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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Weltmeisterschaft’

Die skurrilste Zeitmess-Panne

Guido Tognoni am Mittwoch den 27. Februar 2019

Wie lange noch? An der WM 90 gabs noch keine elektronischen Zeitangaben. (Foto: iStock)

Das Zeitnahme-Theater bei den Weltcuprennen in Crans-Montana ist peinlich. Peinlich im Jahr 2019 und besonders peinlich für das Land der Uhrmacher. Wir sind ja nicht Nordkorea. Aber Pannen kommen vor.

Blenden wir 29 Jahre zurück. WM-Endrunde in Italien. Europa steht unter dem Hooligan-Schock, und die Fifa verbannt Englands Nationalmannschaft für die Vorrunde nach Sardinien. Die italienische Regierung erlässt während der Spieltage ein völlig überrissenes Alkoholverbot über das ganze Land, das erstaunlicherweise weitgehend eingehalten wird. Der gebotene Fussball ist ziemlich trostlos, aber das italienische Wetter und die gute Stimmung sorgen für eine schöne WM. Die Zuschauer stehen im Bann von grossartigen Spielern wie Diego Maradona, Roberto Baggio und Lothar Matthäus, alle im Zenit ihres Könnens. «Un’ estate italiana», der schönste WM-Song aller Zeiten mit Gianna Nannini und Edoardo Bennato, klingt in allen Radios und Stadien.

Italia 90 ist die erste WM mit mobilen Telefonen, schwere, unförmige Dinger, aber sie funktionieren. Ich stehe in Neapel am Spielfeldrand und rufe spasseshalber einen Freund an, der in Baden am Bildschirm sitzt. «Siehst du mich?» – «Ja, ich sehe dich, aber warum zum Teufel spielt ihr noch?» – «Was ist denn los?» – «Ihr spielt schon 8 Minuten zu lang!», schreit der Freund ins Telefon. Ich verstehe gar nichts, denn die Fifa lässt die Matchuhren nach 45 Minuten stoppen, und elektronische Anzeigen gibt es noch nicht. Was ein Videobeweis ist, weiss noch kein Mensch, und auf dem Feld spielen Italien gegen Argentinien. Napolis Maradona gegen den Gastgeber Italien, und dies in Neapel. Niemand schaut auf die Uhr.

Ein Schiedsrichter in Trance – und keiner merkts

Schiedsrichter Michel Vautrot schaut auf die Uhr, aber er merkt nicht, dass sie stillsteht. Der Franzose ist zu dieser Zeit der vielleicht beste seines Fachs und wurde deshalb nicht für den Final, sondern für diesen brisanten Halbfinal aufgeboten. Er ist wie in Trance, völlig absorbiert vom Spiel und den 60’000 Zuschauern im Stadion San Paolo. Er sieht und merkt nicht, dass sein Linienrichter Peter Mikkelsen verzweifelt ständig Zeichen geben will und mit dem Zeigefinger auf seine Uhr tippt. Michel Vautrot lebt sein eigenes Spiel. Irgendwann pfeift er ab, viel zu spät.

Phänomenal war, dass diese unendlich anmutende Überzeit in ganz Italien von niemandem bemerkt wurde, weder von den Zuschauern noch von den Journalisten und schon gar nicht vom Schiedsrichterinspektor. Und zum Glück für Michel Vautrot passiert in dieser Phantomphase nichts, kein Tor, kein umstrittener Entscheid, keine turbulente Szene. In der Garderobe merkt er, dass er auf seiner Uhr die Stopptaste gedrückt und nicht wieder gelöst hat.

Das Spiel endete nach Toren von Toto Schillaci und Claudio Caniggia 1:1, Argentinien gewann das Elfmeterschiessen. Und Michel Vautrot blieb der Tiefpunkt seiner glanzvollen Karriere als Schiedsrichter erspart. Ein Tiefpunkt, der sein Geheimnis blieb.

Warten auf Vladimir

Guido Tognoni am Mittwoch den 18. Juli 2018

Schweigen ist nicht genug: Vladimir Petkovic ist seit der Niederlage gegen Schweden verschwunden. (Foto: Getty Images)

Mit dem absurden Theaterstück «Warten auf Godot» hat sich der Dramatiker Samuel Beckett vor über 60 Jahren Weltruhm verschafft. Seine beiden Figuren Estragon und Vladimir warten einen Theaterabend lang auf Godot, der nie kommt. Es ist ein Werk der Literatur, das viel Deutungsspielraum offenlässt.

Unsereiner wartet nicht auf Godot, sondern auf Becketts Hauptdarsteller Vladimir. Und der Deutungsspielraum ist viel enger als bei Beckett. Wir warten auf Vladimir Petkovic, eine Figur des Welttheaters namens Fussball. Vladimir ist weg, seit dem eher unrühmlichen Ausscheiden aus dem WM-Turnier in Russland, er ist nirgends zu finden, und es drängt sich die Frage auf, was denn der Schweizer Nationalcoach dieser Tage tut. Ist er auf den Malediven beim Untertauchen oder sinniert er auf einem Doppeladlerhorst über seine Zukunft? Will Vladimir Petkovic etwa ins Kloster? Ist ihm die Niederlage gegen Schweden so nahe gegangen, dass er seine persönliche Balance wieder suchen muss? Kann der Verband, dessen selbstverschuldete Erschütterungen allmählich verebben, seinen bestbezahlten Angestellten nicht dazu anhalten, für einige Hunderttausend Fussballfans ein paar persönliche Gedanken zum Turnierverlauf seiner Mannschaft zu erläutern?

Auf ein Wort

Vladimir Petkovic war noch nie ein Lautsprecher. Seine eher dezenten, wohl abgezirkelten Stellungnahmen haben sich immer wieder wohltuend vom allgemeinen Fussballgeschwätz abgehoben. Das Reden in der Öffentlichkeit ist offensichtlich nicht Petkovics Stärke, und das muss es auch nicht sein. Aber zu einer WM-Endrunde gar nichts sagen ist zu wenig, wie enttäuscht ein Trainer auch sein mag. Schweigen ist in diesem Fall alles andere als Gold. Es geht bei unserem Vladimir nicht wie bei Beckett gleich um den Sinn des Lebens. Aber es geht immerhin um die liebste Freizeitbeschäftigung der Einwohner jenes Landes, das mit Vladimir und seiner Mannschaft gefiebert hat.

Ein Wort wäre ein Wort. Für Ferien, Besinnung und Selbsterkenntnis würde einem Nationalcoach auch nach einer Medienkonferenz immer noch ausreichend viel Zeit verbleiben.

Wie Blatter die WM 2002 rettete

Guido Tognoni am Donnerstag den 7. Juni 2018

Die Lösung für das WM-2002-Problem hiess für den damaligen Präsidenten Sepp Blatter: Urs Meier. (Foto: Valerie Pinauda)

Jede WM-Endrunde bringt ihre besonderen Geschichten hervor. 1986 in Mexiko beispielsweise Maradonas unvergessliche «Hand Gottes» im Spiel gegen England, 1990 in Italien die Tränen Paul Gascoignes, 1994 in den USA Roberto Baggios Elfmeter in den Nachthimmel von Los Angeles, 1998 die unerklärliche Passivität Brasiliens im Endspiel gegen Frankreich, 2014 das monumentale 1:7-Debakel Brasiliens gegen Deutschland, als die Brasilianer schon bei der Nationalhymne vor dem Spiel zu heulen begannen.

Dazwischen lag 2002 mit dem wundersamen Durchritt der südkoreanischen Mannschaft. Sie beendete vor einheimischem Publikum die Gruppenspiele an erster Stelle. Danach schlug sie in den Achtelfinals Italien und warf in den Viertelfinals gleich auch noch Spanien aus dem Turnier. In beiden Partien spielten die Schiedsrichter eine höchst unrühmliche Rolle. Der später als Drogenschmuggler verurteilte Byron Moreno aus Ecuador benachteiligte Italien krass, der Ägypter Gamal Mahmoud Abdel Ghandour tat danach das Gleiche mit Spanien. Das deutsche Magazin «Focus» schrieb vom «Festival falscher Pfiffe».

Was war da los?

Die WM in Japan und Südkorea war vom Zeitpunkt der Vergabe an politisch belastet. Der damalige Fifa-Präsident João Havelange hatte die Endrunde 2002 längst Japan versprochen, doch die Europäer wollten diesen Alleingang des Brasilianers nicht akzeptieren und unterstützten im Exekutivkomitee den Südkoreaner Chung Mong-joon. Japan musste zähneknirschend in eine geteilte Endrunde mit dem Erzrivalen Südkorea einwilligen, um das Turnier nicht ganz zu verlieren.

Chung Mong-joon war zu dieser Zeit nicht nur Präsident des südkoreanischen Verbandes, sondern wollte das Land auch als politischer Präsident führen. Um seine Präsenz am Fernsehen zu erhöhen, begrüsste er wenn immer möglich die Mannschaften auf dem Feld, und da auch die anderen Mitglieder des Exekutivkomitees der Fifa sich diese Chance nicht entgehen lassen wollten, mussten die Spieler während des ganzen Turniers vor dem Anpfiff Händedrucke von ihnen völlig unbekannten Funktionären erleiden.

Kein Handschlag, richtiger Entscheid

Was gibt es Besseres für einen Politiker als eine erfolgreiche Nationalmannschaft? Der Durchmarsch der Südkoreaner war für Chung Mong-joon ein Geschenk. Über die Frage, wie dieser Durchmarsch gegen Mannschaften wie Italien und Spanien zustande kam, darf jeder Fussballfan auch heute noch nach Herzenslust spekulieren. Jedenfalls stand Südkorea nach skandalträchtigen Entscheiden der Schiedsrichter im Halbfinal gegen Deutschland. Sollte ein weiteres seltsames Ergebnis bevorstehen, würde es erneut kuriose Schiedsrichterentscheide geben? Diese Situation bereitete Sepp Blatter, der mittlerweile Präsident der Fifa war, einige Sorgen. Ein Finalist oder gar Weltmeister Südkorea wäre ein Ausgang der WM, der zu viele Fragen aufwerfen würde.

Blatter schritt zur Tat und wechselte für das Spiel Südkorea – Deutschland eigenmächtig den vorgesehenen Schiedsrichter aus und Urs Meier ein. Der Schweizer wurde zwar um die Chance des Finalspiels gebracht, verschonte aber dafür das Turnier vor weiteren negativen Schlagzeilen. Südkorea verlor den Halbfinal gegen Deutschland, Chung danach die Wahl zum Präsidenten Koreas. Bei der Verabschiedung der WM-Schiedsrichter gab Chung Mong-joon Urs Meier als Einzigem nicht die Hand. Sepp Blatter hatte richtig gehandelt.

Wie knackt Infantino die Nuss?

Guido Tognoni am Donnerstag den 31. Mai 2018

Im Interessenkonflikt: Fifa-Präsident Infantino wird es kaum allen recht machen können. (Foto: Getty Images)

Am Persischen Golf herrscht weiterhin Psychokrieg. Der von den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) und Saudiarabien angezettelte Wirtschaftsboykott des kleinen Nachbarn Katar ist zwar verpufft und erweist sich als Schuss in das eigene Knie, aber der Streit hat mittlerweile die Fifa erreicht. Das Thema reicht allerdings weit über den Fussball hinaus. Seit Herbst des vergangenen Jahres betreibt Saudiarabien in der Region veritable Fernsehpiraterie, indem zuerst Fussballspiele, dann auch andere Sendungen ohne Rechtekauf vom Satelliten in die Haushalte ausgestrahlt werden. Das Ausmass dieses Rechtsbruchs hebt die bestehende internationale Fernsehordnung aus den Angeln; und weil Fussball fast alle angeht, ist der Fall zu einem Politikum geworden.

Das katarische Fernsehunternehmen BeIn, das zum Al-Jazeera-Netzwerk gehört, hat in jüngster Vergangenheit in grossem und teurem Stil Sportrechte eingekauft, darunter jene der Champions League und der Fussball-WM – auch das eine Quelle des Neides unter den verfeindeten arabischen Brüdern. BeIn heisst übersetzt gewissermassen «sei dabei».

Im Rahmen des Katar-Boykotts stehlen die Saudis seit einigen Monaten nicht nur das Satellitensignal, das die Bilder transportiert, sondern verkaufen die technische Empfangsbox erst noch unter dem provokativen Vermarktungstitel «beoutQ» – «sei ausserhalb Qatar». Der wirtschaftliche Schaden für die Rechtehalter in Doha ist gross und droht noch viel grösser zu werden, wenn dieser Zustand während der WM-Endrunde in Russland andauern sollte, zumal von dieser Piraterie auch die Länder der WM-Teilnehmer Ägypten und Tunesien profitieren würden.

Was macht Fifa-Präsident Gianni Infantino?

Nachdem alle Vermittlungsversuche gescheitert sind, zieht Doha die Notbremse und verklagt die Saudis bei der Fifa. Der Vorteil einer solchen Aktion liegt darin, dass der Fussball schneller und wirksamer reagieren kann als alle herkömmlichen juristischen Verfahren. Was macht nun Fifa-Präsident Gianni Infantino? Die rechtliche Lage ist klar: Infantino müsste die Rechtekäufer aus Katar schützen und Saudiarabien, Ägypten und Tunesien mit Ausschluss aus der WM drohen, sofern die betreffenden Fernsehanstalten die Verträge der Fifa nicht respektieren. Die politische Lage ist weniger klar: Der Fifa-Präsident hat zu den Saudis ein mehr als nur herzliches Verhältnis, dies ungeachtet der Tatsache, dass die WM-Endrunde 2022 in Katar stattfindet. Hinter der geheimnisvollen 25-Milliarden-Offerte für zwei neue globale Wettbewerbe, mit der Infantino den internationalen Fussball aufschreckte und eine scharfe Gegenreaktion von Uefa-Präsident Aleksander Ceferin provozierte, steht auch Saudiarabien.

Dieses Projekt ist vorderhand schubladisiert. Die Fernsehpiraterie von 64 Endrundenspielen der Saudis hingegen kann nicht einfach ausgesessen werden. In zwei Wochen beginnt in Moskau die Weltmeisterschaft, ausgerechnet mit Russland – Saudiarabien. Bis dahin muss Gianni Infantino die politisch harte Nuss geknackt haben.

Schweigen bis 2022

Guido Tognoni am Donnerstag den 12. April 2018

Hat seine schillernde Position im Weltfussball verloren: Mohamed bin Hammam. (Foto: Getty Images)

Es ist ruhig geworden im ehemals umschwärmten Haus in Rayyan, einer Nachbarstadt Dohas. Nur die Strassenmaschinen wühlen, wie fast überall, unaufhörlich auch vor diesem Gebäude, um vor der WM-Endrunde 2022 in Katar alle Schnellverbindungen zwischen den Stadien zu erstellen. Dem Besitzer des Hauses wurde für diesen Strassenbau ein Teil des Grundstücks abgeschnitten. Der Eigentümer hätte an einem anderen Ort ein neues Grundstück erhalten können, doch er wollte bleiben. Stattdessen errichtete der einst prominente Hausherr seinen neuen Madschlis einfach im oberen Stock.

Im Geviert des Madschlis treffen sich im arabischen Raum die Männer zum Gespräch, zum Tee, Kaffee, Klatsch, zum Dattelnessen und Fernsehen. Der Madschlis ist gewissermassen der Stammtisch der Araber. Ab dem Jahr 2000 war dieser Treffpunkt in Rayyan neben der Fifa am Zürichberg das zweite Zentrum des Weltfussballs, denn der Herr dieser Gesprächsrunden war Mohamed bin Hammam (69), zu jener Zeit vielleicht der mächtigste Mann im Weltfussball. Bei ihm, dem Präsidenten der asiatischen Verbände und Mitglied des Exekutivkomitees, liefen die Fäden zusammen. Er hatte 1998 Sepp Blatter zum Fifa-Präsidenten gemacht, er verhalf Deutschland zur WM-Endrunde 2006 und schockierte seinen ehemaligen Freund und nachmaligen Feind Blatter, indem er die WM-Endrunde 2022 nach Katar holte. In dieser Zeit ging bei bin Hammam alles ein und aus: Funktionäre, Politiker, Journalisten, Hochstapler, schmierige Agenten – ausnahmslos Bittsteller, die vom schillernden, zurückhaltenden Araber etwas wollten. Wer sich damals nicht rühmen konnte, in Doha bei Mohamed bin Hammam gewesen zu sein, war fussballpolitisch ein Nichts.

Ein Fixpunkt des Weltfussballs wurde zur Sphinx

Heute ist ausgerechnet Mohamed bin Hammam sportpolitisch bedeutungslos. Zuerst musste er sich nach einem Deal zwischen Sepp Blatter und dem Emir von Katar von der Kampfwahl gegen den Walliser zurückziehen, danach haben ihn Blatters Ethiker wegen Korruptionsgeschichten gleich lebenslang gesperrt. Von einem Tag auf den anderen war Mohamed bin Hammams Madschlis nicht mehr ein Fixpunkt der Fussballwelt. Er hält sich seither an das verordnete Schweigen, und sein ehemaliges Netzwerk hat sich aufgelöst. Wer sich aus einem krummen Ding retten will und bin Hammam mit Verdächtigungen übergiesst, muss nichts befürchten. Bin Hammam hat noch nie viel gesprochen, aber inzwischen ist er zu einer Sphinx geworden. Er lässt alles über sich ergehen und mag auch nicht mit Ermittlern sprechen, etwa zur Aufklärung obskurer Zahlungen rund um Deutschlands WM-Bewerbung, welche die Republik seit Jahren nicht ruhen lassen. Bin Hammam bleibt in seinem Bau und schweigt eisern. Selbst sein Fifa-Konto lässt er in Zürich ruhen, falls es überhaupt noch vorhanden ist. Bin Hammam mag vieles getan und bewirkt haben – am Fussball bereichert hat er sich nie.

Das Schweigen soll bis nach der WM 2022 anhalten. Dann erst möchte Mohamed bin Hammam beginnen, um seine Ehre zu kämpfen. Bis dahin soll die WM in Katar nicht auch noch von Diskussionen um seine Person belastet werden. Es wird um die streitbare WM-Endrunde in der Wüste auch ohne ihn mehr als genug Gesprächsthemen geben.

Und wieder meckern die Torhüter

Guido Tognoni am Donnerstag den 29. März 2018

Gehört zu den bekanntesten Ball-Meckerern dieses WM-Jahres: David de Gea bei einem Spiel in Manchester. (Foto: Getty Images)

Der WM-Ball heisst wieder Telstar, wie schon 1970 in Mexiko. Damals hiess er genau Telstar Durlast, heute Telstar 18. Telstar war ein Satellit, der in den 60er-Jahren eine neue Epoche des internationalen Fernsehens eröffnete, indem via diesen Satelliten Ausstrahlungen über Kontinente möglich wurden. Dass ein Fussball wie der Satellit hiess, war wohl mehr als Zufall: Mit den interkontinentalen Übertragungen, die fast gleichzeitig mit der Erfindung des Farbfernsehens einsetzten, begann die überaus segensreiche Verbindung zwischen Fussball und Fernsehen. Beide haben massgeblich zur gegenseitigen Verbreitung beigetragen und den Fussball zum Milliardenspiel entwickelt. Fussball und Fernsehen sind bis heute eine perfekte Symbiose geblieben.

Adidas, seit 1970 ununterbrochen Lieferant des WM-Balls, hat damals mit dem schwarz-weissen Ball nicht nur ein ausgeprägt fernsehtaugliches Spielgerät, sondern auch eine geometrisch anspruchsvolle Konstruktion entwickelt. Die Kugel wurde von 20 Sechsecken und 12 Fünfecken umfasst. Zudem machte Gummi der Schweinsblase den Garaus. Spätere Modelle hatten Namen wie Azteca, Etrusco, Tango, Questra, Fevernova, Tricolore, Fabulani oder Brazuca und liessen nicht nur beim «Teamgeist» meist unschwer auf das Veranstalterland schliessen. In dieser Hinsicht wäre diesmal Sputnik vielleicht passender als noch mal Telstar. Den ersten Ball mit Ventil gab es übrigens erst 1950 in Brasilien. Zuvor waren Bälle ventillos und – kaum vorstellbar – auch aus Baumwolle. Kunststoff löste später Leder ab. «Das runde Leder» gibt es seit langer Zeit nur noch für die Reporter.

Fifa ignoriert die Meckereien – mittlerweile

Jeder für eine WM-Endrunde neu geschaffene Fussball ist mittlerweile ein Marketinginstrument für Adidas, den Dauerpartner der Fifa. Allerdings läuft die Marketingmaschinerie nicht immer wie geschmiert, denn einige Torhüter spielen nicht wunschgemäss mit. Obwohl der Ball weiterhin rund ist, reklamieren die Ballfänger mit dem ihnen eigenen Reflex alle vier Jahre, dass das neue WM-Modell nicht gut sei. Diesmal haben sich Pepe Reina (Napoli), David de Gea (Manchester United) und André ter Stegen (Barcelona) als bekannteste Meckerer gemeldet. Ter Stegen findet den WM-Ball Telstar 18 «total merkwürdig». Das wird auch in vier Jahren wieder der Fall sein. Bis dahin hat sich die Fussballwelt zwar mit dem total merkwürdigen Spielgerät angefreundet, aber die Torhüter werden vor den Wüstenspielen in Katar 2022 erneut reklamieren, dass der Ball unerwartete Flugeigenschaften habe.

Bei der ersten Fussballweltmeisterschaft 1930 in Uruguay wurden die Reklamationen von der Fifa noch ernst genommen. Aufgrund verschiedener Vorlieben der beiden Mannschaften eröffnete der Schiedsrichter das Endspiel mit dem von Argentinien gewünschten «Tiento» und pfiff die zweite Halbzeit mit dem von Uruguay favorisierten «T-Model» an. Mit dem eigenen Ball machte Uruguay aus einem 1:2 ein 4:2.

Ein WM-Boykott ist keine gute Idee

Guido Tognoni am Donnerstag den 22. März 2018

Derzeit der grosse Bösewicht: Viele wollen Wladimir Putin bestrafen – mithilfe der WM 2018. (Foto: Getty Images)

Wieder einmal sollen Sportler eine Grossveranstaltung boykottieren. Diesmal die Fussball-Weltmeisterschaft in Russland vom kommenden Sommer. Der Ruf wird laut, um Wladimir Putin zu bestrafen, dem die Verantwortung für die Giftattacke auf einen Doppelagenten in England zugeschoben wird. Putin ist zurzeit der grosse Bösewicht, und es gibt einige Gründe dafür, dass ihm diese Rolle zu Recht zugesprochen wird.

Bis jetzt hat Englands Premierministerin Theresa May angekündigt, dass keine Vertreter der Politik an die Endrunde reisen werden. Das ist für Putin keine Strafe, sondern eine Erleichterung; denn die Politiker, die man an einer WM jeweils hegen und pflegen muss, damit sie sich auf der Ehrentribüne dem weltweiten Publikum darstellen können, sind organisatorisch nichts anderes als eine Strafaufgabe. Zudem interessiert sich kein Fussballfan rund um den Globus dafür, welche Politiker einem Fussballspiel beiwohnen und so tun, als ob sie der Ausgang von Russland – Saudiarabien interessieren würde.

Wenn England die WM tatsächlich boykottieren würde (es wird nicht geschehen), könnte sich Wladimir Putin darüber amüsieren, wie sich andere Verbände darum bemühten, die Engländer zu ersetzen. Erster Kandidat wäre Italien, sicher mindestens ein gleichwertiger Ersatz für England und letztlich eine unverhoffte Bereicherung des Turniers.

Sportboykott als einfachste Lösung

Aber der bei politischen Krisen immer wieder auftretende Boykott-Reflex für Sportler ist vom Ansatz her falsch. Grundsätzlich kann ja jeder Fussballer für sich selbst überlegen, ob er an einer Veranstaltung mitspielen will oder nicht, die – je nach Optik – einem missliebigen Politiker oder einem missliebigen System als Propaganda-Veranstaltung dient. Dass jedoch der Sport jedes Mal als Variante für eine solche Demonstrationen herhalten soll, ist die billigste Variante einer Polit-Show.

Es gäbe beispielsweise gute Gründe, Saudiarabien oder die Türkei mit einem weltweiten Waffenembargo zu belegen, aber daran denkt niemand, denn das Geschäft und politische Interessen gehen vor. Der Verzicht auf russisches Erdöl und Erdgas würde Vladimir Putin ernsthafte Probleme bereiten, aber ein solcher Verzicht ist praktisch nicht möglich. Auch bei China, die Diktatur mit dem freundlichen Gesicht, denkt niemand an Embargos und Boykotte. Das Gegenteil ist der Fall, China wird weltweit hofiert. Und wenn US-Präsident Donald Trump gegen einzelne Staaten in seinem Stil auch dort Radau macht, wo es angebracht ist, wird er mehr belächelt als unterstützt.

Wenn also Politiker die Sportler leichtfertig zum Boykott aufrufen, ist grösste Vorsicht angezeigt. Ein Sportboykott ist immer die einfachste Lösung. Sie ist leicht durchzuführen, kostet die Politiker nichts, und umgeht das Risiko, den mächtigen Interessen der Industrie Schmerzen zuzufügen. Aber eben: ein Sportboykott hat die Welt noch nie verbessert.

WM in Katar: Der Streit um die Termine ist absehbar

Guido Tognoni am Donnerstag den 4. Januar 2018
Nachspielzeit

Noch steht vieles in der Planungsphase: Modell des geplanten Al-Thumama-Stadions, eine der Spielstätten der WM 2022. Foto: Naseem Zeitoon (Reuters)

Die kommende WM-Endrunde in Russland steht seit Monaten im Schatten des flächendeckenden Staatsdopings. Um die Endrunde 2022 in Kater ranken sich seit der unnötig frühen Vergabe durch die Fifa im Dezember 2010 Gerüchte und Enthüllungen um Wahlmanöver und Stimmenkauf. Russland und Katar verbreiten unter den Fussballfans keine Freude. Und wann genau in Katar gespielt werden soll, weiss auch noch niemand so richtig.

Die Ausschreibung fand bekanntlich für den Sommer 2022 statt. Kaum war die Abstimmung zugunsten Katars vorüber, wurde einigen Befürwortern Katars – immerhin Mitglieder des höchsten Gremiums des Weltfussballs – bewusst, dass es in der Golfregion im Sommer 45 Grad warm wird, was für Fussball doch ziemlich heiss ist. Es war der Katar-Befürworter Michel Platini, der sogleich den Vorschlag machte, man solle nun halt eben im Winter spielen. Die Fifa fand das eine gute Idee und fasste den entsprechenden Beschluss.

Spätestens nach dem WM-Endspiel vom kommenden Sommer in Russland wird das Thema wieder in den Vordergrund rücken. Fussball-WM im November und Dezember – wie soll das gehen? Die Premier League, die wichtigste Liga des Erdballs, spielt im Dezember, als ob es in den übrigen Monaten keine Zeit für Fussball gäbe, und gönnt sich nicht die kleinste Pause. In Frankreich wurde bis zum 20. Dezember gespielt, in Spanien bis zum 23. Dezember, in Italien noch eine Woche länger, bis zum 30. Dezember. Dass die deutsche Bundesliga von Mitte Dezember bis 12. Januar Pause macht – es ist die kürzeste in der Geschichte der Bundesliga –, ändert nichts am Problem: Es wird viel Streit um die Termine geben.

Fernsehgelder als Knackpunkt

Die 64 Spiele der WM-Endrunde können zwar auf rund 30 Tage komprimiert werden. Aber vor der WM brauchen die Nationalmannschaften noch mindestens zwei Wochen Zeit, um sich auf das Turnier vorzubereiten. Bereits heute reden die Fernsehsender mit, wenn es um die Spielansetzungen der Meisterschaften geht. Diese Mitsprache ist völlig legitim, denn die TV-Gelder sind die mit Abstand grössten Einnahmen in den grossen Ligen Europas. Das Feilschen und Streiten wird also spätestens dann einsetzen, wenn sich Ligen und Verbände richtig bewusst werden, dass es im Spätherbst 2022 zu wochenlangen Spielausfällen kommt, weil die Fifa Katar als Wunschdestination für eine WM-Endrunde bestimmt hat und seither die Zeit im November und Dezember für ein solches Turnier als beste Variante erachtet.

Dass die Medienunternehmen den Milliarden- und Millionensegen auch über die Ligen ergiessen werden, obwohl zahlreiche der besten herbstlichen Spieldaten irgendwann ins Jahr reingezwängt werden müssen, ist nicht anzunehmen. Im gleichen Boot mit dem Fernsehen sitzen die Sponsoren. Der amtierende Fifa-Präsident Gianni Infantino war an der WM-Vergabe nicht beteiligt und muss nun die Suppe auslöffeln. Gegenüber dem TV-Rechtehalter in den USA hat er bereits Konzessionen gemacht, weil im Winter der Fussball mit dem übermächtigen American Football konkurrenzieren muss. Das ist ein kleiner Anfang. Das grosse Daten-Welttheater wird erst noch folgen – sofern die Endrunde 2022 wirklich zum Jahresende gespielt wird.

Wie Formel 1 ohne Ferrari

Guido Tognoni am Dienstag den 14. November 2017

Aus und Schluss: Goalie Gianluigi Buffon und Manolo Gabbiadini nach ihrer WM-Qualifikations-Niederlage (13. November 2017). (Foto: Keystone/Luca Bruno)

Fast pausenloser Ballbesitz, aber kein Tor. Kein Schiedsrichter, der das Schicksal lenken mochte. 0:0, torlos und trostlos. Auch Lucky Losers wie im Tennis, die letzte Hoffnung für Verlierer, welche noch ins Feld nachrücken können, gibt es im Fussball nicht. Es ist schlicht aus und Schluss. Italien, das Land, dessen geografische Form allein schon zur bedingungslosen Teilnahme an jeder Weltmeisterschaft berechtigen sollte, steht im kommenden Jahr vor einem Trauersommer.

Aber auch wir trauern mit. Nur schon die zackige Nationalhymne werden wir vermissen. Und die Hingabe, mit der die italienischen Spieler vor dem Anpfiff ihre Hymne brüllen. Wir werden das lebende Torhüterfossil Gigi Buffon vermissen, die pickelharte Altherrenverteidigung ebenso, auch zuletzt so erfolglose Stürmer wie Ciro Immobile und das Irrlicht Stephan El Shaarawy, genannt Pharao, die offenbar nur in ihren Clubs zur Torproduktion finden. Den zurückgetretenen Mittelfeld-Stoiker Andrea Pirlo vermissen wir schon lange.

Weltmeister der Rollenspiele

Es ist seltsam: Wie schlecht auch die Italiener spielen, sie sind uns letztlich sympathisch. Die durchschaubare Spielfeld-Theatralik eines jeden Einzelnen bei Fouls, Fehlschüssen, Schiedsrichterentscheiden und Simulationen ist ein Teil des Fussballs. Keine andere Mannschaft kann solche Rollenspiele ersetzen.

21 Tore haben die Italiener in den 10 Gruppenspielen erzielt, das ist für eine grundsätzlich defensiv spielende Mannschaft wie Italien, wo für jeden Trainer ein 1:0-Sieg die höchste Erfüllung bedeutet, schon nahe am Torrausch. Davon fielen allerdings 9 Treffer in den bezahlten Trainings gegen Liechtenstein. Es bleiben also 12 Tore in den verbleibenden 8 Spielen und kein einziges, als es wirklich darauf ankam, in der Barrage gegen Schweden.

Die Italiener werden uns in Russland fehlen, mehr noch als die Holländer, die auch für jede WM-Endrunde eine Bereicherung sind. Die es trotz grossartiger Mannschaften regelmässig schafften, nicht zu gewinnen. Notfalls geschah das beim Elfmeterschiessen. Mit einer WM ohne Holland kann man noch leben, aber eine Weltmeisterschaft ohne Italien ist wie die Formel 1 ohne Ferrari: zwar denkbar, aber irgendwie surreal.

Pelé – der Weltstar, der zu früh da war

Guido Tognoni am Donnerstag den 26. Oktober 2017

Einsame Spitze: Pelé holte mit Brasilien dreimal den Weltmeistertitel. 2016 verkaufte er einen grossen Teil seiner Erinnerungsstücke. Der Erlös ging hauptsächlich an ein Kinderkrankenhaus. (Foto: Kirsty Wigglesworth/Keystone)

Kennt sie ihn noch, die Generation Internet? Am Montag wurde er 77 Jahre alt, Edson Arantes do Nascimento, bekannt und bewundert als Pelé, die wohl grösste lebende Legende des Weltsports. Eine Ikone, die jahrzehntelang für den wunderbaren brasilianischen Fussball stand, einen Fussball, den es mittlerweile mit seinem Samba-Merkmal nicht mehr gibt. Sein Stern ging 1958 in Schweden auf, als Pelé im Alter von noch nicht 18 Jahren mit Brasilien erstmals Weltmeister wurde. Es war der erste von fünf Titeln des Rekord-Weltmeisters. Dreimal war Pelé dabei.

Bescheiden

Was man über Pelé nicht nachlesen kann: Er war ein sehr bescheidener Mensch. Er wurde von einigen Agenten übers Ohr gehauen. Erst nach Abschluss seiner Karriere verdiente er durch die Vermarktung seines Namens einigermassen Geld, von dem er vieles wieder an einen üblen Agenten und falschen Freund verlor. Er zeigte zusammen mit Franz Beckenbauer bei den New York Cosmos den Amerikanern, was Fussball ist. Er hatte mehrere Ehen, einen missratenen Sohn, der nach einer mittelmässigen Karriere als Torhüter in die Kriminalität abglitt. Kurze Zeit war er Sportminister Brasiliens. Er stritt sich jahrelang mit Fifa-Präsident João Havelange, den er als einer der Ersten als korrupt bezeichnete, und wurde deshalb von der Fifa ebenso lange mit Nichtbeachtung bestraft. An seinem 50. Geburtstag zog er im San Siro in Mailand nochmals die Fussballschuhe an. Es war nicht sein bestes Spiel.

Als er einmal nach Zürich kam, hielt er eine Verabredung zum Nachtessen ein, nachdem er bereits ein Dinner hinter sich hatte. Wir trafen uns nach 22 Uhr in einem Fondue-Restaurant in Küsnacht, wo Pelé weniger mit dem Fondue als vielmehr mit dem Raclette Freundschaft schloss. Er verzehrte sicher über zehn Portionen und überstand diese Leistung nicht ohne Beschwerden, aber ohne Schaden. Seine Geduld mit Fans, die ein Autogramm wollten, war fast unendlich. Er kritzelte nicht einfach etwas aufs Papier, sondern fragte immer nach dem Namen des Fans und schrieb dann eine kurze persönliche Widmung.

Werbung für Viagra

Inspiration: Künstler Andy Warhol (l.) im Gespräch mit Pelé 1977, den er auch porträtierte. (Foto: Claudia Larson/Keystone)

Pelé machte Werbung für Viagra und Mastercard, für ihn einer der wichtigsten kommerziellen Partner seines Lebens. Eines Tages kam er zu mir ins Büro der Fifa und überreichte einen Plastiksack mit einer Schachtel, die in Papier gewickelt war. Es sah nach einer Videokassette aus, aber es war eine goldene Rolex mit einer persönlichen Widmung auf dem Verschluss. Es war der Dank für eine Empfehlung bei Mastercard. Das war Pelé: Er hat mehr gegeben, als er genommen hat. Seinen Clubs, seinen Fans, einigen seiner Agenten, dem Fussball. Zerstritten mit dem alten Patriarchen João Havelange, hat er von der Fifa nie jene Anerkennung bekommen, die er angesichts seiner Vorbildrolle und seiner Leistungen verdient hätte.

Pelé ist einer der ganz wenigen Figuren des Weltsports, die sich ihren sagenhaften Ruf ohne die Hilfe des Fernsehens erworben haben. Pelé war zu früh da, zu früh für das Fernsehen, zu früh für Hunderte Millionen Zuschauer, zu früh für das grosse Geschäft. Vielleicht war das auch sein Glück: Der Gefahr, dass der liebenswürdige Brasilianer von der unbarmherzigen Maschinerie des Fussballs zermalmt worden wäre, wie etwa später Diego Maradona, musste er sich nicht aussetzen.