vergangenen Wochen bereits einzupreisen begonnen. Das langfristige Zinsniveau, abzulesen an den Renditen zehnjähriger Treasury Notes, ist von unter 1,4 Prozent im Sommer auf gegenwärtig über 2,5 Prozent gestiegen (Quelle: St. Louis Fed):

 

Ebenfalls kräftig zugelegt hat der Dollar, abzulesen etwa am handelsgewichteten Dollar-Index (Quelle: St. Louis Fed):

 

Aber ist das wirklich im Interesse von Trump?

Die kurze Antwort: Nein.

Trump ist mit dem Versprechen angetreten, «America Great Again» zu machen. Höhere Zinsen und ein stärkerer Dollar schwächen tendenziell die Wirtschaft – das ist nicht, was Trump in den nächsten zwei Jahren seinen Wählern zeigen will. Teil seines Wahlversprechens ist es auch, massiv in die öffentliche Infrastruktur zu investieren. Dazu wird er die Staatsschulden erhöhen müssen – und auch das ist günstiger auf einem niedrigeren Zinsniveau.

Willem Buiter, Chefökonom von Citigroup, spricht in diesem Interview mit meinem Kollegen Alexander Trentin Tumps Dilemma an: «Die US-Staatsschulden werden deutlich steigen… Das wird die US-Notenbank zu einer restriktiveren Geldpolitik bewegen.»

Die bisherige Rhetorik Trumps war gegen die zu lasche Geldpolitik Yellens gerichtet. Wer weiss, vielleicht wendet sich das Blatt schon im kommenden Jahr: Vielleicht wird Trump die Fed-Führung schon bald kritisieren, dass sie eine zu straffe Geldpolitik betreibt und damit seine Wachstumspläne durchkreuzt.

Duellierte sich mit der Reagan-Administration: Der damalige Notenbankchef Paul Volcker. Foto: Getty Images

Einen historischen Präzedenzfall dafür würde Ronald Reagan liefern: Als Reagan im Januar 1981 antrat, kämpfte Fed-Chef Paul Volcker mit einer extrem restriktiven Geldpolitik gegen die hartnäckige Inflation; als Reagan antrat, lag die Jahresrate der Inflation auf 12 Prozent, und Volcker hatte die Leitzinsen auf über 20 Prozent erhöht.

Die beiden hatten einen schwierigen Start: Wie William Silber in der äusserst lesenswerten Biografie über Paul Volcker schreibt, trafen sich die beiden Männer am 23. Januar 1981 zu einem Mittagessen, an dem Reagan Volcker fragte, wofür die Notenbank eigentlich gut sei und ob man sie nicht abschaffen könnte.

Während seines ersten Amtsjahres erfüllte Reagan sein Wahlversprechen und senkte die Steuern – mit dem Effekt, dass das Budgetdefizit deutlich grösser und die bereits hohe Inflation weiter angeheizt wurde.

Volcker hielt mit seiner überaus restriktiven Geldpolitik dagegen, was während des Jahres 1981 die Wirtschaft abwürgte und die Arbeitslosenrate von 7,5 auf 8,6 Prozent steigen liess.

Reagan und seine Wirtschaftsberater waren sauer auf Volcker, dass er sie in ihrem ersten Amtsjahr nicht unterstützte – und Volcker fühlte sich von der Reagan-Administration in seinem Kampf gegen die Inflation im Stich gelassen.

Reagan machte einige brutale öffentliche Aussagen gegen Volcker. Im September 1981 sagte er an einer Veranstaltung in Kalifornien: «The Fed is independent, and they are hurting us, and what we’re trying to do, as much as they’re hurting everyone else.»

Am 19. Januar 1982 fragte eine Reporterin den Präsidenten an einer Pressekonferenz, ob Reagan jene Kongressmitglieder unterstütze, die einen Rücktritt von Volcker forderten. Die Antwort Reagans: «Well, I can’t respond to that because the Federal Reserve System is autonomous… there is no way I can comment on that.» Eine öffentliche Rückendeckung für den Fed-Chef hätte anders geklungen. Auch Reagans Wirtschaftsberater Milton Friedman sowie Finanzminister Donald Regan stichelten wiederholt gegen Volcker.

Der Kampf endete erst am 15. Februar 1982, als sich Reagan und Volcker auf Erbitten Volckers zu einem Gespräch unter vier Augen trafen. Die beiden schlossen eine Détente, die Reagan drei Tage später öffentlich bestätigte, als er an einer Pressekonferenz folgende Worte sagte:

«I have confidence in the announced policies of the Federal Reserve Board. The Administration and the Federal Reserve can help bring inflation and interest rates down faster by working together that by working at cross-purposes. This Administration will always support the political independence of the Federal Reserve Board.»

Volcker hatte gewonnen. In den folgenden fünf Jahren hatten Volcker und Reagan eine gute Arbeitsbeziehung (was Milton Friedman freilich nicht davon abhielt, weiterhin gegen Volcker und das Fed zu schiessen). Reagan setzte sich 1983 für die Wiederwahl Volckers ein.

Wer weiss, vielleicht wird sich diese Geschichte mit den gegenwärtigen Akteuren Donald Trump und Janet Yellen wiederholen.

Man darf gespannt sein, wer dieses Mal gewinnt.