Schnapsidee Euro-Anbindung

Noch nicht dasselbe.

Die Vorschläge, wie die Schweiz mit dem starken Franken umgehen soll, werden zunehmend bizarrer.

Das Problem dahinter ist simpel: Wir können von uns aus nicht viel dagegen tun, wie die jüngsten Versuche der Nationalbank SNB gezeigt haben, den Euro gegen Franken aufzukaufen und damit die eigene Währung zu schwächen. Der Euro ist weiter abgesackt und dank der dadurch mit Euro vollgestopften Bilanz schreibt die SNB milliardenschwere Buchverluste. Jetzt wird die Nationalbank deswegen von Politikern und Presseerzeugnissen geprügelt. Dabei hat sie nur vergeblich versucht, was alle gefordert haben: den Franken zu schwächen. Auch die Kantone zittern bereits um den Gewinnanteil, den sie jährlich von der Notenbank erhalten, obwohl deren Zweck eigentlich gar nicht darin besteht, Gewinne zu schreiben.

Bizarr ist zum Beispiel der Vorschlag, den Devisenhandel der Schweizer Banken zu beschränken. Bizarr deshalb, weil das von einem tiefgreifenden Missverständnis zu den Ursachen der Probleme um den Euro zeugt und von einer Überschätzung des Einflusses der Schweizer Banken auf den Frankenkurs – hier die Details.

Hier mehr zum anderen Vorschlag – vorgebracht vom Ex-SP-Präsidenten Peter Bodenmann und dem Gewerkschaftsbund: den Franken an den Euro anzubinden – zumindest temporär.

Erstmals – je temporärer, desto wirkungsloser. Wenn auf den Märkten klar ist, dass die Nationalbank heute mit Eurokäufen interveniert, um morgen den Franken wieder ansteigen zu lassen, passiert mit den Wechselkursen nicht viel. Die Erklärung dazu ist dieselbe wie bei einer hypothetischen Voraussicht über die Aktienkurse der Zukunft.

Die Stärke des Frankens ist vor allem eine Schwäche des Euros – oder genauer:  ein Zeichen für die Krise in der Währungsunion. Worin liegt der Sinn, die Schwäche zu imitieren? Die Stärke des Schweizer Frankens ist kein Krisenphänomen – sondern im Gegensatz dazu Ausdruck der Stärke und des Vertrauens in die hiesige Wirtschaft.

Der Vertrauensvorschuss ist nicht bloss eine Grösse fürs nationale Gemüt. Er zeigt sich auch in einer zentralen wirtschaftlichen Grösse: dem Zinsniveau. Selbst das europaweit beneidete tiefe deutsche langfristige Zinsniveau ist aktuell rund doppelt so hoch wie das in der Schweiz. Würde die Schweiz den Franken für die Märkte glaubhaft an den Euro anbinden, würden die Zinsen sich denen in Deutschland angleichen, gerade weil der Währungsunterschied und die erwartete Geldpolitik keine Rolle mehr spielen würden. Höhere Zinsen bedeuten geringere Investitionen. Und ja, mit den guten Jahren für die Hypothekarschuldner wärs dann auch vorbei, für einige wohl auch mit dem Eigenheim. Die Bauarbeiter würden ihrer Gewerkschaft gratulieren!

Immerhin, der Notenbank kann dann niemand mehr für irgendwas einen Vorwurf machen. Ganz einfach, weil sie ihre Unabhängigkeit aufgeben müsste, denn das bedeutet die Anbindung einer Währung an eine andere. Die SNB würde faktisch zur Filiale der Europäischen Zentralbank EZB: Sie müsste die Geldversorgung, beziehungsweise die Leitzinsen stets nach dem richten, was die Euro-Währungshüter in Frankfurt tun, denn sonst würde der Franken entweder auf- oder abgewertet. Wir könnten nur hoffen, dass sich unsere Konjunktur gerade so entwickelt, dass die Leitzinsen der EZB hierzulande nicht in eine Rezession oder in eine Inflation münden. Dagegen könnte dann die Nationalbank nichts mehr tun. Und die EZB will und darf sich nicht nach dem freiwilligen Anbindungsland Schweiz richten.

Das wahrscheinliche Szenario einer baldigen Anbindung wäre natürlich eine steigende Inflation, denn die Forderung nach einer Anbindung macht ja nur Sinn, wenn der Franken zu einem tieferen Kurs als jetzt an den Euro gebunden wird. Um ihn zu schwächen, müsste die SNB daher die Geldmenge aufblasen – etwa über weitere Eurokäufe, tiefere Leitzinsen sind nicht mehr möglich. Ein zu starker Franken ist zwar für viele Exporteure fraglos schmerzhaft und für einige existenzbedrohend (und dadurch ein echtes Problem für die hiesige Konjunktur). Für die Bewohner des Landes bedeutet er aber eine erhöhte Kaufkraft, wie jeder als Tourist im Ausland heutzutage freudig feststellen wird. Damit wäre es vorbei.

Fast hätte ich die Banken vergessen. Die müssen irgendwie das zerrinnende Bankgeheimnis wett machen. Ein Finanzplatz mit einer stabilen unabhängigen Währung ist keine schlechte Voraussetzung als Ersatz dafür. Das würde bei einer glaubhaften Anbindung auch nicht klappen.

Übrigens hat das mit den Anbindungen historisch mehr schlecht als recht funktioniert. Das gilt ganz besonders für die Versuche in Europa (hier und hier). Auch deshalb hat man dort nationale Währungen abgeschafft und sie durch den Euro ersetzt.

Wieso fordern die Anbindungsfreunde also nicht gleich die Einführung des Euro?

Mit dem teuren Franken wärs dann glaubhaft und definitiv vorbei.

Wollen wir das?

Nachtrag:

Von Kommentatoren und auch in der öffentlichen Debatte werden immer wieder die radikalen Massnahmen der Nationalbank aus den 70er Jahren gegen ein Frankenhoch angesprochen – zum Beispiel die Negativzinsen. Das war Thema dieses Blogbeitrags. Die Schlussfolgerung: Die Bemühungen haben ihr Ziel verfehlt.