Die Geschichte vom barmherzigen Gläubiger

Wie werden Schuldenkonflikte gelöst? In der Regel dadurch, dass der Schuldner eines Tages erklärt, er zahle nicht mehr. Der Gläubiger muss dann einem Kompromiss zustimmen, weil er sonst befürchten muss, dass er alles verliert.

Dass ein Gläubiger von sich aus die Schulden streicht, kommt nicht vor – mit einer Ausnahme: Vor fünfhundert Jahren hat der Augsburger Kaufmann Jakob Fugger vor den Augen von Kaiser Karl V. freiwillig die Schuldscheine verbrannt, um eine staatliche Zahlungsunfähigkeit zu verhindern. Der Kaiser war bei Fugger zu Gast in Augsburg, um ihm mitzuteilen, dass er Probleme habe. «Schon gut», meinte Fugger und schritt zur Tat.

Die denkwürdige Szene ist in einem Gemälde festgehalten. Karl Becker hat es 1866 gemalt, heute hängt es in der Nationalgalerie Berlin.

Warum ist das heute nicht möglich? Ein grosszügiger Schuldenschnitt wäre doch die beste Lösung, um die Situation der verschuldeten südeuropäischen Länder zu verbessern.

Die Antwort ist einfach: Es ist heute nicht möglich, weil es damals auch nicht möglich war. Die Geschichte ist nämlich frei erfunden. Fugger war alles andere als ein selbstloser Gläubiger, der nur das Wohl des Kaisers und des Vaterlandes im Blick hatte. Wenn er Kredite abschreiben musste, dann immer unfreiwillig. Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein.

Warum sollte er auch? Der Status des Gläubigers hat mit Glaubwürdigkeit zu tun. Wer zu erkennen gibt, dass er es mit der Schuldrückzahlung nicht so genau nimmt, wird schnell ausgenutzt. Gegenüber einem Staat ist der Gläubiger ohnehin immer in einer schwachen Position. Er kann den Staat, der sich weigert zu zahlen, nicht vor ein Gericht ziehen. Er kann nur drohen, dass er ihm nie mehr Kredit geben werde, aber das hat oft keine Wirkung, weil möglicherweise ein anderer Kreditgeber in die Bresche springt.

Vor fünfzehn Jahren hat die damalige IWF-Vizechefin Anne Krüger ein Konkursrecht für Staaten gefordert. Der Vorstoss wurde weitherum begrüsst, aber bis heute ist nichts Konkretes beschlossen worden. So laufen Staatsbankrotte immer nach demselben Muster ab: Ein Staat erklärt, er könne nicht mehr zahlen, worauf staatlich alimentierte Fonds einspringen, um die privaten Gläubiger auszukaufen.

Das ist das Einzige, was sich seit den Tagen Fuggers geändert hat: Die privaten Gläubiger können auf staatliche Hilfe hoffen. Ein aktuelles Gemälde würde also folgendermassen aussehen: Fugger will die Papiere ins Feuer werfen, aber IWF-Chefin Christine Lagarde hält ihn davon ab. Ob die Nationalgalerie Berlin ein solches Bild ausstellen würde, ist allerdings kaum anzunehmen.