Griechenland und die Verzweiflung der Gläubiger

Schiffe fahren an der Eröffnung 1869 in den Kanal.

Die jetzige Situation in Griechenland erinnert an den Bankrott Ägyptens wegen des Suezkanal-Baus. Die damaligen Geldgeber besetzten wichtige Posten mit eigenen Leuten: Schiffe fahren an der Eröffnung 1869 in den Kanal.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gilt als ausgemacht, dass der Westen die kruden Formen der Kanonenbootdiplomatie längst hinter sich gelassen hat. Dass zum Beispiel eine europäische Macht die Souveränität eines Landes beschneidet, das seine Staatsschulden nicht mehr zurückzahlen kann, ist heutzutage unvorstellbar.

Und nun das: Gemäss Financial Times verlangen die Euro-Länder, dass Griechenland nur dann weitere Kredite erhält, wenn es eine ausländische Mitwirkung bei der Steuer- und Finanzpolitik zulässt. Eurointelligence spricht zu Recht von einem «noch nie dagewesenen Souveränitätsverlust» in der jüngeren europäischen Geschichte. Es werden zwar keine Kanonenboote mehr geschickt, aber die Forderung der Euro-Länder erinnert in fataler Weise an den Ablauf von Schuldenkrisen im späten 19. Jahrhundert.

Zwei Schiffe im Kanal (undatiertes Bild).

Ab 1882 besetzten die Briten Ägypten: Zwei Schiffe im Suezkanal (undatiertes Foto).

Ein typisches Beispiel ist die ägyptische Schuldenkrise. Unter dem osmanischen Vizekönig Ismail beteiligte sich Ägypten in den 1860er Jahren am Bau des Suezkanals und investierte in ehrgeizige Infrastrukturprogramme. Die dafür notwendigen Kredite beschaffte sich Ismail bei europäischen Gläubigern. In der Weltwirtschaftskrise Mitte der 1870er Jahre versiegte der Geldstrom aus dem Ausland, Ägypten drohte zahlungsunfähig zu werden. Zunächst versuchte sich Ismail mit dem Verkauf der Suezkanal-Aktien an Queen Victoria zu retten. Die eingebrachte Summe war aber zu gering. 1876 war das Land bankrott, und 1879 wurden Ministerposten für Finanzen und Öffentliche Arbeiten mit Europäern besetzt – faktisch ungefähr dasselbe, was Griechenland droht.

Der weitere Verlauf der Geschichte: 1881 kam es in Kairo zu einem bewaffneten Aufstand gegen die ausländische Bevormundung, 1882 besetzten britische Truppen Ägypten, um den Wert von Victorias Suezkanal-Aktien zu sichern. Solches wird uns hoffentlich erspart bleiben. Aber mit der Einmischung der Euro-Länder in die griechische Steuer- und Finanzpolitik hat die Schuldenkrise zweifellos eine neue Eskalationsstufe erreicht. Die Gläubiger müssen sehr verzweifelt sein.

39 Kommentare zu «Griechenland und die Verzweiflung der Gläubiger»

  • rohstoffeboom sagt:

    Finanzmarktexperte Wolfgang Gerke: Die nächste Finanzkrise wird noch gewaltiger!

    http://bit.ly/jQwhEN

    wie recht er hat….

  • Michael Schwarz sagt:

    Die Problematik der Staatsverschuldung wird durch den Medien aufgepusht. Die Verschuldung eines Staates solange unter den Kontrollen behält, stellt sie keine Gefahr für die Wirtschaft dar. Aber die Gefahr aus China ist realer als die Gefahr der Schuldkrise. Ich sehe die Gefahr für die Schweizer Wirtschaft in Zukunft durch der Überwertung des CHF und das Ungleichgewicht im Währungssystem, vor allem das Ungleichgewicht verstärkt sich deutlich. Sowie die Machtlosigkeit der Zentralbank und unrealistische Vorstellung und verzehrte Verständnis der Wirtschaft von Politiker und Ökonomen.

  • Peter Don Kleti sagt:

    Guter Artikel. Hat Zähne wie ein Weissspitzenhai. Und wahr ist er auch noch.

  • Hampi sagt:

    Wenn man ein Erbsenzähler ist, dann hält man sich stur an die Tatsache, dass Griechenland aufgrund der „No-Bailout“-Klausel bankrott ist. Griechenland ist nämlich nicht bankrott, noch bankrotter, sondern am bankrottesten. Einige Erbsenzähler klopfen sich deshalb jetzt stolz auf die eigene Schulter: das wissen wir ja schon seit langem!

    Wenn man ein Vertreter der überzeugten Kapitalisten ist, dann argumentiert man theoretisch zu Recht, dass das System nicht funktioniert, solange die Investoren mit den falschen Investitionen nicht bestraft werden. Sie schreien etwa mit dem gleichen Eifer nach einem „Haircut“, wie die Väter meiner Generation (d.h. als ich biologisch jung war).

    Wieder andere sind richtiggehend entzückt, zu sehen, dass es nicht gelingt, das Finanzsystem nachhaltig zu stabilisieren. Diese Meinungs-Variante hat ja immer schon gesagt, dass die Schuld an allem die Banken haben („Arme Bürger vs. gierige Banker“). Sie haben das utopische Ziel, entweder die Banker abzuschaffen, oder sie durch irgendeine Therapie zu sozial hochkompetenten Männchen umzupolen.

    Meiner Ansicht nach sind alle erwähnten Meinungs-Varianten, sowie auch der Blogbeitrag und viele Kommentare, populistisch, dogmatisch und extrem kurzsichtig.

    Es ist ja wohl völlig logisch, dass Griechenland einen Teil seiner Unabhängigkeit, was finanzpolitische Entscheide betrifft, verlieren wird. Der Vergleich zu dem Einsetzen von britischen Ministern in Ägypten ist aber übertrieben. Nur schon deshalb, weil es die EU mit der britischen Kolonialmacht (Besetzer, Kolonialherrschaft) vergleicht. Würde ich es nämlich mit dem heute dominanten Land, USA, vergleichen, dann sieht es schon viel weniger dramatisch aus.

    Natürlich wird es irgendwann auch eine Restrukturierung der griechischen Schulden geben. Aber zurzeit kommt das nicht in Frage. Die EZB ist nicht ohne Grund gegen jedwelche Massnahme, die zur technischen Erklärung „Default“ führt. Man braucht keine allzu helle Glühbirne zu sein, um anzunehmen, dass eine Zahlungsunfähigkeit (nebst dem menschlichen Leid in Griechenland) einen gewaltigen Dominoeffekt auslösen würde. Sanft ausgedrückt: Lehman Brothers im Quadrat.

    Fazit: Die EU (inkl. und v.a. Deutschland) wird sich davor hüten, Griechenland nicht zu helfen. Das Problem ist, dass die momentane politische Situation (Das Volk ist wütend) zwar eine kurzfristige Rettung zulässt (niemand will die Tore zur Hölle aufmachen), aber nicht den letztendlich notwendigen „grossen Wurf“. Das wird sich leider so schnell nicht ändern:

    Der Ausgang des Europäischen Dramas ist noch völlig offen. Sicher ist nur, dass es weiterhin Banken geben wird und dass Banker weiterhin gierig sein werden.

  • Wer zahlt befielt, und Geld regiert die Welt. Nicht das Volk oder die Politiker, diese werden vom Kapital eigesetzt.
    Es wir alles beim alten bleiben. Griechanland und alle anderen Pleite- Staten müssen bezahlen oder das Kapital fliest in eine andere Richtung. So einfach ist das!! Das die Grichen nun Streiken ist eine Frechheit. Sie sollten nun arbeiten, und ihre Schulden zurückzahlen versuchen.

  • Markus Schneider sagt:

    Wer sein Geld an zahlungsunfähige Schuldner ausleiht ist selber schuld. Schuldner, die nicht zahlen können, müssen allerdings mit aller Härte angefasst werden. Gleichzeitig müssen aber Bankverantwortliche, die Geld an solche Schuldner ausgeliehen haben, ebenfalls mit aller Härte angefasst werden.

  • Martin Lienert sagt:

    Die Banken regieren die Welt – Dies haben sie immer getan und werden es immer tun wenn wir weiterhin drauflos konsummieren.

  • thomas roth sagt:

    @b.schnider; und was ist ihr thematischer beitrag?! „frau binsberger“ bringt „ihre“ sicht der dinge zum ausdruck. „ihr“ gutes recht. es liegt dann an ihnen ihre eigenen schlüsse zu ziehen. wenn ihnen „fifa-familien-politik“ lieber ist als basisdemokratie dann nur zu.

  • Lina Walti sagt:

    Googeln Sie drei Minuten und Sie werden es checken. Die Gläubiger waren vor einem Jahr noch die grossen europäischen Banken, deutsche und französische an der Spitze, aber auch anscheinend portugiesische Banken hatten 10 Mia. nach Griechenland ausgeliehen. Und dann wissen Sie ja was passiert ist. Die EZB, der IWF, die EU haben diese Schulden übernommen, die EZB hat ja schlicht und einfach griechische Staatsanleihen für zig Milliarden gekauft.

    So, ist alles ganz simpel, die Gläubiger, das ist jetzt die Politik selbst bzw. die europäischen SteuerzahlerInnen, jetzt verstehen Sie vermutlich, wieso der Herr Trichet und seine Kolleginnen und Kollegen partout nicht umschulden wollen. Lieber soll Griechenland vor die Hunde gehen offenbar, äh, wie wir grad gelesen haben, eine Kolonie der EU werden.

    In den kommenden Jahren scheint es offenbar drauf anzukommen, ob die EU-Bevölkerung so blöd ist, wie ihre Politierinnen glauben und still hält, ob sie ihre Zuflucht sucht im Rechtspopulismus, oder, und was Hoffnung macht, wie die jungen SpanierInnen für mehr Demokratie kämpfen wollen.

  • Jong Duk Park sagt:

    Ich finde Ihren Beitrag super!

  • Iten sagt:

    Die Schweiz ist erledigt,
    genau wie die anderen Länder wo zuvor
    die Bilderberger-Konferenz stattfanden.
    Irland, Portugal, Griechenland…
    Die Bilderberg-Konferenz wird wie vorgesehen vom 9. bis 12. Juni in St. Moritz stattfinden.
    Der SNB Kauf von über 240 Milliarden Anleihen,
    dient der Verskavung der Schweiz.

  • Bruno Schnider sagt:

    @nadine Binsberger

    Sie schreiben unter einem Pseudonym linksextreme Weltanschauungen und „missionieren“ den ganzen lieben Tag lang auf verschiedenen Foren. Glauben Sie tatsächlich, so den Kapitalismus überwinden zu können und die Schweiz in guter Cédric Wermuth – Manier zu „basisdemokratisieren“? Von der TAMEDIA-Zensurabteilung haben Sie scheinbar einen Freipass, denn sämtliche Ihrer Beiträge werden freigeschaltet.
    P.S. Natürlich wird auch dieser Beitrag wie die meisten von mir von der Zenszurabteilung gelöscht.

    • Nadine Binsberger sagt:

      @Schnider 17:45: Es wäre für alle gewinnbringender, wenn Sie sich auf die Inhalte konzentrieren könnten. Ich kann mit persönlichen Urteilen mir und anderen gegenüber nichts anfangen. Was heisst denn „linksextrem“? Ich verstehe mich als Direktdemokratin, Kapitalismuskritikerin und Migrationsbefürworterin. Soeben wurde mir oben vorgeworfen, ich würde rechtsnationalen Kreisen in die Hände spielen…

      Ich bin überzeugt davon, dass Ihre Beiträge sofort alle freigeschaltet werden, wenn sie sich aufs inhaltliche konzentrieren. Zudem: es kam auch schon vor, dass meine Beiträge nicht erschienen. Mir ist absolut schleierhaft weshalb, aber es ist manchmal so.

  • Urs sagt:

    Wie man die Leistungslosen und Steueroptimeirten Einkommen der Finanzwirtschaft abwürgen kann lässt sich nachlesen u.a. hier;

    Wer regiert das Geld?
    Eine Volksinitiative will Revolutionäres: Nur noch die Nationalbank soll Kredite vergeben können.

    http://www.zeit.de/2011/21/CH-Nationalbank-Kredite oder hier;

    Warum die Banken kein Geld mehr schaffen sollten
    Um das System Geld zu entschärfen, gerechter zu machen oder auch radikal abzuschaffen, gibt es verschiedene Wege. Die Vollgeldreform schlägt eine einzelne Massnahme vor. Aber die hat es in sich.

    http://www.woz.ch/artikel/2011/nr20/wirtschaft/20747.html

    und bevor sich einigen hier ob des vermeintlich kommenden Kommunismus die Fussnägel hochrollen und die Haare ergrauen… so schlimm kann es nicht sein, es betrifft ja nur die Finanzwirtschaft wärend die meisten anderen endlich Ruhe haben und ihren Geschäften nachgehen können…

    Die Originalseite ist hier;

    http://www.monetative.ch/

    Mir gefällt das ganze weil es den Finanzräubern Zack ! den Teppich untern den Füssen wegreisst…

    🙂

  • Anh Toan sagt:

    Sehr geehrter Herr Straumann

    Seit ich diesen Blog regelmaessig verfolge, fordern Sie Ausgleichsmechanismen innerhalb der EU. Und nun beklagen Sie den Souverenitaetsverlust? Ausgleichsmechanismen bringen doch zwingend Souveraenitaetsverlust. Griechenland und Co. koennen doch nicht erwarten, von Deutschland und Co.alle paar Jahre wieder saniert zu werden. There is no such thing as a free lunch auch nicht fuer die Griechen, denn den koennten Merkel und Co. ihren Waehlern, nicht verkaufen, zum Glueck moechte ich anfuegen. Wie bei den Banken (hoehere Eigenmittelvorschriften) laesst sich die Sanierung dem Volk nur verkaufen, wenn auch glaubhaft dafuer gesorgt wird, dass es in Zukunft nicht wieder genau gleich passiert. Und dies bedeutet nunmal Souveraenitaetsverlust. Eine Saniierung ohne Veraenderung der Mechanismen die zum Bankrott gefuehrt haben, ist nicht anders, als gutes Geld schlechtem Geld nachzuwerfen.

  • Markus Grimm sagt:

    diese Krise ist v.a. von den oligopolistischen amerikanischen Ratingagenturen und CDS massgeblichtst verursacht worden !

    1. die USA haben bezogen auf die Wirtschaftsleistung viel mehr Schulden als Griechenland
    2. der U$ ist regelrecht am „absaufen“ – die USA, resp. die Welt hat eine DollarKRISE
    3. die USA muessen von der Dollarkrise ablenken und ein Europa Problem kreieren, das kleine Griechenland muss herhalten
    4. durch das „Downgrading“ der griechischen Schulden duerfen die Versicherungen, PKs, Anlagefonds fast keine griechischen Obligationen mehr halten, geschweige denn kaufen – somit wird Griechenland vom Kapitalmarkt ausgeschlossen und logischerweise bewusst (durch die US-Banken, Hedge Fonds, etc. die Insolvenz getrieben)(Goldman kochte die Buecher- jetzt wird stuendlich ein Default vorausgesagt…..)
    5. das „Problem“ ist einfach zu loesen: bei Euro 350Milliarden Schulden zu 5% sprechen wir von Euro17.5M an Zinsen – evtl. braucht hier Griechenland etwas Subventionen – that’s it
    6. da Griechenland unfair vom Kapitalmarkt ausgeschlossen wurde (die Politik hat es verpasst diesen Rating- und CDS Machenschaften einen Riegel zu schieben) soll die EU/EZB, etc. auch die Kredite stellen.

    • peter claudemir sagt:

      WOW! Die USA haben die die Krise in Griechenland kreiert… Bitte erklären Sie uns Laien, wie das die Amis wieder fertig gebracht haben. Danke im voraus für die Lektion, ihr Peter A. Claudemir

  • Stefan sagt:

    Es fällt mir immer schwerer, das Griechenland-bashing nachvollziehen zu können. Den Artikel von Herrn Straumann finde ich sehr interessant und passend. Derartige Parallelen lassen sich immer wieder beobachten. Ich finde: a) Wie Griechenland funktioniert, wussten die europäischen Nicht-Griechen (Deutsche, Franzosen, Niederländer,…) bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Warum also jetzt die Überraschung und Empörung über Griechenlands „way of life“? b) Europa – allen voran die mitteleuropäischen Staaten – wollten Griechenland in die EU und die Euro-Zone einbinden. Wohl eher aus strategischen und territorialen (die islamische Welt ist sehr nah und die Türken standen schon mal vor den Toren Wiens), denn aus ökonomischen Interessen (soviele Griechen, die ganz viel aus Westeuropa kaufen wollen/können gibt es nicht). c) Ganz Europa wollte in diesem Jahrtausend (2004) die olympischen Spiele in Athen, wissend, dass sich Griechenland derartige Infrastrukturprojekte nicht leisten kann (könnten es die Schweiz und Österreich zusammen?). Jeder wusste, dass sich mit diesem Projekt Griechenland finanziell übernehmen wird (Analogie zu Ägypten und Suez-Kanal). Die Liste liesse sich noch fortsetzen. Europa hat bekommen, was sich die europäischen Politiker wünschten. Dann hat man dafür auch zu zahlen. Es ist verkraftbar. Und jene Banken, welche den europäischen Grossmachtspolitikern nacheiferten, sind zur Mitzahlung verpflichtet. Es scheint mir viel zu billig und einfach, ausschliesslich und permanent auf den Griechen Griechenlands herum zu trampeln.

  • Ueli sagt:

    @Frau Binsberger
    Ihr Feindbild ist die Finanzindustrie, welche an allem Schuld sein soll. Es ist leider ein bischen komplizierter!
    Ich bin auch kein „Freund“ der Banken aber die alte Leier vom „schaffenden“ und „raffenden“ Kapital spielt rechtsnationalistischen Kräften in die Hände und hat mit der Realität nichts zu tun.
    Die griechische, spanische, portugiesische, italtienische Industrie hatte NIE eine reale Chance um mit der deutschen Industrie konkurrieren zu können….vor allem nachdem die Lohnstückkosten in D-Land brutal niedriggehalten worden sind. Aber all die schönen Waren müssen nicht nur produziert, sondern auch verkauft werden. Was macht man nun, wenn die anderen eigentlich kein Geld haben um sich das neue Auto zu bestellen. Richtig! Man leiht es ihnen. Aber wehe, wenn eines Tages Zahlungsunfähigkeit eintritt…
    Sie sehen, dass an diesem Spielchen nicht nur die „bösen Banken“ beteiligt sind, sondern genauso „die liebe Autoindustrie“.

    Übrigens: Demokratie verkommt immer mehr zum Luxusartikel und deswegen müssen sie sich auch keine Sorgen um die schweizer Demokratie machen.

    • Nadine Binsberger sagt:

      @Ueli 12:06: ich habe nie gesagt, dass es überhaupt „schaffendes“ Kapital gebe. Die einzigen, die „schaffen“, sind die arbeitenden Menschen. Kapital kann nicht arbeiten. Trotzdem entziehen uns die Renditeansprüche der Finanzindustrie wertvolle Energie, um die Gesellschaft zu gestalten und aufrecht zu erhalten. Rechtsnationalistische Kreise können sich dadurch vielleicht tatsächlich angesprochen fühlen, aber nicht mehr und nicht weniger als alle anderen Kreise auch.

      Jedenfalls möchte ich mit rechtsnationalen Kreisen überhaupt gar nichts zu tun haben. Meine zahlreichen Äusserungen zu Migrationsthemen sollten das hoffentlich genug deutlich gemacht haben. Wenn nicht, dann hier meine Meinung: nationale Grenzen sind sinnlose Projektionen. Jeder Mensch kommt zur Welt und hat das Recht, überall zu reisen, sich niederzulassen, sich zu bilden, zu arbeiten, sich Freunde zu machen, politisch sich zu äussern und sich zu betätigen, …und auch wieder einmal weiter zu ziehen. Jedes Hindernis dazu ist eine niemals gerechtfertigte Anmassung derjenigen, die dieses Hindernis konstruieren. Migration ist ein Menschenrecht, völlig unabhängig von den Motivationen dazu. Der Mensch ist von seiner Geschichte her ein Völkerwanderer. Menschen innnerhalb von Verwaltungsgrenzen gefangen zu halten oder sie auszuschliessen, ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit und widerstrebt jeglichem Freiheitgedanken. Sesshaftigkeit soll zwar erlaubt sein. Aber niemand darf dazu gezwungen werden.

      • Urs sagt:

        Auf der anderen Seite werden mehr und mehr Menschen u.a. wegend er Ungleichheit der Wohlstandsverteilung zur Migration gezwungen… Nicht mit Vorschriften und Gesetzen, vielmehr durch Politische und/oder Oekonomische Zwänge… und das nicht nur in Afrika sondern auch in Europa.

        Dies alles unter der Doktrin das solange alles flexibiliert und liberalisert wird es allen danach nur besser gehen kann. Meiner Ansicht nach ist genau das Gegenteil eingetreten…. Die einzigen aber die nicht Regelbefreit worden sind, sind die Kapitaleigner i.e. Investoren die ihre Investitionen mit Mehtoden und in Bereichen absichern können von denen ein normaler Menschen leider keine Vorstellung hat… möglich machen das dann etwa Privatiserungen… der Ausverkauf der letzten Systeme die noch als Eigentum der Bevölkerung angesehen werden können…

        und viele nehmen die Investoren noch in Schutz anstatt die Menschen die über den Tisch gezogen worden sind… siehe alle technisch bankrotten EU Nationen…

  • Danke Hr. Straumann für den aufschlussreichen Blick in die Vergangenheit. Ich kann mich Ihrer Sichtweise nur anschliessen.

    Die europäische Gesellschaft steht vor absolut grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen: kann die demokratische Souveränität eines Landes durch private Finanzinteressen ausgeschaltet werden? Selbst in der Schweiz ist das kurzzeitig geschehen: Notrecht zwecks UBS-Rettung. Ist Wirtschaft Privatsache oder geht sie alle etwas an? Wenn Wirtschaft die ganze Gesellschaft etwas angeht: müsste sie dann nicht demokratisch strukturiert sein, anstatt von privaten Finanzinstituten diktiert?

    In Griechenland wehrt sich ein grosser Teil der Zivilgesellschaft gegen den politischen Souveränitätsverlust. In Spanien fordern grosse Teile der Zivilgesellschaft eine „echte Demokratie“. Demokratie und Kapitalrendite widersprechen sich rasant zunehmend. Das sieht man auch daran, dass höchst undemokratische Länder wie zB China die grössten „Hoffnungsträger“ für Investoren geworden sind.

    Für Europa stellt sich die grundlegende Frage: Demokratie oder Kapitalismus? Für die Schweiz stellt sich dieselbe Frage, nur deutlich pointierter. Denn wir sind Weltmeister in beiden Bereichen. Ich vermute, Europa wird sich für Demokratie entscheiden. Und die Schweiz wird eine kapitalistische Insel werden, dh eine undemokratische, asiatisch-arabische Exklave im Herzen Europas: Tresor für asiatische Neureichste und Ferienresort für arabische Scheichs. Die beste Armee der Welt benötigen wir deshalb, wiel wir diese Schätze vor dem europäischen Mob schützen müssen. Finanziert wird unsere Armee dann selbstverständlich nicht mehr von den Steuerzahlern, sondern von den Nutzniessern dieser „Dienstleistung“.

    Wollen wir das wirklich? Ich nicht! Echte Demokratie jetzt!
    http://www.echte-demokratie-jetzt.de/aktionen/

    • lorenzo ciliberto sagt:

      Sie sehen das absolut richtig Frau Binsberger. Die Saudischen Könige haben sich ja bereits ihr Exil am Genferasee bauen lassen, auf Landwirtschaftsland notabene. Wir sind doch so stolz, dass wir uns über jeden Baum der gefällt werden soll an der Urne äussern dürfen. DIe wirklich wichtigen Fragen scheint unsere Gesellschaft jedoch nicht zu interessieren.

    • Pascal Meister sagt:

      Die Schweiz hat immer noch mehr Demokratie als alle anderen Länder rundum – und die Schweiz als Insel, dieses Bild gefällt mir durchaus. Aktionen wie „Demokratie jetzt“ machen vielleicht in Ländern wie Spanien oder allenfalls Deutschland Sinn, aber in der Schweiz?!

    • Anh Toan sagt:

      Demokratie und Kapitalismus schliessen sich also aus, dennoch soll die Schweiz Weltmeister in beidem sein? Wie geht denn dass? ist die Schweiz Weltmeister in beidem, lege dies doch eher Schluss nahe, dass Demokratie und Kapitalismus sich voraussetzen.

      • Nadine Binsberger sagt:

        @Toan 14:10: Die direktdemokratischen Strukturen in der Schweiz sind recht vorbildlich. Es gibt zwar nichtstaatliche gesellschaftliche Zusammenhänge, deren direktdemokratische Strukturen noch vorbildlicher sind. Aber in Bezug auf staatliche Strukturen sind wir tatsächlich Weltmeister. Ich lasse mich jedoch auch gerne eines besseren belehren. Aber: diese tollen Struktzuren erfassen nicht die Wirtschafts-Sphäre, obwohl die Wirtschaft das Rückgrat einer Gesellschaft ist und uns deshalb alle existentiell etwas angeht. Das ist ein grosses Manko, das aber meines Wissens auch noch kein anderer Staat auf der Welt gelöst hat. Die Bewegung „Echte Demokratie jetzt!“ möchte das ändern.

    • Hans Heisenberg sagt:

      Ja, echte Demokratie jetzt!

      Mit Freigeld (Geld frei von Zins) im Sinne von Silvio Gesell könnten wir das Ende der Plutokratie herbeiführen und die Demokratie hätte erstmals eine echte Chance.

      Die Unternehmen müssen heute wegen dem Zinseszinseffekt (exponentielles Wachstum) immer mehr Geld erwirtschaften und natürlich sind die Unternehmen auf Exporte angewiesen, auch nach Griechenland.

      Freigeld wirkt umweltschonend, da nicht minderwertige, kurzlebige Waren produziert werden müssen. Heute werden beispielsweise Textilien in leichte Säurebäder gelegt, damit sie schneller reissen.

      Die Natürliche Wirtschaftsordnung nach Silvio Gesell ist auch gerechter, da einer das Weltgeschehen diktierende Oligarchie (Rockefeller, Rothschild, Morgan, Du Pont, Harriman, Vanderbilt etc.) durch einen natürlichen Kapitalabfluss die Macht genommen würde.

      Global denken und regional handeln!

      Buchtipp: „Regionalwährungen: Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand“

      • Thomas Ernst sagt:

        @Hans Heisenberg: „Die Unternehmen müssen heute wegen dem Zinseszinseffekt (exponentielles Wachstum) immer mehr Geld erwirtschaften und natürlich sind die Unternehmen auf Exporte angewiesen, auch nach Griechenland. “

        Das ist natürlich blühender Unsinn. Als Unternehmen benötige ich Kredit, wenn ich zwar eine Investitionsidee habe, aber (noch) nicht das Geld dazu. Funktioniert meine Idee wie geplant, mache ich damit Gewinn. Davon bezahle ich a) die Zinsen, b) das Kapital zurück und behalte c) den Rest in der Kasse. Es gibt keine inhärente Notwendigkeit zum Wachstum, linear oder exponentiell.

        Wer hingegen – wie die Griechen und leider viele Privathaushalte – den Kredit verkonsumiert, d.h. Dinge kauft, die nachher entweder weg sind (wie Lebensmittel), die kaputtgehen (wie Kleider), oder die weiteres Geld kosten (wie Autos), der kommt die die Spirale.

        Auch ist es Unsinn, zu behaupten, dass alle Unternehmen auf Exporte angewiesen sein. Quark! Die allermeisten Unternehmen in der Schweiz sind KMU die lediglich den lokalen Markt bedienen und keinerlei Exporte machen (müssen).

        Wer seine Argumentation auf solchem Blödsinn aufbaut, braucht sich nicht zu wundern, wenn er/sie nicht ernstgenommen wird – und seine Buchtipps genauso wenig…

    • Wobbegong sagt:

      Herzlichen Dank für ihre kompetenten Kommentare, die Aufrufe und den Link.
      Sie sind mir schon einigen Male aufgefallen. Sie tun das Richtige, weiter so!

  • Mark sagt:

    Übrigens, was ist mit dem Titel passiert? GriechENDland – Freudscher…?

  • Bellevue sagt:

    Die Griechen sind schon jetzt auf der Strasse und in den Banken um ihre Ersparnisse abzuziehen. Eine Neo-kolonialistische Einmischung würde zur definitiven Revolte und wahrscheinlich einem Militärregime führen. Lasst sie umschulden und aus dem EURO raus.

  • Michael Kummer sagt:

    Sie erzählen die Geschichte nicht ganz zu Ende. Die Besetzung Aegyptens 1882 war nicht der Schlusspunkt des Viktorianischen Liberalismus. Die Kolonialisierung fand Ihr Ende 1914, mit bekanntem Ausgang. Das Bündnis der EU gleicht in weiten Teilen dem Vertrag zwischen Grossbritannien und seinen Kolonien. Und die Geschichte lehrt uns, was geschieht, wenn ein Vertragspartner die Abmachungen nicht einhält.

    • Pascal Meister sagt:

      Oh, eine Erkenntnis: die EU als Kolonialvertrag – da hoffe ich bloss, dass sich die Schweiz noch lange nicht als Kolonie anschliesst…!

      • Daniel Hugentobler sagt:

        Ob die Ideologie Kaolonialismus oder Neoliberalismus heisst, ist im Grunde genommen gleichgültig. Seit jeher gilt: wer in der Schuld ist, ist nicht frei. Wer nicht frei ist, wird beherrscht. Wer ist der Herrscher? In dieser Hinsicht hat sich die Menschheit in den letzten paar hundert Jahren überhaupt nicht weiterentwickelt und taumelt stattdessen alle paar Generationen von Krise zu Krieg.

  • Hans sagt:

    Was wäre denn die Alternative? Die Griechen selbständig weiterwursteln lassen?

  • Nennen Sie doch bitte mal die Namen der verzweifelten „Gläubiger“. Die 3 bis 4 Großbanken werden doch wohl nichts dagegen haben oder ?

    • Teuro sagt:

      Nicht Grossbanken haben das Problem, sondern vor allem Landesbanken, die EZB und somit schlussendlich die Staaten

      • Markus Schneider sagt:

        Und wir alle haben ebenfalls ein Interesse daran, da unsere Pensionskassen (und teilweise auch wir selbst) in diese Grossbanken investiert haben.

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