Eine kleine europäische Geschichte

A woman walks in front of a closed shop with a banner reading, "due to final closure discounts up to 60, 70, 80, 90 per cent", in Milan, Italy, Wednesday, Oct. 10, 2012. The most troubled European nations remain gripped by dismal economies. Unemployment in the eurozone as a whole is 11.4 percent. Greece, Spain, Italy, Cyprus, Malta and Portugal are in recession. (AP Photo/Luca Bruno)

Die Eurokrise hat ganz konkrete Folgen: Eine Frau läuft in Mailand an einem geschlossenen Geschäft vorbei, 10. Oktober 2012. (AP Photo/Luca Bruno)

Die Eurokrise ist ein abstraktes Thema. Versuchen wir es daher mal mit einer kleinen europäischen Geschichte. Sie mag zufällig gewählt sein und erhebt keinen Anspruch darauf, alles zu erklären. Und doch erhellt sie einiges.

Millionen von Personen spielen in der Geschichte mit, aber lassen wir sie mit einem Mann mit dem irgendwie niedlich klingenden Namen Giorgio Squinzi beginnen.

Giorgio Squinzi ist ein Schwergewicht in Italien. Er ist Präsident des mächtigen Arbeitgeber- und Industrieverbandes Confindustria, also ungefähr das italienische Pendant zur Economiesuisse. (Wobei böse Zungen anmerken würden, dass die Confindustria in ihrem Land noch ernst genommen wird. Aber glücklicherweise gibt es im NMTM-Blog keine bösen Zungen.)

Dieser Giorgio Squinzi also hat letzte Woche an der Jahresversammlung der Confindustria gewarnt, der industrielle Norden des Landes, der aus Hunderttausenden von kleinen und mittelgrossen Unternehmen besteht, stehe «am Rand des Abgrunds». Italien – das Land steckt übrigens seit 21 Monaten in der Rezession – drohe um ein halbes Jahrhundert zurückgeworfen zu werden, warnte Squinzi. Heftige Worte. Bereits wenige Wochen zuvor hatte er in einer Rede erwähnt, gegenwärtig meldeten in Italien pro Tag tausend Unternehmen den Konkurs an.

Italiens Wirtschaftsstruktur ist, gerade etwa im Vergleich zu Spanien, ausserordentlich vielseitig. Nehmen wir für die Zwecke unserer kleinen Geschichte einen auf den ersten Blick wohl profanen Sektor: Haushaltgeräte. Wer hätte gedacht, dass Italien noch im Jahr 2007 der weltweit drittgrösste Hersteller von schweren Haushaltsgeräten (hinter China und den USA) war? Im Jahr 2007 war die Haushaltgeräte-Branche der zweitgrösste private, industrielle Arbeitgeber des Landes, hinter der Automobilproduktion (gemäss Euromonitor).

Hier nun eine sehr erhellende Grafik, die zeigt, was seit 2007 geschah (Quelle: Euromonitor):

Im Jahr 2007 wurden in Italien noch rund 35 Millionen Backöfen, Kochherde, Kühlschränke und dergleichen hergestellt (dunkelblauer Balken ganz links). Im Jahr 2012 waren es weniger als 17 Millionen.

In etwa dem Umfang, wie Italien verloren hat, haben im beobachteten Zeitraum zwei Länder zugelegt: die Türkei und Polen.

Wir massen uns nicht an, Spezialisten der Haushaltgeräte-Branche zu sein. Aber es darf angenommen werden, dass deren Produktion recht arbeitsintensiv ist und diverse Zulieferer im Land ernährt.

Hier eine zweite Grafik, die Italiens Verlust mit etwas mehr Detailnähe zeigt (Quelle: Euromonitor):

Die Qualität der Grafik ist etwas schlecht, aber für unsere Geschichte von Belang sind nur die untersten, dunkelgrauen Flächen der Balken. Sie zeigen die Anzahl Haushaltsgeräte, die namhafte Hersteller in den Jahren 2007 respektive 2012 in Italien gefertigt haben. Alle, von Electrolux über Whirlpool bis zur Franke-Gruppe, haben ihre Produktion über diesen Zeitraum gedrosselt, in andere Länder verlagert und in Italien Werke geschlossen. (Die zweitunterste, dunkelorange Fläche zeigt übrigens den Aufbau in Polen.)

Ganz rechts in der Grafik steht die Firma Antonio Merloni SpA, die im Jahr 2007 immerhin der fünftgrösste Hersteller von Haushaltgeräten in Italien war. Im Jahr 2012 ist kein Balken mehr abgebildet. Es wird auch kein Balken mehr wachsen. Über Antonio Merloni SpA wurde in der Zwischenzeit ein Konkursverfahren eröffnet.

Und, wie Squinzi warnte: Das Sterben geht weiter.

Anmerkung: Diese kleine, zufällig gewählte europäische Geschichte aus Italien ändert freilich nichts an unserer Meinung, dass der wahre kranke Mann Europas ein anderer ist.

Hier noch einige Links zum Wochenende:

  • Falls Sie sich für die Börsen interessieren: Schauen Sie dieses Video. Der Investmentmanager Grant Williams liefert darin eine schonungslose Abrechnung mit allem, was an den Weltfinanzmärkten derzeit schief läuft.
  • Hier, als Amusement, die Statistik der diesjährigen Abgänger an der Harvard-Universität. 15 Prozent von ihnen werden in der Finanzbranche arbeiten gehen. Im Jahr 2007 waren es 47 Prozent.