Der Euro und das «Exorbitant Privilege»

Der ehemalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet, St. Gallen am 3. Mai 2012. (Keystone)

Die Euro-Elite war bessesen von der Idee, den Dollar vom Podest zu verdrängen: Jean-Claude Trichet, Ex-EZB-Chef (Keystone)

Jean-Claude Trichet hat klargemacht, woran die Euro-Idee von Anfang an gekrankt hat: An Grossmachtsphantasien.

Gleich zu Beginn einer äusserst spannenden Tagung des «UBS International Center of Economics in Society – einer Zusammenarbeit zwischen Universität Zürich und UBS – hat Jean Claude Trichet, vormals Chef der Europäischen Zentralbank EZB sich sozusagen offenbart. In seinem Eingangsreferat (noch nicht verfügbar) hat er bekannt, weshalb er und ein grosser Teil der Euro-Elite über die letzten zwanzig Jahre die inneren Widersprüche im Eurosystem und die Krise seit 2010 nie verstanden haben.

Ok. Das Eingeständnis war nicht wirklich seine Absicht. Ganz im Gegenteil hat sich Trichet darum bemüht, den grossen Erfolg der Gemeinschaftswährung aufzuzeigen. Erfolg? Nein, Trichet verlor kein Wort über die Eurokrise, sein einziger Massstab war der Vergleich zum US-Dollar. Im Vergleich zu dem hätte der Euro zugelegt, im Vergleich zu den USA kämen Europäer und ihre Währung gut weg. Die US-Währung hätte ihre ausserordentlichen Privilegien («Exorbitant Privilege») eingebüsst und werde sie auch zugunsten des Euro in kürzester Zeit weiter einbüssen. Auf eine Publikumsfrage zu den Problemen der EZB mit maroden Staatsanleihen verwies Trichet wiederum schnurstracks wieder auf die USA, deren Notenbank hier noch übler dran sei.

Dass der US-Dollar tatsächlich kein «Exorbitant Privilege» mehr geniesst und die Macht dieser Währung bald gebrochen wird, halte ich für eine komplette Fehlanalyse und einen europäischen Wunschtraum. Der Ökonom und Währungshistoriker Barry Eichengreen bringt das in seinem Buch  mit dem passenden Titel «Exorbitant Privilege» perfekt auf den Punkt. Der Einfluss des Dollars werde zwar weiter abnehmen, doch das sei ein langsamer Prozess. Gerade der Umstand, dass keine echte Alternative zur Verfügung steht, verzögert diese Entwicklung erst recht: Der chinesische Yuan Renminbi kann nicht frei gehandelt werden und die Zukunft des Euro bleibt offen, so lange die Eurokrise anhält – und eine Lösung zeichnet sich dort nicht ab.

Die Fehlanalyse zur Rolle von Euro und Dollar ist aber nicht das grösste Problem. Viel schlimmer ist, dass die europäischen Eliten durch den Minderwertigkeitskomplex gegenüber den USA und wegen dem Ziel, mit der neuen Währung die Weltmacht des Dollars zu brechen, Warnungen zum brüchigen institutionellen Unterbau der neuen Währung in den Wind geschlagen haben. Diese Brüchigkeit war ausgiebig Thema dieses Blogs.

Dass eine Reihe von US-Ökonomen schon seit den 1990er-Jahren – nach dem Maastricht-Entscheid zur Währungsunion –  bereits auf die zahlreichen institutionellen Mängel hingewiesen haben, glaubte die Euro-Elite als Missgunst der Amerikaner gegenüber der neuen Konkurrenzwährung abtun zu können. Ein prägnantes Beispiel dafür war eine Studie der Europäischen Kommission von Dezember 2009 – unmittelbar vor Ausbruch der Eurokrise. Der Titel lautete «The euro: It can’t happen. It’s a bad idea. It won’t last. US economists on the EMU, 1989 – 2002». Das war nicht im Sinne eines Eingeständnis gemeint – wie es aus heutiger Sicht nach bald drei Jahren Krise ohne Aussicht auf eine Lösung scheinen könnte. Da klang Überheblichkeit durch: Seht her, wie falsch doch die Amerikaner gelegen haben. Hier aus dem «Abstract»:

We find it surprising that economists living in and benefiting from a large monetary union like that of the US dollar were so sceptical of monetary unification in Europe. We explain the critical attitude of US economists towards the single currency by several factors: first, the strong influence of the original optimum currency area theory on US analysis, leading to the conclusion that Europe was far from an optimal monetary union; second, the use of a static ahistorical approach to study monetary unification by comparing the full-fledged US monetary union with Europe prior to monetary unification, in this way failing to see monetary unification as an evolutionary process; third, the failure to identify pegged exchange rate regimes in Europe as the alternative to a single European currency; and fourth, the belief that the single currency for Europe was primarily a political project that ignored economic fundamentals, thus dooming the single currency to collapse.

Wie recht doch «die Amerikaner» gehabt haben: Die Eurozone ist alles andere als ein optimaler Währungsraum – weiter weg davon als die Schweiz – und es hat bisher auch keinen evolutionären Prozess dahin gegeben und ja, die europäische Einheitswährung war von Beginn weg ein politisches Projekt, das die ökonomischen Grundlagen ignoriert hat und nach wie vor ignoriert – weshalb ihm immer mehr auch die wichtigste politischen Grundlage – die Akzeptanz der betroffenen Bevölkerungen – entgleitet.

Zweifel am aktuellen institutionellen Konstrukt der Eurozone beschränken sich übrigens nicht auf die amerikanischen Ökonomen, das hat die eingangs erwähnte Ökonomentagung wieder deutlich gezeigt. Sie entspringen der ökonomischen Logik.